) Wenn die Umarmung zum Alptraum wird Von Christina Peters und Larissa Schwedes, dpa

04.10.2020 06:00

Was lange normal war, gilt sei Corona als Gefahr. Das hinterlässt
Spuren bei vielen Menschen - sogar bis ins Schlafzimmer. Forscher
wissen jetzt immer mehr darüber, wie sich die Pandemie auch auf
unsere Träume auswirkt.

Helsinki/Wien (dpa) - Schweißgebadet die Augen öffnen, durchatmen,
erleichtert feststellen: alles nur ein Traum. Solche Momente könnten
Menschen in den vergangenen Monaten häufiger als sonst erlebt haben.
Schlaf- und Traumforscher sehen Belege dafür, dass die Corona-Krise
auch unsere Nächte stark beeinflusst hat. Was für Träume die Pandemie

auf ihrem Höhepunkt verursachte, beschäftigte etwa Wissenschaftler
aus Finnland, die ihre Ergebnisse in dieser Woche veröffentlichten.

«Träumen ist normalerweise eine sehr private Sache. Aber wenn sich
die Umwelt so drastisch ändert, scheinen viele Menschen ähnliche
Assoziationen damit in ihren Träumen zu haben», sagte die leitende
Autorin und Psychologin Anu-Katriina Pesonen der Deutschen
Presse-Agentur. Für ihre Studie beschrieben 811 Freiwillige, die sich
Ende April auf einen Zeitungsartikel hin meldeten, dem Forscherteam
von der Universität Helsinki den Inhalt ihrer Träume.

Verlorene Pässe, geschlossene Grenzen oder überfüllte Orte kamen dort

immer wieder vor - genauso wie Händeschütteln oder Umarmungen, die
wegen der Abstandsregeln als Fehlverhalten empfunden wurden. Auch der
Tod spielte immer wieder eine Rolle. Die Schlagworte aus den
Traumberichten ließen die Forscher von einem Algorithmus zu
Themengruppen sortieren. In einem Drittel dieser Themengruppen
erkannten die Forscher Alpträume mit direktem Pandemie-Bezug.

Über 4000 Finnen beschrieben für die in der Fachzeitschrift
«Frontiers in Psychology» veröffentlichte Studie außerdem, wie sie

während des Lockdowns schliefen. Mehr als ein Viertel gab an,
häufiger Alpträume gehabt zu haben als zuvor. Rund ein Drittel wachte
häufiger auf. Andererseits schlief mehr als die Hälfte insgesamt
länger, etwa weil viele von zuhause aus arbeiteten. Wenig
überraschend litten insbesondere jene Menschen stärker unter
Alpträumen, die angaben, ihr Stresslevel habe sich während der
Pandemie erhöht.

Verallgemeinern kann man die Zahlen der Studie aus Sicht anderer
Experten allerdings nicht. «Die Ergebnisse muss man mit Vorsicht
bewerten. Es gibt auf jeden Fall Leute, die Covid-Träume haben, aber
wie viele das sind, kann man aufgrund dieser Studie nicht sagen»,
sagt Michael Schredl, Schlafforscher am Zentralinstitut für Seelische
Gesundheit in Mannheim. Dass die Teilnehmer sich auf einen
Zeitungsartikel hin selbst meldeten, verzerre die Zahlen: «Es haben
sich wahrscheinlich die Leute gemeldet, die auch Probleme haben.»

Für aussagekräftiger hält Schredl die Daten seiner eigenen
Traum-Studie, die er mit einem US-Kollegen im September im
Fachjournal «Dreaming» veröffentlichte. Anfang Mai ließen sie rund

3000 US-Amerikaner von einem Meinungsforschungsinstitut befragen.
Knapp 30 Prozent gaben an, sich in der Corona-Krise verstärkt an ihre
Träume zu erinnern. 15 Prozent erlebten schlechtere Träume - 8
Prozent aber bessere. Je mehr die Befragten von der Pandemie
betroffen waren, desto unangenehmer wurden auch ihre Träume.

Rund 250 Befragte berichteten von konkreten Corona-Alpträumen, am
häufigsten ging es dabei um Maßnahmen und die Angst vor der Krankheit
selbst. «Wir konnten zu einem sozialen Ereignis gehen, aber ich war
die ganze Zeit besorgt, dass wir Social Distancing betreiben
sollten», beschrieb etwa ein Teilnehmer. Oder: «Ich wache auf und
erinnere mich, dass jemand, den ich liebe, am Coronavirus gestorben
ist und fühle mich schuldig, dass es nicht mich getroffen hat.»

Die Wiener Psychologin und Traumforscherin Brigitte Holzinger
überrascht das nicht. «Wir passen uns an diese Krise an, so wie
Träume uns auch allgemein helfen, mit Krisen besser fertig zu
werden», erklärt sie. Auch ihre eigene, noch unveröffentlichte
Forschung zu Corona-Träumen weist in die Richtung. Die Zahlen der
finnischen Studie zu Alpträumen kämen ihr «sehr, sehr hoch» vor.
«Aber tendenziell würde man das erwarten und das würde sich auch mit

unseren Beobachtungen decken.»

Dass ein Drittel der befragten Finnen angab, sie hätten besser
geschlafen, überrascht die Leiterin des Instituts für Bewusstseins-
und Traumforschung in Wien hingegen nicht. «Das deckt sich mit meinen
Beobachtungen», sagte Holzinger. Ihre These: Viele Leute litten im
Alltag derart unter Schlafmangel, dass sie erst im Lockdown trotz
aller neuen Belastungen zur Ruhe gekommen seien. Dafür spricht aus
ihrer Sicht auch, dass viele Menschen berichten, sich mehr an ihre
Träume zu erinnern.

Die Corona-Träume sind jedenfalls nichts Außergewöhnliches, sondern
passen zu den Erklärungen in der Traumforschung. Auf der einen Seite
verarbeitet die Träumerin oder der Träumer Erfahrungen des Tages.
Eine andere Erklärung stammt aus der Evolutionspsychologie: «Wenn wir
von Bedrohungen träumen, können wir diese dadurch am nächsten Tag
besser bewältigen und haben einen Vorteil dadurch», sagt Holzinger.
«Wir lernen quasi ununterbrochen im Traum, das muss nicht immer nur
Bedrohliches sein. Wir träumen auch mehr, wenn wir im Urlaub sind,
oder erinnern uns zumindest besser daran.»

«Der Traum neigt dazu, manchmal vor allem Ängste in einer etwas
übersteigerten, dramatisierten Form darzustellen und deshalb sind die
Träume häufig emotional intensiver als die Ängste, die man im
Wachzustand erlebt», erklärt Traumforscher Schredl. Wer im Traum von
einem Monster flüchte, träume eigentlich von der Angst - die sich
auch auf Stress im Büro zurückführen lasse. «Das ist bei Covid nich
t
anders. Das Besondere ist halt bei Covid, dass hier sehr viele
Menschen von den gleichen Stressoren betroffen sind.»