«Flut von Verstößen» in Naturschutzgebieten in der Corona-Krise Von Eva Krafczyk und Frank Rumpenhorst , dpa

09.07.2020 17:38

Raus in die Natur - das klingt erst einmal gut. Nicht aber, wenn
seltene Pflanzen zertrampelt und Tiere gestört werden, die bereits
auf der roten Liste stehen. Bußgelder und Appelle sollen Abhilfe
schaffen.

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Der Bohlenpfad führt durch Kieferngehölz
und Sandmagerrasen. Hohe Artenvielfalt mit seltenen Tieren und
Pflanzen machen die Schwanheimer Düne in Frankfurt aus. «Ein ganz
besonderer Ort», so die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie
Heilig (Grüne) am Donnerstag über das etwa 58 Hektar große
Naturschutzgebiet. Doch der Stolz über die seltenen Binnendünen wird
überschattet von zahlreichen Verstößen durch Besucher gerade währen
d
des Corona-Lockdowns.

Spaziergänger verließen die ausgewiesenen Wege, in den sensiblen
Sandflächen wurde gelagert und gegrillt. «Es wurden geschützte Tiere

gefangen und mitten in der Brutzeit wurden Eingänge von Nistkästen
verstopft, sodass vermutlich viele Tiere ihr Leben lassen mussten»,
sagte die Schutzgebietbeauftragte Heidi Wieduwilt. Derzeit gehe sie
nicht an Wochenenden und abends in das Schutzgebiet, «weil ich es
nicht ertrage».

Um die «Flut von Verstößen» einzudämmen, sollen nun sogenannte
Landschaftslotsen der Naturschule Hessen vor allem an Wochenenden auf
Kontrollgänge gehen. Auch Mitarbeiter des Ordnungsamtes würden im
Einsatz sein und notfalls Bußgelder verhängen, kündigte Heilig an.
Bereits im Frühjahr begann Umweltlotse Torsten Jens mit diesen
Kontrollgängen. Überall hätten Menschen links und rechts des
Bohlenwegs im geschützten Gebiet gesessen, gepicknickt oder hätten
Hunde frei laufen lassen, obwohl es sich um ein Brutgebiet seltener
Vögel handele.

Finanziert werde der Einsatz der Lotsen mit Hilfe des
Regierungspräsidiums Darmstadt, sagte Heilig. «Bei allem Verständnis,

dass die Menschen in der aktuellen Corona-Zeit verstärkt in die Natur
drängen, muss doch notfalls mit Bußgeldern daran erinnert werden,
dass es Grenzen gibt», erinnerte sie an die Schutzbestimmungen für
das empfindliche Gebiet.

Die Schwanheimer Düne sei kein Einzelfall, sondern wegen ihrer Lage
in der Großstadt Frankfurt nur besonders exemplarisch, sagte eine
Sprecherin des Regierungspräsidiums Darmstadt. Überall im
Ballungsraum Rhein-Main lasse sich Fehlverhalten in den
Naturschutzgebieten beobachten.

Nun, da die Coronabestimmungen gelockert seien, sei es nicht mehr
ganz so massiv wie während des Lockdowns, fügte die Sprecherin hinzu.
«Aber jetzt kommen die Ferien, und angesichts der Corona-Lage werden
vermutlich viele Menschen nicht in den Urlaub fahren und verstärkt
Gebiete in der Nähe ihres Wohnorts aufsuchen.» Von Entspannung der
Lage könne also keine Rede sein. Betroffen seien übrigens nicht nur
Naturschutzgebiete, sondern auch andere sensible Bereiche, wie etwa
die Hochwasserdeiche an Rhein und Main. Da werde auch schon mal mit
dem Auto gefahren, Müll oder Kompost abgeladen, eine Sitzstange für
Greifvögel sei zerbrochen worden.

Als problematisch hat sich der Andrang auf Naturschutzgebiete nicht
nur im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet erwiesen. «Im
Naturschutzgebiete Lahnaue zwischen Atzbach, Dutenhofen und
Heuchelheim sind in den letzten Wochen neue Trampelpfade entstanden»,
sagte ein Sprecher des Regierungspräsidiums Gießen zur Situation in
Mittelhessen. Zur Unterstützung der Naturschutzwacht sei nun ein
privater Dienstleister unterwegs, unter anderem um auf den
Leinenzwang für Hunde hinzuweisen. Einige der Besucher empfänden das
als übertriebene Gängelung und reagierten aggressiv, hieß es.

«Trotz der ausreichend aufgestellten Schilder missachten viele
Besucher das Wegegebot und lassen ihre Hunde im Schutzgebietsbereich
freilaufen. Sehr auffällig ist darüber hinaus, dass mehr Müll als
sonst üblich in den Wäldern entsorgt wird», sagte der Sprecher über

Meldungen der Forstämter Romrod und Kirchhain. Probleme mit nicht
angeleinten Hunden, Müll nach Picknicken und regelrechten
Grillgelagen seien auch aus anderen Naturschutzgebieten gemeldet
worden. Im Regierungspräsidium Kassel wurde vor allem im Ballungsraum
Kassel ein Ansturm auf Natur- und Naherholungsgebiete verzeichnet,
unter dem letzlich Tiere und Pflanzen zu leiden hätten - auch wenn
nicht alle so selten sind wie die in der Schwanheimer Düne
anzutreffenden Flechten. «Wenn da einer drübertrampelt, ist alles
kaputt, was in Jahrzehnten gewachsen ist», klagte Naturschützerin
Wieduwilt. Denn die empfindlichen Flechten wachsen pro Jahr gerade
mal einen Millimeter.