Wie geht es Trump wirklich? Von Can Merey, dpa

04.10.2020 19:39

Donald Trumps Leibarzt äußert sich über den weltweit prominentesten
Covid-Patienten. Der Auftritt soll Vertrauen schaffen - und bewirkt
das Gegenteil. Klar ist: Vor seinem Flug ins Krankenhaus ist Trumps
Zustand viel ernster gewesen, als das Weiße Haus eingeräumt hat.

Washington (dpa) - Der Patient Donald Trump hat seine erste Nacht im
Walter-Reed-Militärkrankenhaus in Bethesda verbracht, als sein
Leibarzt Sean Conley dort am Samstag vor die Journalisten tritt. Dass
der US-Präsident sich nicht nur mit dem Coronavirus infiziert hat,
sondern sogar ins Krankenhaus geflogen wurde, hat die Nation zutiefst
verunsichert. Conley wird von gleich neun Kolleginnen und Kollegen in
weißen Kitteln flankiert, seine Mission: Die Amerikaner über Trumps
Gesundheitszustand aufzuklären. Keine 13 Minuten dauert der Auftritt.
Danach ist nicht nur die Verunsicherung, sondern auch das Misstrauen
gegenüber dem Weißen Haus noch größer als zuvor.

DIE ANONYME QUELLE

Conley und sein Ärzteteam zeichnen am Samstag vor den Journalisten
ein rosiges Bild vom Zustand des 74-Jährigen - doch nur wenige
Minuten nach dem Ende des Briefings steckt eine anonyme Quelle den
Reportern ganz andere Informationen: «Die Werte des Präsidenten in
den vergangenen 24 Stunden waren sehr besorgniserregend», heißt es
da. Die nächsten 48 Stunden würden entscheidend. «Wir befinden uns
noch immer nicht auf einem klaren Weg zu einer vollständigen
Genesung.» Später stellt sich heraus: Die Quelle ist Trumps Stabschef
Mark Meadows gewesen. Der CNN-Journalist Jim Acosta schreibt am
Sonntag auf Twitter unter Berufung auf informierte Kreise, Trump sei
stinksauer auf Meadows wegen dessen Äußerungen.

DER LEIBARZT WEICHT AUS

Auch ohne Meadows Querschuss wirft Conleys Auftritt am Samstag
zahlreiche Fragen auf. Keine Antwort gibt der Arzt darauf, wie hoch
Trumps Fieber war. Keine Angaben auch dazu, wie Trump sich angesteckt
haben könnte. Wiederholt weicht der Mediziner der Frage aus, ob Trump
irgendwann im Verlauf seiner Covid-19-Erkrankung zusätzlichen
Sauerstoff benötigt habe. «Er bekommt im Moment keinen Sauerstoff»,
antwortet Conley mehr als einmal. Warum sich Conley derart windet,
wird bald darauf klar: Die «New York Times» berichtet, Trump habe am
Freitag Atemprobleme gehabt und Sauerstoff verabreicht bekommen.

«LEICHTE SYMPTOME»?

Meadows räumt am Samstagabend im Sender Fox News ein: «Gestern waren

wir wirklich besorgt. Er hatte Fieber, der Sauerstoffgehalt seines
Bluts war rapide gefallen.» Am Freitag hatte der Stabschef vor
Journalisten noch behauptet, Trump zeige nur «leichte Symptome», der
Präsident sei «in guter Stimmung» und sehr energiegeladen. Am Sonntag

gibt dann auch Conley zu, dass Trumps Sauerstoffwerte gefallen seien
- und zwar nicht nur am Freitag, sondern auch am Samstag.

VERSUCH DER RECHTFERTIGUNG

Der Leibarzt versucht sich am Sonntag mit einer Rechtfertigung: «Ich
habe versucht, die optimistische Haltung wiederzugeben, die das Team,
der Präsident und sein Krankheitsverlauf an den Tag gelegt haben. Ich
wollte keine Informationen geben, die den Krankheitsverlauf in eine
andere Richtung lenken könnten. Und dabei kam es so rüber, als ob wir
versuchen, etwas zu verbergen, was nicht unbedingt gestimmt hat.»
Nicht unbedingt? Conley sagt jedenfalls: «Tatsache ist, dass es ihm
sehr gut geht.» Sein Kollege Brian Garibaldi fügt hinzu, sollte es
Trump weiterhin so gut gehen, «hoffen wir, dass wir für eine
Entlassung ins Weiße Haus bereits morgen planen können».

WANN LAG TRUMPS TESTERGEBNIS VOR?

