Warnung vor unkontrollierter Corona-Ausbreitung - Großstädte im Fokus

09.10.2020 12:52

Bei den Corona-Neuinfektionen in Deutschland gibt es eine rasante
Entwicklung. Der Bundesgesundheitsminister und andere warnen: Die
Lage könnte außer Kontrolle geraten - vor allem in Großstädten. Das

ruft auch die Bundeskanzlerin auf den Plan.

Berlin (dpa) - Sprunghaft steigende Corona-Infektionszahlen in
Deutschland alarmieren die Bundesregierung und Wissenschaftler. Dabei
rückt zunehmend die Entwicklung in den Großstädten in den Fokus.
Gesundheitsminister Jens Spahn rief am Donnerstag zu Wachsamkeit und
raschem Gegensteuern vor Ort auf, um die Lage im Griff zu behalten.
Der jüngste Anstieg auf mehr als 4000 Neuinfektionen binnen eines
Tages sei besorgniserregend, sagte der CDU-Politiker in Berlin. Der
Präsident des bundeseigenen Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar
Wieler, warnte: «Es ist möglich, dass sich das Virus unkontrolliert
verbreitet.» Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) sieht bereits den
Beginn einer sogenannten zweiten Welle.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will trotzdem einen zweiten
Lockdown vermeiden. «Ich möchte nicht, dass sich eine Situation wie
im Frühjahr wiederholt», sagte sie bei einer Vollversammlung des
Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. Der Lockdown sei für die
Bevölkerung ein folgenschwerer Einschnitt gewesen.

Wie das RKI am Donnerstag mitteilte, meldeten die Gesundheitsämter
4058 neue Corona-Infektionen in den vorherigen 24 Stunden. Das sind
gut 1200 mehr als am Mittwoch, als mit 2828 Neuinfektionen ein neuer
Höchstwert seit April gemeldet worden war. Höher war der Stand
zuletzt in der ersten Aprilhälfte gewesen. Auch rings um Deutschland
steigen die Infektionszahlen wieder stark an.

Als ein Schlüssel in Deutschland wird die Entwicklung in den
Großstädten angesehen. In der Hauptstadt Berlin und in anderen
Städten hat die sogenannte 7-Tage-Inzidenz den kritischen 50er-Wert
bereits überschritten. In Berlin sprang der Wert am Donnerstag auf
52,8. Zuvor war er nur in einigen Stadtbezirken über der Grenze von
50 gelegen. In Frankfurt am Main schnellte der Wert am Donnerstag
sogar auf 59,1 hoch.

Merkel will mit den Oberbürgermeistern und Bürgermeistern der elf
größten deutschen Städte an diesem Freitag in einer Videokonferenz
die Lage beraten. Sie werde sich über die Corona-Lage und die vor Ort
eingeleiteten Maßnahmen informieren, sagte ein Regierungssprecher.

Kanzleramtschef Braun sagte im «Frühstart» von RTL/ntv, man sehe in
einigen Großstädten nicht nur, dass der wichtige 50er-Grenzwert
überschritten werde, sondern auch, dass die Zahlen sehr schnell
anstiegen. «Das heißt, dass die Kontaktnachverfolgung in den
Gesundheitsämtern möglicherweise an einigen Stellen nicht mehr
funktioniert, und das ist der klassische Beginn einer zweiten Welle.»
Über diese Regionen müsse man die Kontrolle zurückgewinnen. Dabei
müsse auch wieder über Kontaktbeschränkungen nachgedacht werden.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warnte am Donnerstag im
ZDF-«Morgenmagazin», einige Städte wie Berlin «stehen kurz davor, d
ie
Kontrolle zu verlieren». Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher
(SPD) hatte bereits am Mittwoch im ZDF-«Morgenmagazin» gesagt: «Die
Pandemie wird in den Metropolen entschieden.»

Gesundheitsminister Spahn betonte am Donnerstag, es gelte zu
verhindern, dass es mit schnelleren Zuwächsen zu einem Moment komme,
«wo wir die Kontrolle verlieren». Er sagte zugleich: «Da sind wir
noch nicht.» Es komme nun auf die Balance aus Zuversicht und
Achtsamkeit an. Dies betreffe auch alle Bürger - beim Einhalten von
Schutzregeln wie Abstand und Masken sowie Vorsicht bei Feiern.

