Medizin-Nobelpreis an Hepatitis-C-Forscher: Wegbereiter für Therapien

05.10.2020 16:55

Sie entdeckten einen potenziell tödlichen Erreger und machten
Blutspenden wesentlich sicherer: Drei Virusforscher erhalten den
Medizin-Nobelpreis. Millionen Menschen verdanken ihnen ihr Leben.

Stockholm (dpa) - Der diesjährige Medizin-Nobelpreis geht an drei
Virusforscher. Harvey J. Alter (USA), Michael Houghton
(Großbritannien) und Charles M. Rice (USA) hätten mit ihren
Entdeckungen zum Hepatitis-C-Virus die Grundlage dafür gelegt, den
Erreger nachweisen und beseitigen zu können, hieß es am Montag in
Stockholm (Schweden) vom Nobelkomitee. Sie trugen demnach maßgeblich
zur Entwicklung von Bluttests und neuen Medikamenten bei, die
Millionen Menschen das Leben retteten.

Lange Zeit war Hepatitis C eine schlecht zu behandelnde chronische
Erkrankung, viele der Betroffenen entwickelten als Spätfolge
Leberzirrhose und Leberkrebs. Heute ist es in den meisten Fällen
möglich, das verursachende Virus zu beseitigen.

Der 1935 in New York geborene Harvey J. Alter hatte als Erster
nachweisen können, dass ein bis dato unbekanntes Virus eine
chronische Hepatitis auslösen kann. Dem 1949 geborenen Briten Michael
Houghton gelang es, das Genom des neuen Virus zu isolieren. Es bekam
den Namen Hepatitis-C-Virus. Charles M. Rice, 1952 in Sacramento
(USA) geboren, lieferte schließlich den Beweis dafür, dass das
Hepatitis-C-Virus allein Hepatitis verursachen kann.

Gerade mit Blick auf die Entwicklung von Medikamenten leistete zudem
auch ein deutscher Wissenschaftler einen wichtigen Beitrag: Ralf
Bartenschlager von der Universität Heidelberg. Ihm gelang es, das
Virus im Labor zu vermehren - eine wichtige Voraussetzung, um die
Wirkung von Medikamenten zu untersuchen. Den Nobelpreis, die höchste
Ehrung in der Medizin, dürfen sich allerdings nicht mehr als drei
Personen teilen.

Dass Bartenschlager nicht mit geehrt wurde, stieß bei Fachkollegen
auf Bedauern: «Er hätte es auch absolut verdient», sagte Michael
Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Auch Reinhold
Kreutz, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie und
Toxikologie der Charité in Berlin, sagte, Bartenschlager sei
«fundamental» beteiligt gewesen. Der Nobelpreis an die ausgewählten
Hepatitis-C-Forscher sei aber verdient, betonten beide Experten.
Bartenschlager selbst sagte, dass es der Beitrag von vielen gewesen
sei, dass man heute fast alle Betroffenen heilen könne.

Das Hepatitis-C-Virus wird meist über infiziertes Blut übertragen.
Die akute Infektion verläuft oft unbemerkt, unbehandelt nimmt sie
häufig einen chronischen Verlauf. Nach vielen Jahren können die
Betroffenen Leberzirrhose und Leberkrebs bekommen.

Nach WHO-Angaben sterben jährlich weltweit noch immer fast 400 000
Menschen infolge einer Hepatitis-C-Infektion, 71 Millionen Menschen
sind chronisch infiziert. Europa gehört zu den stark betroffenen
Regionen. In Deutschland erkrankten laut Robert Koch-Institut (RKI)
im Jahr 2019 knapp 6000 Menschen, insgesamt sind schätzungsweise 250
000 Menschen infiziert. Betroffen sind oft Menschen, die sich Drogen
spritzen oder früher einmal gespritzt haben. Das Virus kann durch
gemeinsames Benutzen von Spritzbesteck übertragen werden.

«Mit der Identifikation der Hepatitis-C-Viren haben Alter, Houghton
und Rice den Weg für die Entwicklung von Bluttests und Medikationen
geebnet, mit der sich die Erkrankung so gut behandeln lässt, dass sie
in der Regel durch eine zwei- bis dreimonatige Therapie sicher
ausgeheilt werden kann», erklärte Frank Schuppert, Direktor der
Klinik für Gastroenterologie, Endokrinologie, Diabetologie und
Allgemeine Innere Medizin am Klinikum Kassel.

Trotz aller Erfolge - eine Impfung gibt es anders als gegen Hepatitis
A und B bis heute nicht. «Das Virus (Hepatitis C) ist sehr variabel
und ändert seine Hüllbestandteile schnell. Man kann sich auch erneut
wieder anstecken, wenn man es mal gehabt hat», sagte der Hepatologe
Thomas Berg vom Universitätsklinikum Leipzig.

In Impfstoff-Feld gebe es sehr wenig Dynamik, so Bartenschlager. Die
Pharma-Industrie sei eigentlich zufrieden, weil man gut therapieren
könne. «Damit ist natürlich der Schwung und der Wille, Geld und Zeit

und Energie in die Entwicklung eines Impfstoffes bei der Hepatitis C
zu stecken, recht moderat ausgeprägt.»

Der Nobelpreis ist nicht der erste wichtige Preis, den die
Wissenschaftler für ihre Forschungsarbeit bekamen. Alle drei haben
bereits den renommierten Lasker-Preis für klinisch-medizinische
Forschung erhalten: Rice im Jahr 2016 gemeinsam mit Bartenschlager,
Alter und Houghten zusammen im Jahr 2000.

Alter, der von Kollegen als sehr humorvoll beschrieben wird, fand die
nächtliche Störung zunächst nicht besonders lustig. Als das Telefon
bei ihm an der US-Ostküste gegen 4.45 Uhr klingelte, habe er gedacht,
was denn zum Teufel los sei, erzählt er in einem auf dem
Twitter-Account der Nobelpreise veröffentlichten Telefonat. «Beim
dritten Mal bin ich dann wütend aufgestanden, um ranzugehen - dann
war Stockholm dran. Das war eine verrückte Erfahrung.» Auch Rice
wurde vom Sekretär der Nobelversammlung wachgeklingelt.

Die höchste Auszeichnung für Mediziner ist in diesem Jahr mit zehn
Millionen schwedischen Kronen (rund 950 000 Euro) dotiert, eine
Million Kronen mehr als im Vorjahr. Seit 1901 haben 219 Menschen den
Medizin-Nobelpreis erhalten, darunter 12 Frauen. Im vergangenen Jahr
erhielten William Kaelin (USA), Peter Ratcliffe (Großbritannien) und
Gregg Semenza (USA) den Preis. Sie hatten entdeckt, wie Zellen den
Sauerstoffgehalt wahrnehmen und sich daran anpassen.

Mit dem Medizin-Preis startete der Nobelpreis-Reigen. Am Dienstag und
Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Preises
benannt. Am Donnerstag wird bekanntgegeben, wer den diesjährigen
Literatur-Nobelpreis erhält und am Freitag der Träger des
diesjährigen Friedensnobelpreises. Die Reihe der Bekanntgaben endet
am folgenden Montag, 12. Oktober, mit dem von der schwedischen
Reichsbank gestifteten sogenannten Wirtschafts-Nobelpreis.

Die feierliche Vergabe aller Auszeichnungen findet traditionsgemäß am
10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.