Eine weitere zentrale Frage lässt Trumps Leibarzt unbeantwortet: Wann
der Präsident zuletzt negativ getestet wurde. Stattdessen sorgt
Conley für Verwirrung, als er am Samstag sagt, die Corona-Diagnose
liege «72 Stunden» zurück. Das wäre verheerend für Trump: Dann h
ätte
er gewusst, dass er hochansteckend ist, bevor er am Mittwochabend und
Donnerstagnachmittag in Minnesota und New Jersey Spender traf, um
Gelder für seinen Wahlkampf einzusammeln.

Schon so steht der Präsident in der Kritik, weil das Weiße Haus vor
seinem Treffen am Donnerstag Kenntnis davon hatte, dass eine seiner
engsten Beraterinnen mit dem Virus infiziert war. Conley verfasst
wenig später eine vom Weißen Haus verbreitete «Klarstellung», in de
r
es heißt, er habe sich falsch ausgedrückt. Tatsächlich habe Trumps
positives Testergebnis erst am Donnerstagabend vorgelegen.

TRUMP UND DIE KRANKENHÄUSER

Die «New York Times»-Journalistin Maggie Haberman schreibt auf
Twitter mit Blick auf Conleys Auftritt vom Samstag, der Arzt habe
seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. «Das liegt zum Teil daran,
dass er den Wünschen eines Patienten nachkommt, der nicht will, dass
die Information über gestern offengelegt wird», heißt es in Habermans

Tweets unter Berufung auf Trumps Umfeld. Sein ganzes Leben lang habe
Trump eine Phobie vor Krankheiten und ein extremes Misstrauen
gegenüber Krankenhäusern gehabt. «Er wäre nicht in ein Krankenhaus

gegangen, wenn es ihm relativ gut ginge.»

EINE REINE VORSICHTSMASSNAHME?

Der Sender CNN berichtet, Berater hätten Trump drängen müssen, in d
en
Hubschrauber zu steigen, der ihn am Freitagabend ins Krankenhaus
brachte. Das Weiße Haus hatte von einer reinen Vorsichtsmaßnahme
gesprochen. Trump - der vor der Wahl in rund einem Monat eigentlich
noch jede Menge Auftritte geplant hat - sagte in einer Videobotschaft
vom Freitagabend: «Ich denke, mir geht es sehr gut.» Am Samstagabend
scheint er sich im Nachhinein selbst zu widersprechen, als er in
einem Video aus dem Krankenhaus sagt: «Ich kam hierhin, fühlte mich
nicht so gut.» Jetzt gehe es ihm aber «viel besser».

DER FALL BORIS JOHNSON

Trump sagt mit Blick auf seine Infektion auch, erst in den nächsten
Tagen stehe ihm «die wahre Prüfung» bevor. Das erinnert an die
Covid-19-Erkrankung seines Freundes Boris Johnson. Auch beim
britischen Premierminister war zunächst von «leichten Symptomen» die

Rede. Johnsons Verlegung ins Krankenhaus nannte die Regierung
ebenfalls eine «Vorsichtsmaßnahme». Neun Tage nach seinem positiven
Test lag Johnson dann auf der Intensivstation.

EIN VERDÄCHTIGES ARZTSCHREIBEN

Um die Glaubwürdigkeit Trumps (nicht nur) in medizinischen Fragen ist
es schon vor seiner Erkrankung schlecht bestellt gewesen. Sein
Wahlkampfteam präsentierte im Jahr 2015 das Schreiben eines Arztes
namens Harold Bornstein, in dem es hieß: «Ich kann eindeutig sagen,
dass Herr Trump, sollte er gewählt werden, die gesündeste Person sein
wird, die je in das Präsidentenamt gewählt wurde.» Der Duktus
erinnerte wohl nicht umsonst an den Präsidenten der Superlative.
Bornstein sagte dem Sender CNN vor knapp zweieinhalb Jahren: «Er hat
den ganzen Brief diktiert. Ich habe diesen Brief nicht geschrieben.»

KANN MAN DEM WEISSEN HAUS VERTRAUEN?

Die «Washington Post» meint, man könne diesem Weißen Haus nicht
vertrauen, dass es wahrheitsgemäß über Trumps Gesundheitszustand
informiere. Die Nachrichtenseite Axios schreibt in einem Newsletter
sogar von «Vertuschung» und fragt, warum der Öffentlichkeit
Widersprüchlichkeiten vorgesetzt würden. Auch Mitarbeiter des Weißen

Hauses und von Trumps Wahlkampfteam seien seit Meadows Äußerungen
ratlos, was eigentlich vor sich gehe. «Sie haben, wie wir, wenig
Vertrauen in das, was ihnen gesagt wird.»