Pandemie lässt Nachfrage nach Lieferdiensten für Lebensmittel wachsen Von Lennart Stock, dpa
Die Corona-Krise bescherte Online-Lieferdiensten einen unverhofften
Boom. War der Handel mit Lebensmitteln über das Internet zuvor eher
ein Nischenmarkt, hoffen Händler nun auf dauerhaft steigende Umsätze.
Das regt auch Mitbewerber an, in den Markt kommt Bewegung.
Berlin (dpa) - Die Corona-Krise beschleunigt nach Ansicht von
Händlern der Lebensmittelbranche und Handelsforschern den Trend zu
Online-Lieferungen. «Die Unsicherheit durch die Corona-Pandemie hat
dabei geholfen, die bisherigen Hürden beim Onlinekauf von
Lebensmitteln bei neuen Zielgruppen abzubauen», sagte die
Marktexpertin des Instituts für Handelsforschung (IFH) Köln, Eva
Stüber, der Deutschen Presse-Agentur. Etwa seien Sorgen bezüglich der
Frische und der Qualität der gelieferten Produkte geschwunden.
Zeitgleich hätten Bestandskunden online ebenso wie im Supermarkt
zuletzt mehr gekauft. «Es wird nur beschleunigt, was sich sowieso
bereits abgezeichnet hat - daher ist die Entwicklung nachhaltig»,
sagte Stüber.
Den Nachfrage-Anstieg bekommen Online-Supermärkte wie Picnic zu
spüren, der im Ruhrgebiet und Rheinland Kunden beliefert. Die
Kundenzahl habe sich während der Pandemie mehr als verdoppelt und
liege nun bei 145 000, sagte Deutschlandchef Frederic Knaudt. «Wir
beobachten, dass sich das Kundenverhalten in keiner Weise von dem
Verhalten vor der Corona-Krise unterscheidet.» Es sei bislang nicht
erkennbar, dass viele Kunden den Lieferdienst etwa nur einmalig
ausprobierten. Viele seien eher von den Vorzügen überzeugt.
«Wir können daher klar sagen, unser Wachstum ist in jedem Fall
nachhaltig», sagte Knaudt. Das Unternehmen investiere daher weiter in
zusätzliche Kapazitäten - auch um eine Warteliste, auf der zurzeit
noch rund 30 000 Verbraucher stehen, abzuarbeiten.
Die gestiegene Nachfrage belegen auch jüngste Zahlen des
Online-Handels: Nach Angaben des E-Commerce Branchenverbandes bevh
legten die Umsätze im Internethandel mit Lebensmitteln im zweiten
Quartal kräftig zu und erreichten 772 Millionen Euro - das sind 89,4
Prozent über dem Vorjahresniveau. Der Verkauf von Drogerie-Artikel
stieg um 44,6 Prozent auf 715 Millionen Euro.
Aber: Trotz der Krise blieben die Verbraucher zuletzt auch den
stationären Supermärkten treu, wie aus einer repräsentativen Studie
des Instituts für Management- und Wirtschaftsforschung (IMWF) für den
Tiefkühllieferanten Eismann hervorgeht. Nahezu jeder Befragte gab
dabei an, im August seine Einkäufe im Supermarkt zu erledigen (91
Prozent). Einen Discounter besuchten 81 Prozent, in Bäckereien und
Metzgereien kauften 47 Prozent ein.
Das Wachstum der Online-Dienste verläuft auf niedrigem Niveau: Gerade
einmal 15 Prozent der Befragten gaben an, sich Lebensmittel über
einen Online-Händler zu besorgen - das sind nur 2 Prozentpunkte mehr
als im September 2019. Die Studie zeigte aber auch, dass vor allem
Familien zuletzt Lieferdienste mehr nutzten. Im August gaben 31
Prozent der Mehrpersonenhaushalte mit Kindern an, Lebensmittel online
zu bestellen. Im September 2019 waren es noch 19 Prozent.
Kundinnen und Kunden in Deutschland seien schon länger für
Online-Bestellungen von Lebensmittel bereit, ist sich Handelsexpertin
Stüber sicher. «Die Angebotsstruktur ließ aber noch keinen großen
Durchbruch zu.» Dies habe sich in der Corona-Krise geändert.
Die Supermarktkette Rewe meldete, durch die «stark erhöhte» Nachfrage
vor allem nach lang haltbaren Lebensmitteln sei die Kundenzahl des
eigenen Lieferdienstes rasant angestiegen. «Die Bestellungen haben
sich nun auf einem hohen Niveau normalisiert», teilte ein
Rewe-Sprecher mit. «Die Ausbreitung von Covid-19 hat dazu geführt,
dass wir unseren Stellenwert bei Kunden und die Wertschätzung für den
Rewe-Lieferservice enorm steigern konnten», betonte das Unternehmen
und führt dies auf positives Kundenfeedback zurück.
Edekas Lieferdienst Bringmeister verzeichnet nach Angaben des
Unternehmens seit Beginn der Corona-Pandemie eine «deutliche
Steigerung der Nachfrage». Kapazitäten würden deshalb weiter
ausgebaut. Weitere Einzelheiten teilte der Konzern aber nicht mit.
Bislang ist der Dienst in Berlin, Potsdam und München verfügbar.
Auch beim US-Internetgiganten Amazon tut sich etwas: «Während der
vergangenen Monate haben viele Kundinnen und Kunden zum ersten Mal
online Lebensmittel bestellt, und wir sehen, dass viele von ihnen die
Vorteile schätzen gelernt haben und den Service weiter regelmäßig
nutzen», sagte der Deutschlandchef von Amazon Fresh, dem
Lebensmittel-Lieferdienst des Konzerns, Mark Hübner.
Zu Zahlen und Expansionsplänen macht das Unternehmen zwar keine
Angaben, Entwicklungen sind aber dennoch erkennbar: Seit Mitte August
sind auch Lebensmittel der Supermarktkette Tegut bei Amazon
erhältlich. Ein Service der zunächst aber nur für Kunden im Großrau
m
Darmstadt und in Frankfurts Süden verfügbar ist. Amazon Fresh liefert
bislang in Berlin, Potsdam, Hamburg und München aus.
Weitere Unternehmen kündigten zuletzt Expansionspläne an: So kündigte
etwa die Drogeriemarktkette Müller an, ihr Online-Geschäft deutlich
ausbauen und einen Lieferdienst anbieten zu wollen. Der
Getränke-Lieferdienst Flaschenpost will sein Kerngeschäft testweise
erweitern und künftig mehr frische Lebensmittel anbieten.
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