Fleischarbeiter in miesen Behausungen - Massentests nach Gottesdienst

08.07.2020 19:37

Die Unterkünfte angeheuerter Arbeiter in der Fleischindustrie sind
teilweise unter aller Sau. Das offenbart ein aktueller
Kontrollbericht aus NRW. Das Land befürchtet eine weitere
Corona-Front: Eine freikirchliche Gemeinde ist in Quarantäne.

Düsseldorf (dpa/lnw) - Schimmelpilze in armseligen Behausungen,
undichte Dächer, überbelegte oder sogar einsturzgefährdete Gebäude
-
so müssen viele Arbeiter der Fleischindustrie leben. Was Eingeweihten
über die Zustände seit langem bekannt ist, untermauert ein neuer
Kontrollbericht, den der nordrhein-westfälische Arbeitsminister
Karl-Josef Laumann (CDU) jetzt vorgelegt hat. SPD-Landeschef
Sebastian Hartmann forderte am Mittwoch in Düsseldorf,
menschenunwürdige Unterbringungen von Beschäftigten in der
Fleischindustrie unverzüglich zu beenden.

Unterdessen befürchtet der Kreis Euskirchen massive coronabedingte
Einschränkungen für seine Bürger, falls die Infektionszahlen in einer

freikirchlichen Gemeinde steigen. Rund 1000 ihrer Anhänger sind
bereits in Quarantäne und müssen zum Test.

Im Fokus des Corona-Geschehens in NRW bleiben aber Missstände in der
Fleischindustrie. Bei der Überprüfung von Unterkünften für Arbeiter

der Fleischindustrie sind bereits bis Mai zahlreiche Mängel
festgestellt worden. Unter den fast 1900 mittleren und gravierenden
Beanstandungen waren Überbelegungen, Schimmelpilze, Einsturzgefahr,
undichte Dächer, «katastrophale Sanitäreinrichtungen»,
Brandschutzmängel und fehlende Desinfektionsmittel, wie aus einem
Bericht des Gesundheitsministers an den Landtag hervorgeht.

Bei der Fleischindustrie waren demnach - noch vor dem massenhaften
Corona-Ausbruch bei Tönnies - rund 650 Unterkünfte mit mehr als 5300
Personen überprüft worden. Zudem wurden 250 landwirtschaftliche
Betriebe und die Unterkünfte von knapp 5800 Saisonarbeitskräften
kontrolliert. Hier seien 170 meist kleinere oder mittlere Mängel
gefunden worden.

Die Behörden nahmen zudem Unterkünfte von Rumänen unter die Lupe, die

auf deutschem Gebiet wohnen, aber für niederländische Fleischbetriebe
arbeiten. In einem Wohnkomplex mit bis zu 30 Bewohnern seien zwischen
50 und 100 Beanstandungen festgestellt worden.

Hartmann warf Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) vor, nicht genau
hingeschaut und nicht konsequent gehandelt zu haben - obwohl die
Zustände seit langem bekannt seien. Auch im Umgang mit der
Corona-Krise bei Tönnies und den überzogenen Restriktionen für die
Bevölkerung habe Laschet versagt. «Es ist klar, dass dieses Desaster
zwei Namen hat: Laschet und Tönnies.»

Laumann sieht Änderungsbedarf im Bundesrecht, um Arbeiterwohnungen
auch außerhalb der Pandemie kontrollieren zu können. Auch
NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) pocht auf Reformen.
«Das eine oder andere ist möglicherweise aus dem Rahmen hinaus
gelaufen. Das müssen wir jetzt wieder einfangen», sagte er. Dabei
gehe es um Arbeitsrecht und Tierhaltung ebenso wie um die Frage, «ob
Fleisch per se ein Billigprodukt sein muss».

Die SPD hat eine Sondersitzung des Umweltausschusses im Landtag
beantragt, um zu klären, was angesichts gesperrter Schlachthöfe mit
der zunehmenden Zahl schlachtreifer Schweine geschehen soll.

Den Kreis Euskirchen plagen indes andere Sorgen: Nach der
Corona-Infektion von 13 Familienmitgliedern einer freikirchlichen
Gemeinde haben hier Massentests begonnen. Das Virus könnte sich bei
einem Gottesdienst verbreitet haben - und von dem gibt es entgegen
der Coronaschutz-Regeln keine Teilnehmerliste.

Bereits bei 100 positiven Test-Ergebnissen könnte auf die Region das
gleiche zukommen wie zuletzt auf die Kreise Warendorf und Gütersloh:
erneute Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Erste Ergebnisse
könnten am Freitag vorliegen.

NRW ist nach aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts unrühmlicher
Spitzenreiter bei einer wichtigen Corona-Infektions-Kennziffer: Mit
dem Kreis Gütersloh sowie den Großstädten Düsseldorf und Duisburg
liegen gleich drei NRW-Gebiete im bundesweiten Vergleich der
Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben
Tage vorn. Im Kreis Gütersloh ging diese Zahl allerdings am Mittwoch
weiter auf 28,6 Fälle zurück und liegt damit deutlich unter dem
Grenzwert von 50, ab dem zusätzliche Schutzmaßnahmen greifen sollen.

Die ostwestfälische Region, die seit dem massiven Corona-Ausbruch in
der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück die Liste anführt,
nähert sich damit den Werten Düsseldorfs und Duisburgs. In einem
Schreiben an die Ministerpräsidenten der Küstenländer Niedersachsen
und Schleswig-Holstein setzte sich Güterslohs Landrat Sven-Georg
Adenauer (CDU) dafür ein, Reisebeschränkungen für Menschen aus seiner

Heimat aufzuheben.

Am Mittwochnachmittag gab die niedersächsische Regierung dann
bekannt, Urlauber aus dem Kreis Gütersloh nun doch schon von diesem
Samstag (11. Juli) an wieder einreisen zu lassen. Viele Menschen von
dort verbringen ihren Urlaub gerne an der Nordseeküste, Bettenwechsel
in der Hochsaison ist in der Regel samstags. «Im Interesse der
Menschen aus Gütersloh werden wir die Einreise nach Niedersachsen ab
Samstag wieder ermöglichen», sagte Regierungssprecherin Anke Pörksen.


Ministerpräsident Laschet habe mit seinem Amtskollegen Daniel Günther
(CDU) gesprochen, um zu erreichen, dass auch Schleswig-Holstein die
Restriktionen aufhebt, verlautete in Düsseldorf aus
Regierungskreisen. Der Schritt Niedersachsens werde begrüßt.

Laschet wirbt bei Bund und Ländern für mehr regionale Differenzierung
bei Maßnahmen gegen Corona-Infektionen an Hotspots. Eine
zielgerichtete Strategie dürfe nicht an Kreisgrenzen halt machen. Der
Vorstoß sei vernünftig, komme aber spät, sagte Hartmann. Es müsse
dabei auch um kreisüberschreitende Corona-Bekämpfung an der Grenze zu
europäischen Nachbarstaaten gehen.

Große Festveranstaltungen bleiben in NRW bis zum 31. Oktober
verboten. Ausdrücklich werden in der neuen Coronaschutzverordnung
Volks-, Stadt-, Dorf-, Straßen-, Schützen- und Weinfeste genannt.
Andere Veranstaltungen mit mehr als 100 Menschen können bei
bestimmten Hygiene- und Abstandsvorgaben erlaubt werden.