Die Frankfurter Gleisattacke und die Frage nach dem Warum Von Jenny Tobien, dpa

Die Attacke kam aus dem Nichts. Ein Junge wird am Frankfurter
Hauptbahnhof vor einem ICE gestoßen und stirbt, seine Mutter rettet
sich in letzter Sekunde. Im Prozess ist jetzt ein Urteil gefallen,
doch es bleiben Fragen.

Frankfurt (dpa) - Der Täter verfolgt die Ausführungen des Richters
nahezu ohne Regung. Der 41-Jährige wirkt teilnahmslos und abwesend.
Auf der anderen Seite des Gerichtssaals sitzt ihm ein Vater
gegenüber, der vor einem Jahr seinen kleinen Sohn verloren hat. Der
Achtjährige starb bei der Gleisattacke am Frankfurter Hauptbahnhof,
die im Sommer 2019 bundesweit für Entsetzen sorgte.

«Es war ein Verfahren über eine erschütternde und sinnlose Tat», sa
gt
der Vorsitzende Richter Jörn Immerschmitt zu Beginn der
Urteilsbegründung am Freitag. Zeugen hätten Tränen vergossen und auch

er selbst habe mit den Emotionen gekämpft. Das Leiden der Familie
bestehe fort und werde wohl für immer andauern.

Was genau ereignete sich am Morgen des 27. Juli 2019? Es ist
Ferienzeit. Zahlreiche Reisende warten an Gleis 7 auf den ICE nach
München. Der Junge aus dem Hochtaunuskreis will mit seiner Mutter in
den Urlaub aufbrechen. Er sei fröhlich und aufgeregt gewesen, hieß es
im Prozess. Doch dann spielen sich urplötzlich grauenhafte Szenen ab.

Der Mann stößt die ihm unbekannte Frau und den Sohn vor den
einfahrenden Zug. Die Mutter rettet sich in letzter Sekunde zur
Seite. Der Junge wird von dem mehr als 900 Tonnen schweren ICE
überrollt und stirbt im Gleisbett. Eine Seniorin, die der Mann
ebenfalls attackiert hatte, verletzt sich beim Sturz auf den
Bahnsteig.

Das Gericht erklärte den Täter am Freitag für schuldunfähig. Der
dreifache Familienvater habe eine «lebenslange seelische Behinderung»
und müsse in der Psychiatrie untergebracht werden. Es bestehe die
Gefahr, dass er wieder Taten begehen würde, auch Tötungsdelikte. Die
Richter stuften die Tat als Mord und versuchten Mord ein. Der Angriff
auf die Rentnerin wurde als Körperverletzung gewertet.

Die Mutter ist nach Angaben des Familienanwalts «hochgradig
traumatisiert» und nahm nicht am Verfahren teil. Der Vater hingegen
saß jeden Tag im Gerichtssaal. Er wolle «dem Mann in die Augen zu
sehen, der seinen Sohn getötet hat», hieß es. Immer mal wieder
stellte er Fragen an Zeugen oder macht Anmerkungen, dabei wirkte er
relativ gefasst. Manche schrecklichen Details erspart er sich aber.
So verließ er die Verhandlung, bevor die Rechtsmedizinerin die
tödlichen Verletzungen des Sohnes beschrieb. Er wisse, wie schwer die
Teilnahme für den Vater gewesen sei, sagte der Richter am Ende des
Verfahrens. «Ihr Sohn Leo wäre sicher heute stolz auf Sie.»

Das Verbrechen, das aus dem Nichts kam, hatte bei vielen Menschen
Fragen aufgeworfen: Wer ist der Mann und was treibt ihn zu solch
einer entsetzlichen Tat? Der Eritreer lebte jahrelang als anerkannter
Flüchtling in der Schweiz. Er galt als Musterbeispiel der
Integration. Sein Umfeld beschrieb ihn als «sehr freundlichen,
anständigen und zuvorkommenden Mensch».

Der psychiatrische Sachverständige sprach von einem «funktionierenden
Lebenslauf», der im Jahr 2018 einen Knick bekommen habe, als der Mann
psychische Probleme bekam. Im Februar 2019 begab er sich in
Behandlung, er hörte Stimmen, fühlte sich bedroht. Die Behandlung war
allerdings zu teuer, er ging nicht mehr hin. Medikamente des
Schweizer Arztes, die laut dem Richter ohnehin viel zu gering dosiert
waren, nahm er nicht ein. Wenige Tage vor der Tat kommt es dann zu
einem Fall häuslicher Gewalt. Er schließt seine Frau und die kleinen
Kinder in der Wohnung ein, bedroht die Nachbarin mit einem Messer -
und macht sich davon. Um den Stimmen zu entkommen, fährt der Mann mit
dem Zug nach Frankfurt, wo er ziellos umherirrt.

Zeugen am Bahnhof, die ihn kurz vor dem schrecklichen Vorfall gesehen
hatten, beschrieben seinen starren und leeren Blick. Der 41-Jährige
selbst kann sich nach eigenen Angaben nicht an die Attacke erinnern.
In Gesprächsprotokollen, die im Gerichtssaal verlesen wurden, heißt
es: Falls die Vorwürfe zuträfen, handele es sich um den größten
Fehler seines Lebens. Frauen und Kinder müsse man beschützen.

«Die zentrale Frage des Prozesses bleibt natürlich unbeantwortet»,
sagte Familienanwalt Ulrich Warncke nach dem Urteil. «Das Warum?
Warum hat der Täter das getan?» Klar ist, dass zum Tatzeitpunk eine
paranoide Schizophrenie in akuter Form vorlag. Der Oberarzt in der
Psychiatrie, in der sich der Täter aktuell aufhält, berichtete, der
Mann habe sich im jenem Zeitraum verwirrt und computergesteuert
gefühlt. Vereinzelt seien auch in der Klinik «völlig bizarre»
Verhaltensweisen beobachtet worden. Einige Tage nach der Attacke
sagte der Mann, er habe das Gefühl, dass jemand mit seinem Kopf
spiele, diesen an- und ausschalten und programmieren könne.

Der Vater des Jungen richtet sich kurz vor Prozessende mit sehr
eindringlichen Worten an den Mann: «Warum haben Sie meinen Sohn
genommen?» Doch auch hier reagiert der Täter teilnahmslos - und
schweigt.

Das Verfahren biete keine Lösung für die Trauer und Schmerzen des
Vaters, sagte der Richter zum Abschluss. Und auch die Krankheit des
Täters werde dadurch nicht geheilt. Eine tragische Geschichte habe
beide in diesem Gerichtssaal zusammengeführt. «Für uns ist es einfach

nur verbunden mit der Hoffnung, dass es Ihnen irgendwann einfach
besser geht - beiden.»

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