Hamburg überschreitet mit 125 Neuinfektionen kritischen Grenzwert

08.10.2020 18:45

Das Damoklesschwert weiterer Corona-Einschränkungen hängt angesichts
steigender Infektionszahlen auch über Hamburg. Wenn der Anstieg nicht
gestoppt werden kann, müssen wieder liebgewonnene Freiheiten
zurückgenommen werden. Der Senat sagt schon mal, ab wann was droht.

Hamburg (dpa/lno) - In Hamburg haben die Corona-Infektionen erstmals
seit April wieder den sogenannten Inzidenzwert von 35 überschritten.
Mit 125 neuen Ansteckungen kletterte der Wert am Donnerstag auf 36,1,
wie die Gesundheitsbehörde mitteilte. Er gibt die Zahl der
Neuinfektionen binnen sieben Tagen pro 100 000 Einwohner an. Am
Mittwoch hatte er noch bei 34,1 gelegen. Damit dürfen Fußballspiele
in Hamburger Stadien ab sofort nur noch vor maximal 1000 Zuschauern
stattfinden. Zudem beschloss der Senat weitere Maßnahmen, die in
Kraft treten, wenn der Inzidenzwert die 35er-Marke an drei Tagen in
Folge überschreitet.

Schon ab Montag solle dann Maskenpflicht für alle Personen überall in
gastronomischen Einrichtungen und im Einzelhandel, also auch für das
Personal gelten, teilte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) nach
Beratungen seines rot-grünen Senats mit. «Darüber hinaus werden wir
die Einhaltung der Regeln, insbesondere in der Gastronomie, noch
stärker kontrollieren.»

Sollte die Zahl der Infektionen sich weiter auf aktuellem Niveau
bewegen, müssen laut Beschluss ab Montag auch Mund-Nase-Bedeckungen
bei allen sonstigen Veranstaltungen in geschlossenen Räumen und in
Gebäuden mit Publikumsverkehr sowie an besonderen öffentlichen
Plätzen getragen werden, an denen es zu größeren Ansammlungen und
Enge komme. Gesichtsvisiere würden grundsätzlich nicht mehr als
ausreichende Alltagsmaske anerkannt und seien nur noch ausnahmsweise
zulässig, etwa bei Menschen mit Behinderungen.

Die Kulturbehörde betonte, dass ja bereits jetzt schon in Theatern,
Kinos, Konzerthäusern oder dem Planetarium eine Maskenpflicht bis zum
Einnehmen des Sitzplatzes gelte. Die Maske könne dann aber abgenommen
werden. Diese Regelung solle auch weiterhin so bestehen bleiben. «Es
ist aktuell nicht geplant, dass Masken während der gesamten
Veranstaltung getragen werden müssen», hieß es.

«Die Hamburger Corona-Regelungen sind gut begründet und wirksam gegen
die Virusausbreitung», sagte Tschentscher. «Mit ihrer konsequenten
Einhaltung können wir eine erneute umfassende Einschränkung des
öffentlichen Lebens wie im Frühjahr verhindern.»

Die Einschränkungen beim Sport fallen wieder weg, sobald der
Inzidenzwert unter 35 fällt. Alle anderen Lockerungen sind laut
Senatsbeschluss erst wieder möglich, wenn der Wert mindestens drei
Tage unter der Marke bleibt. Bislang galt ein Inzidenzwert von 50 als
Grenze, ab dem spätestens schärfere Maßnahmen ergriffen werden
müssen. Fest steht schon, dass dann Feiern im privaten Rahmen auf
höchstens 10 und in angemieteten Räumen auf höchstens 25 Teilnehmer
beschränkt werden müssen.

Am Mittwoch hatte Wirtschaftssenator Michael Westhagemann bereits
schärfere Maßnahmen für die Gastronomie ähnlich wie in Berlin in
Aussicht gestellt, sollte der Inzidenzwert weiter in Richtung 50
steigen. Als Beispiele nannte er «eine mögliche Sperrstunde, ein
Alkoholverbot oder eine deutliche Reduzierung der gleichzeitig
anwesenden Gäste».

Am Freitag wird Tschentscher gemeinsam mit den Oberbürgermeistern und
Regierungschefs von elf großen deutschen Städte in einer
Telefonkonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über das
weitere Vorgehen beraten. Neben Hamburg sind nehmen auch Berlin,
Bremen, München, Frankfurt am Main, Köln, Düsseldorf,
Dortmund, Essen, Leipzig und Stuttgart teil.

In der Industrie wächst unterdessen die Sorge vor einem zweiten
Lockdown. Der Vorsitzende des Hamburger Industrieverbands (IVH),
Matthias Boxberger, appellierte an Bevölkerung und Behörden, alles zu
unternehmen, um ein erneutes Corona-bedingtes Herunterfahren
wichtiger Wirtschafts- und Lebensbereiche zu verhindern. «Ein zweiter
Lockdown hätte für die sich langsam wieder erholende deutsche
Wirtschaft fatale Auswirkungen.»

Hamburg legt für seine Entscheidungen zur Eindämmung der Pandemie
seit Ende September einen selbst errechneten Inzidenzwert zugrunde,
nachdem es immer wieder zu Abweichungen mit dem vom Robert
Koch-Institut (RKI) genannten Wert gekommen war. Auch am Donnerstag
gab das RKI die Sieben-Tage-Inzidenz für Hamburg nur mit 27,1 an.

Die Gesamtzahl der seit Ausbruch der Pandemie bestätigten Infektionen
erhöhte sich am Donnerstag auf 8668. Etwa 6900 Infizierte können nach
RKI-Schätzung inzwischen als genesen angesehen werden. In Hamburger
Krankenhäusern wurden 59 Covid-19-Patienten behandelt, zwei mehr als
am Vortag. Die Zahl der Patienten auf Intensivstationen blieb
unverändert bei zwölf.

Bislang starben nach Angaben des Instituts für Rechtsmedizin am
Universitätsklinikum Eppendorf 241 Menschen in Hamburg an Covid-19.
Die Zahl blieb auch am Donnerstag unverändert. Das RKI nannte für
Hamburg 276 Tote, zwei mehr als am Vortag.

Die Hamburger Gesundheitsbehörde lässt alle gestorbenen
Corona-Patienten obduzieren. Das Institut für Rechtsmedizin zählt auf
dieser Grundlage dann sämtliche Fälle, bei denen jemand einer
Covid-19-Erkrankung erlegen ist. Das RKI zählt alle Personen, die im
Zusammenhang mit einer Sars-CoV-2-Infektion gestorben sind.