«Es liegt an uns allen, ob wir es schaffen», sagte Spahn. «Wenn 80
Millionen mitmachen, sinken die Chancen des Virus gewaltig.» Diese
Pandemie sei auch «ein Charaktertest für uns als Gesellschaft», der
nur gemeinsam zu bestehen sei. In der kalten Jahreszeit komme es
ergänzend aufs Lüften und ein breites Nutzen der Corona-Warn-App an.
Es gebe inzwischen mehr Wissen und Instrumente für den Kampf gegen
das Virus. Die Zahl der Todesfälle und Intensivpatienten in den
Kliniken sei momentan nach wie vor vergleichsweise niedrig.

RKI-Präsident Wieler, betonte: «Die aktuelle Situation beunruhigt
mich sehr.» Man könne nicht wissen, wie sich die Lage in den nächsten

Wochen entwickeln werde. «Es ist möglich, dass wir mehr als 10 000
neue Fälle pro Tag sehen.» Er hoffe aber, dass sich ein Niveau halten
lasse, mit dem man umgehen könne. Ziel sei es, so wenige Infektionen
wie möglich zuzulassen. Dann werde das Gesundheitssystem nicht
überlastet, und nur dann verhindere man viele schwere Verläufe.

Spahn erläuterte, derzeit steckten sich vor allem jüngere Menschen an
- aber nicht nur. Gerade sie hielten sich oft für unverletzlich. «Das
sind sie aber nicht.» Covid-19 sei weiter eine ernsthafte Erkrankung.

Spahn äußerte Verständnis für Corona-Vorgaben bei Urlaubsreisen
innerhalb Deutschlands im Herbst. Wichtig für die Akzeptanz sei aber
ein möglichst einheitlicher Rahmen der Länder. Entscheidend sei eine
rasche Eindämmung von Ausbrüchen in betroffenen Kommunen. Dies sei
«die viel bessere Variante» als Beherbergungsverbote in der Folge.

Die Länder hatten am Mittwoch mehrheitlich beschlossen, dass Reisende
aus Gebieten mit sehr hohen Infektionszahlen nur dann beherbergt
werden dürfen, wenn sie einen höchstens 48 Stunden alten negativen
Corona-Test haben. Greifen soll dies für Reisende aus Gebieten mit
mehr als 50 Neuinfektionen je 100 000 Einwohnern binnen sieben Tagen.

Spahn bekräftigte, dass ab Mitte Oktober auch Schnelltests eingesetzt
werden sollen, vor allem in Pflegeheimen und Kliniken. Durch eine
Bundesbeteiligung an Verträgen seien vorerst bis zu neun Millionen
Schnelltests pro Monat für den deutschen Markt gesichert.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek bleibt bei ihrer
Einschätzung, dass Corona-Impfstoffe für breite Teile der Bevölkerung

bis Mitte 2021 zur Verfügung stehen könnten. «Die Forschung ist im
Moment gigantisch schnell», sagte die CDU-Politikerin in Berlin.

In mehreren Nachbarländern Deutschlands verzeichnen die Behörden so
viele Neuinfektionen binnen eines Tages wie nie zuvor. Polen meldete
am Donnerstag 4280 neue Fälle, nachdem erst am Vortag erstmals die
3000er-Marke überschritten worden war. Das Land führt daher erneut
eine generelle Maskenpflicht in der Öffentlichkeit ein.

In Tschechien kamen am Mittwoch 5335 Fälle hinzu. Die Regierung von
Ministerpräsident Andrej Babis plant ein Maßnahmenpaket, in der
Diskussion ist unter anderem eine komplette Schließung der Theater
und Kinos. Und in Österreich wurden mit 1209 Neuinfektionen erstmals
die Spitzenwerte aus der Hochphase der Pandemie im Frühjahr
überstiegen - wobei Gesundheitsminister Rudolf Anschober darauf
hinwies, dass deutlich mehr getestet werde als damals.

Die Pariser Gesundheitsbehörden rechnen mit einem Zustrom von
Covid-19-Patienten in die Krankenhäuser. Daher wurde ein Notfallplan
aktiviert, mit dem Kliniken nicht dringende Operationen verschieben
können. In Frankreich war bereits am Mittwochabend ein neuer
Höchstwert an Neuinfektionen verkündet worden - mit 18 746 Fällen
innerhalb eines Tages.