Reinhard Genzel - Vom Speerwerfer zum Nobelpreisträger für Physik Von Angelika Resenhoeft und Cordula Dieckmann, dpa

06.10.2020 16:42

Über Jahre blickt Reinhard Genzel mit einem Teleskop ins All. Das
Zentrum der Milchstraße und die Bahnen der Sterne faszinieren den
Astrophysiker besonders. Für eine bahnbrechende Entdeckung dabei wird
er nun mit der bekanntesten Auszeichnung der Physik geehrt.

Garching (dpa) - Schwarze Löcher gehörten lange zu den größten
Rätseln der Astronomie. Der Astrophysiker Reinhard Genzel vom
Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik (MPE) in Garching
bei München hat entscheidend dazu beigetragen, Licht in dieses Dunkel
zu bringen. Er beschäftigt sich mit dem gigantischen Schwarzen Loch
im Zentrum unserer Galaxie. Und er brauchte viel Geduld: Es dauerte
mehr als ein Vierteljahrhundert, bis er dort ein gigantisches,
supermassereiches, kompaktes Objekt nachwies. Dafür wurde dem
68-Jährigen nun am Dienstag der Nobelpreis für Physik zuerkannt.

Eine Ehre, die den Astrophysiker überraschte, als er an diesem trüben
Oktobervormittag in seinem Büro in Garching in einer Videokonferenz
war - und das Telefon klingelte. «Da sprach diese Stimme und sagte,
«This is Stockholm»», erzählte der 68-Jährige. Was für eine
Situation. «Viele Nobelpreisträger erzählen einem diese Geschichte
und man glaubt es nicht, wenn es kommt.» Seine Gefühlslage in dem
Moment: sehr emotional. «Ein paar Tränen waren auch dabei.»

Wer ist dieser Wissenschaftler, den die Königlich Schwedische
Akademie der Wissenschaften nun mit höchsten Ehren bedenkt? Genzel
wird am 24. März 1952 im hessischen Bad Homburg geboren. In Freiburg
geht er auf ein humanistisches Gymnasium, wie er 2008 anlässlich der
Verleihung des Shaw-Preises schreibt. Er lernt Latein und Griechisch:
«Vielleicht hat mich das zu einem lebenslangen Interesse an
Geschichte und Archäologie geführt.» Dass er Physiker wurde, war
nicht überraschend. Schließlich war sein Vater ein experimenteller
Festkörperphysiker, «und ich habe den größten Teil meiner frühen

Physik von ihm gelernt».

Intensiv treibt Genzel auch Sport - und ist richtig gut. «Bis heute
bin ich stolz darauf, einer der besten jungen Speerwerfer
Deutschlands gewesen zu sein», schreibt er. «Ich schaffte es sogar in
die deutsche Leichtathletik-Nationalmannschaft der Junioren, die für
die Olympischen Spiele 1972 in München trainierte.»

Nach einer allgemeinen physikalischen Ausbildung an den Universitäten
in Freiburg und Bonn promoviert Genzel 1978 am Max-Planck-Institut
für Radioastronomie in Bonn. 1976 heiratet er eine Ärztin, das Paar
hat zwei Töchter. Viele Jahre arbeitet er in den USA. Seit 1986 ist
er Direktor und wissenschaftliches Mitglied am MPE, arbeitet aber
auch an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seine Arbeit
erregt Aufmerksamkeit und beschert ihm viele Preise, darunter den
Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(1990) und das Große Verdienstkreuz (mit Stern) der Bundesrepublik
Deutschland (2014).

Ein Wissenschaftler, der sich vergräbt - das ist Genzel auf keinen
Fall, glaubt man denen, die ihn gut kennen. Anton Zensus ist so
einer. Der Direktor am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in
Bonn ist dem 68-Jährigen seit mehr als 40 Jahren verbunden. «Ich
kenne ihn als hervorragenden Sportler und in seiner Frühzeit als
Tischtennisspieler». Vor allem imponiert ihm die Begeisterung, mit
der Genzel an die Wissenschaft herangeht. «Er hat die Forschung auch
bei der Max-Planck-Gesellschaft so unterstützt, dass wir auf
Weltklasse-Niveau mitspielen.»

Dieter Breitschwerdt, Astrophysiker von der Technischen Universität
(TU) Berlin, beschreibt Genzel als jemanden, der von der Wissenschaft
besessen ist, «im positiven Sinne». Das habe er auch von seinen
Mitarbeitern erwartet. «Die waren vielleicht nicht immer glücklich
darüber. Aber all seine Leute in der Gruppe haben eine gute Karriere
gemacht und haben sehr viel gelernt.» Zudem habe Genzel immer Fragen
gestellt, die an den Kern der Sache gehen. «Er hat weniger Wert
darauf gelegt, immer nett und höflich zu sein, sondern war eher
wissenschaftlich direkt.»

Nun hat Genzel guten Grund, zu lachen, was er am Dienstag auch
ausgiebig tut. Während er vor der versammelten Presse über seine
Forschung redet, stiehlt sich immer wieder ein Grinsen in sein
Gesicht. Wissenschaft ist Teamarbeit, darauf weist er immer wieder
hin. Und man dürfe sich jetzt nicht ausruhen und einschlafen. «Von
nix kommt nix». Die junge Generation müsse am Ball bleiben, hart
arbeiten und dann könne es auch weitergehen. Auch auf ihn selbst
warten unruhige Zeiten, «dass ich auf allen Dinners erscheinen soll».
Aber da gebe es ja noch diese Pandemie. «Da kann ich auch mal sagen,
ich komme nicht».