Deutlich mehr Corona-Fälle im Norden - Neue Reiseregelung in Kraft

09.10.2020 16:13

Höhere Corona-Zahlen auch im Land zwischen den Meeren. Obendrein
wächst die Zahl der von Beherbergungsverboten betroffenen Kommunen.
Ein Virologe sieht die Weihnachtsmärkte in Gefahr.

Kiel (dpa/lno) - Die verstärkte Ausbreitung des Coronavirus in
Deutschland wirkt sich zunehmend auch auf Schleswig-Holstein aus.
Hier sind zuletzt 79 neue Infektionen nachgewiesen worden. Das ist
der höchste Wert seit April. Die Zahl der Fälle seit Beginn der
Pandemie im Norden erhöhte sich damit bis Donnerstagabend auf 5155,
wie aus den von der Landesregierung im Internet veröffentlichten
Zahlen hervorgeht. Nach Schätzung des Robert Koch-Instituts gelten
rund 4600 von ihnen als genesen. Am Mittwoch waren 45 Neuinfektionen
gezählt worden.

Für Donnerstag wurden mit Ausnahme des Kreises Plön aus allen Kreisen
und kreisfreien Städten neue Fälle gemeldet. Dem Warnwert von 50
Infektionen je 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen kam laut Robert
Koch-Institut Dithmarschen mit 24,0 am nächsten. Die Zahl der
Menschen, die im Zusammenhang mit dem Virus Sars-CoV-2 in
Schleswig-Holstein gestorben sind, blieb bei 162. In Krankenhäusern
wurden am Donnerstag 15 Covid-19-Patienten behandelt, einer mehr als
am Vortag.

Seit Freitag gilt in Schleswig-Holstein die Bestimmung, dass Bürger
aus größeren deutschen Städten und aus Kreisen mit einem Inzidenzwert

ab 50 einen aktuellen negativen Corona-Test vorweisen müssen, wenn
sie als Touristen im Land übernachten wollen. Betroffen waren mit
Stand Freitagvormittag laut Landesregierung 14 Kreise und Städte,
darunter Berlin, Frankfurt und Bremen. Für Privatbesuche im Norden
ohne Übernachtung in Hotels oder Ferienwohnungen gibt es keine
Restriktionen. Ein Sprecher betonte zudem, Hamburger könnten auch
dann nach Schleswig-Holstein kommen, wenn die Hansestadt zum
«Hochinzidenzgebiet» würde - Hotelübernachtungen ausgenommen.

Unterdessen sieht der Epidemiologe Helmut Fickenscher die Gefahr,
dass einschränkende Maßnahmen wie im Lockdown wieder notwendig werden
könnten. «Für Fußball-Bundesligaspiele mit viel Publikum sehe ich
derzeit keine Perspektive», sagte er der Deutschen Presse-Agentur.
Denn es seien Ansteckungen auch im Freien bei
Sport-Großveranstaltungen festgestellt worden. «Deshalb sehe ich auch
die konventionellen Weihnachtsmärkte eher als Gefährdung an.»
Fickenscher zeigte sich skeptisch hinsichtlich «einigermaßen
tragfähiger Hygiene-Konzepte» für Weihnachtsmärkte.

Er teile die Sorge des Robert Koch-Instituts und von
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), dass die Lage bei einem
exponentiellen Anstieg außer Kontrolle geraten könnte, sagte der
Direktor des Instituts für Infektionsmedizin des
Universitätsklinikums Schleswig-Holstein und Präsident der Deutschen
Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten. «Es ist zu
befürchten, dass einschränkende Maßnahmen wieder notwendig werden
könnten.» Der «große Lockdown» sollte natürlich vermieden werde
n
soweit es irgendwie geht.

Zum Risiko, sich in Bussen und Bahnen mit Corona anzustecken, sagte
Fickenscher: «Solange es nur wenig Fahrgäste sind, halte ich es für
sehr unproblematisch.» Es gebe aber immer wieder «die
Sardinendosen-Situation», wo Leute eng beieinander stehen, weil sie
mitgenommen werden wollen. Daher sei der Mund-Nasen-Schutz
essenziell. Ob dieser Winter eine härtere Corona-Belastungsprobe
werde als der Lockdown im Frühling? «Übertragenerweise kann man
sagen: Man muss sich warm anziehen im Herbst und im Winter», sagte
Fickenscher.

Die Ausbreitung des Virus hat auch wieder Krankenhäuser im Norden
getroffen. So fiel bei einer Mitarbeiterin auf der Intensivstation
des St. Franziskus-Hospitals in Flensburg ein Covid-19-Test positiv
aus. Sie habe sich im privaten Umfeld angesteckt, hieß es. Da enge
Mitarbeiter in häusliche Quarantäne mussten, wurde die Aufnahme
weiterer Patienten gestoppt.

In einer Klinik in Bad Segeberg wurde bei einem Patienten eine
Corona-Infektion festgestellt. Dem Kreis zufolge handelt es sich um
einen Einzelfall. Ein genereller Aufnahmestopp oder eine Schließung
einzelner Krankenhausstationen seien daher derzeit nicht notwendig.
In Bordesholm und in Wattenbek im Kreis Rendsburg-Eckernförde wurde
wegen erhöhter Corona-Zahlen die Maskenpflicht ausgeweitet.