Corona-Krise vertieft Brüche in israelischer Gesellschaft Von Tamara Zieve und Sebastian Engel, dpa

08.10.2020 12:25

In Israel gilt ein zweiter Lockdown. Grund sind massiv gestiegene
Infektionszahlen. Die Maßnahmen verschärfen Spannungen zwischen
Säkularen und Strengreligiösen.

Tel Aviv (dpa) - «Dies ist kein Konflikt zwischen den Bürgern und der
israelischen Polizei.» Zu dieser bemerkenswerten Aussage sieht sich
in dieser Woche Israels Präsident Reuven Rivlin gezwungen.
Auseinandersetzungen mit Anti-Regierungs-Demonstranten, Zusammenstöße
mit Ultraorthodoxen und tausendfach verhängte Strafen wegen Verstößen

gegen die Corona-Regeln: Der Polizei wird teils ein überhartes
Vorgehen vorgeworfen. Sie ist aber auch eine Art Prellbock des Ärgers
über den zweiten landesweiten Lockdown und seine als überzogen,
ungerecht oder antidemokratisch empfundenen Restriktionen.

Ihre zahlreichen Einsätze zeugen zudem von mangelnder Solidarität und
sich verstärkenden Brüchen in der israelischen Gesellschaft - und das
zu einer Zeit, da Israel eine der höchsten Corona-Infektionsraten
weltweit aufweist.

Der zweite Lockdown steht von Anbeginn auf tönernen Füßen. Er sei
viel härter für die Bevölkerung, «sowohl psychisch als auch
wirtschaftlich», sagt Sigal Bar-Tzvi. Sie ist bei der israelischen
Polizei für die Durchsetzung der Corona-Regeln zuständig. «Das Gefü
hl
ist da, dass die Öffentlichkeit müde ist, ermattet, besorgt und
manchmal auch gebrochen.»

Zu persönlichen Sorgen und wachsendem Misstrauen in die Regierung
gesellt sich immer mehr Argwohn unter einzelnen Gesellschaftsgruppen.
Im Fokus stehen vor allem Gegner von Benjamin Netanjahu, die seit
Monaten zu Tausenden gegen den wegen Untreueverdachts angeklagten
Ministerpräsidenten protestieren, und ultraorthodoxe Juden. Mit den
neuen Restriktionen hat die Regierung ihre Belange und Interessen
miteinander gekoppelt. Beide Gruppen fühlen sich benachteiligt - und
beobachten genau, welche Zugeständnisse die andere Seite bekommt.

Für Demonstrationen und Gebete gilt wegen einer möglichen
Infektionsgefahr derzeit das Gleiche: Sie sind im Freien innerhalb
eines Umkreises von einem Kilometer vom Wohnort in Gruppen von
maximal 20 Teilnehmern erlaubt. Größere Freiheiten wurden Gläubigen
allerdings an Jom Kippur eingeräumt, dem höchsten jüdischen Feiertag.

Viele beteten freiwillig draußen, doch in einer Synagoge in Jerusalem
versammelten sich Berichten zufolge Tausende, viele ohne Maske. Und
auch in dieser Woche gab es ein Zugeständnis. In Aschdod wird es
Tausenden Ultraorthodoxen gestattet, an der Beerdigung eines Rabbis
teilzunehmen. Als Polizisten dann doch eingreifen, um Corona-Regeln
durchzusetzen, werden sie von manchen als «Nazis» beschimpft.

Viele Ultraorthodoxe fühlen sich nicht vom Staat Israel vertreten.
Sie leben teilweise in einer Art Parallelwelt und folgen eher
Vorgaben ihrer Führung als denen des Staates. Strengreligiöse
Parteien sind auch an Netanjahus zerstrittener Koalition beteiligt.

Der Aufschrei unter den Regierungsgegnern wegen der Beerdigung ist
groß, gelten ihnen die gegen sie gerichteten Beschränkungen doch als
Instrument, um ihre Demonstrationen abzuwürgen. Die Erlaubnis sorgt
aber auch in der breiten Bevölkerung für Unmut und Unverständnis.
Nach Angaben des Corona-Beauftragten der Regierung, Ronni Gamzu,
sollen 40 Prozent der zuletzt positiv getesteten Menschen der
ultraorthodoxen Gemeinschaft entstammen. Die Strengreligiösen machen
nur etwa zwölf Prozent der rund neun Millionen Einwohner Israels aus.

Säkulare warfen der Polizei bereits zuvor vor, zu nachsichtig mit den
Ultraorthodoxen zu sein. Während des Lockdowns gibt es immer wieder
Berichte über große Feiern von Strenggläubigen, ohne Abstand, ohne
Masken. Die Zeitung «Haaretz» berichtet zuletzt gar von einer
Absprache von Polizei und Rabbis in Jerusalem: Großveranstaltungen
würden geduldet, solange keine Videos davon auftauchen. Die Polizei
weist dies zurück. In den vergangenen Tagen hat sie mehrfach
versucht, gegen Corona-Verstöße in Ultraorthodoxen-Hochburgen
durchzugreifen.

Die meisten Rabbis verstünden die Gefahr, die vom Coronavirus
ausgehe, sagt die Polizeibeamtin Bar-Tzvi. Es gebe aber auch einige,
die sich weigerten, die Lockdown-Bestimmungen einzuhalten und mit den
Behörden zusammenzuarbeiten. Sie mahnt: «Wir müssen die Pandemie
bekämpfen und nicht uns gegenseitig.»

Experten in Israel betrachten die generelle Entwicklung jedoch mit
Sorge. In der derzeitigen Situation scheine das nationale öffentliche
Interesse marginalisiert, schreibt die Wissenschaftlerin Carmit Padan
vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS). Jeder mache,
was in seinen Augen das Richtige sei. Dies führe zu großen Hochzeiten
in der arabischen Bevölkerung, Gebeten mit vielen Teilnehmern in der
ultraorthodoxen Gemeinschaft sowie Partys und Demonstrationen bei den
Säkularen. Einen kurzfristigen Ausweg zu finden, ist aus ihrer Sicht
schwierig. Letztlich müsse eine neue soziale Ordnung gefunden werden
- basierend auf einem Gemeinwohl, mit dem sich alle unterschiedlichen
Teile der israelischen Gesellschaft identifizieren können.