Lauterbach: «Präsenzunterricht kann zum Superspreadingevent werden»

06.10.2020 10:22

Berlin (dpa) - Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dämpft
Hoffnungen auf einen schon 2021 verfügbaren Corona-Impfstoff für
Kinder - und fordert angesichts steigender Infektionszahlen
gestaffelte Unterrichtszeiten während der kalten Monate.
«Präsenzunterricht kann zum Superspreadingevent im Herbst und Winter
werden», sagte der studierte Epidemiologe der «Rheinischen Post»
(Dienstag). Um das Infektionsgeschehen einzudämmen, rät Lauterbach
dazu, den Unterricht für einen Teil der Schüler morgens und für die
anderen am Mittag zu beginnen. «Dafür braucht es einen entschlackten
Lehrplan für das laufende Schuljahr, in dem manche Fächer
ausnahmsweise nicht unterrichtet werden müssen - oder nur noch
virtuell.» So würden überfüllte Klassenräume und Stoßzeiten an
den
Schulen verhindert und das Risiko für Ansteckungen etwa in Bussen und
Bahnen verringert.

Zurzeit laute das Motto an den Schulen aufgrund fehlender Konzepte
der Kultusministerien «Maske auf und durch», kritisierte Lauterbach.
«So gefährden die zuständigen Behörden unter Umständen die Gesund
heit
der Schüler, Lehrer und Eltern und riskieren immer weiter steigende
Infektionszahlen, weil Schüler das Virus genauso wie Erwachsene
weitergeben können.»

Viele Eltern sehen Fernunterricht allerdings sehr skeptisch, wie eine
Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für «Focus Online»
zeigt. Demnach sind sieben von zehn Befragten der Meinung, dass
sogenanntes Homeschooling mehr Nachteile als Vorteile bedeutet. 76
Prozent finden, dass ihre Kinder durch Fernunterricht eher oder
eindeutig schlechter auf die Zukunft vorbereitet werden als bei
herkömmlichem Präsenzunterricht. Das liegt den Eltern zufolge sowohl
an der mangelnden technischen Ausstattung der Schulen sowie der
fehlenden Kompetenz der Lehrkräfte.

Lauterbach rechnet damit, dass die Schulen noch das ganze Schuljahr
2020/2021 mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen haben werden
und ihre Unterrichtspraxis radikal umstellen müssen. Das gelte umso
mehr, weil junge Menschen wahrscheinlich nicht zur gleichen Zeit wie
Erwachsene geimpft werden könnten. «Es ist nicht zu erwarten, dass
wir im kommenden Jahr Kinder und Jugendliche impfen können», sagte
Lauterbach der «Rheinischen Post». Sie seien nicht Teil laufender
Studien, «weswegen ein möglicher Impfstoff für junge Menschen nicht
zugelassen werden kann».