Studie: Weniger Stress im Homeoffice - Wirtschaft skeptisch Von Axel Hofmann, dpa

22.07.2020 13:08

Als die Corona-Pandemie über Deutschland hereinbrach, mussten
Millionen Beschäftigte von heute auf morgen ins Homeoffice umziehen.
Inzwischen wollen viele gar nicht mehr zurück ins Büro. Doch bei den
Arbeitgebern gibt es auch Zweifel.

Berlin (dpa) - Weniger Stress, mehr Zeit für die Familie und sogar
eine höhere Produktivität: Dass viele Arbeitnehmer wegen der
Corona-Pandemie ins Homeoffice wechseln mussten, war für die meisten
Betroffenen eine positive Erfahrung. Zu diesem Ergebnis kommt eine
Studie der Krankenkasse DAK, die am Mittwoch vorgestellt wurde.
Danach wollen 76,9 Prozent der Beschäftigten, die erst seit der
Corona-Krise regelmäßig von der eigenen Wohnungen aus arbeiten, diese
Arbeitsform auch in Zukunft - zumindest teilweise - beibehalten.

Der psychischen Gesundheit der Beschäftigten scheint die Heimarbeit
laut dem Papier gut zu bekommen: Fühlten sich vor der Pandemie 21
Prozent der Beschäftigten regelmäßig gestresst, waren es während de
r
Corona-Krise laut DAK-Studie nur noch 15 Prozent. Der Anteil der
Erwerbstätigen, die nie oder nur gelegentlich gestresst waren, stieg
unterdessen von 48 auf 57 Prozent.

Für die Untersuchung hatten die Forschungsinstitute IGES und Forsa
vor und während der Pandemie jeweils rund 7000 Beschäftigte befragt.
Von denjenigen, die mittlerweile regelmäßig im Homeoffice arbeiten,
sagten 56 Prozent, sie seien dort produktiver als im Büro. Zwei
Drittel erklärten zudem, sie könnten Beruf und Familie besser
miteinander vereinbaren.

DAK-Vorstandschef Andreas Storm räumte ein, wegen der Schließung von
Schulen und Kitas sei das Homeoffice vor allem für junge Familien
eine besondere Belastung gewesen. Trotzdem falle das Fazit unter dem
Strich positiv aus - vor allem, weil sich die Eltern ihre Arbeitszeit
zu Hause besser einteilen können. Tatsächlich war es in der Studie
gerade die Gruppe der 30- bis 39-Jährigen, die überdurchschnittlich
häufig die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Vorteil
der Heimarbeit benannte. Schon in ver vergangenen Woche war das
Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung zu dem Ergebnis gekommen:
«Mehr Homeoffice bedeutet größere zeitliche Flexibilität und damit

auch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.»

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertags (DIHK) bremst die
Euphorie der Beschäftigten allerdings ein wenig. «Wir haben auch
gemerkt, dass wir vieles doch mobil erledigen können, was wir bis
dahin nicht für denkbar gehalten haben», räumte DIHK-Präsident Eric

Schweitzer ein. «Allerdings dürfen wir uns nicht der Illusion
hingeben, unser komplettes Wirtschaftsleben von Zuhause aus erledigen
zu können», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «Die meisten
Unternehmen lassen sich auf Dauer nicht vom Rechner aus steuern.»

Die Flexibilität im Homeoffice hat auch der DAK zufolge Nachteile.
Denn fast jeder Zweite vermisst laut der Studie die klare Trennung
zwischen Job und Privatleben. Bei den 18- bis 29-Jährigen bemängelt
das sogar eine Mehrheit von 52 Prozent. Drei Viertel der Befragten
fehlt zudem der direkte Kontakt zu den Kollegen. Eine Untersuchung
der Universität Koblenz hatte kürzlich sogar ergeben, dass sich jeder
Fünfte im Homeoffice einsam und sozial isoliert fühlt.

Die Bilanz der DAK fällt daher auch etwas gemischt aus. «Von zu Hause
aus zu arbeiten, senkt nicht nur die Ansteckungsgefahr vor
Virusinfektionen, sondern zahlt sich auch für das seelische
Gleichgewicht aus», sagte Storm. Die positiven Erkenntnisse müsse man
für die Zukunft nutzen - «ohne die negativen Aspekte des Homeoffice
zu übergehen, die es ebenfalls gibt».

Tatsächlich dürfte das Homeoffice die Corona-Krise überdauern - nicht

nur wegen der positiven Erfahrungen vieler Beschäftigten. Nach einer
Befragung des Münchner Ifo-Instituts gehen auch 54 Prozent der
Unternehmen davon aus, dass diese Arbeitsform dauerhaft zunimmt.
Trotz aller Skepsis rechnet auch DIHK-Präsident Schweitzer damit,
dass sich die Arbeitswelt in diesem Bereich verändert: «Wir werden
nicht wieder in die Zeit von vor Corona zurückkehren.»