Corona-Regelverstoß beim Gottesdienst - Massentest in Euskirchen Von Elke Silberer, dpa

08.07.2020 14:25

Corona-Infektion in einer freikirchlichen Gemeinde: Weil beim
Gottesdienst keine Besucherliste geführt wurde, sind nun alle
Mitglieder in Quarantäne und werden getestet. Schlimmstenfalls
könnten erneute Einschränkungen des öffentlichen Lebens kommen.

Euskirchen (dpa/lnw) - Alles scheint möglich in dieser Situation,
sogar erneute Einschränkungen des öffentlichen Lebens im Kreis
Euskirchen: Nachdem in einer Familie das Elternpaar und elf ihrer
Kinder positiv auf das Corona-Virus getestet wurden, sind nun alle
rund 1000 Mitglieder ihrer freikirchlichen Gemeinde in Quarantäne -
und müssen zum Test. Der Grund: Das Virus könnte sich bei einem
Gottesdienst verbreitet haben - und von dem gibt es entgegen der
Coronaschutz-Regeln keine Teilnehmerliste. Bereits bei 100 positiven
Test-Ergebnissen könnte auf die Region das gleiche zukommen wie
zuletzt auf die Kreise Warendorf und Gütersloh: Erneute
Einschränkungen des öffentlichen Lebens.

Die Rechnung des Kreises ist simpel: Bei 200 000 Einwohnern und 100
Infizierten käme man auf die wichtige Infektions-Kennziffer von 50.
Ab dieser Grenze gilt deutschlandweit bislang, dass ein Kreis das
öffentliche Leben wieder runter fährt. Strengere
Kontaktbeschränkungen, Kinos und Fitnesscenter dicht.

Am Mittwoch begannen die Tests. Mit ersten Ergebnissen rechnet der
Kreis an diesem Freitag. Dann könnte sich nach Angaben des Sprechers
Wolfgang Andres zeigen, in welche Richtung es geht. «Wartet mal ab,
vielleicht machen wir uns ja alle viel zu viel Gedanken. Wir wissen
es einfach nicht», sagte Andres am Mittwoch.

Der Ursprung geht zurück auf eine große Familie in der kleineren
Stadt am Rand der Eifel: Die Mutter kam mit Krankheitssymptomen ins
Krankenhaus. Bei ihr wurde das Corona-Virus festgestellt. Danach auch
beim Vater und bei elf der 13 Kinder. Die Familie gehört zur
Euskirchener Mennoniten-Brüdergemeinde.

Die meisten der in Euskirchen lebenden Mennoniten kamen nach Angaben
des Kreises in den neunziger Jahren aus der Sowjetunion und leben in
ihrer Gemeinde eher für sich: «Kein Kind ist im städtischen
Kindergarten angemeldet. Die bleiben bis zur Schulpflicht in der
Familie. Danach gehen die in die eigene Schule, in die
Menno-Simons-Schule», so Andres.

Schule und Kirche seien zentrale Säulen im Leben der Mennoniten. Seit
Beginn des 20. Jahrhunderts werden mennonitische Gemeinden als
historische Friedenskirchen bezeichnet. Sie lehnen in weiten Teilen
den Kriegsdienst ab. Ein Kennzeichen ist die Taufe von mündigen
Menschen und nicht von Kleinkindern.

Zentrales Problem in der Euskirchener Corona-Situation: Es gibt keine
Listen von Gottesdienstbesuchern. «Das Entscheidende ist, dass die
Mennoniten keine Liste geführt haben», sagte Behördensprecher Andres

- damit hätten sie gegen die Coronaschutzverordnung verstoßen.

Die Gemeinde habe das für sich anders organisiert: Zu einer
bestimmten Zeit durften Mitglieder mit dem Anfangsbuchstaben im Namen
etwa von A bis K in die Messe gehen. Zu einem anderen Zeitpunkt die
von L bis Z. Angeblich seien die Hygienemaßnahmen erfüllt worden.
Aber es sei eben unklar, welche Gemeindemitglieder mit der
infizierten Familie in der Kirche waren.

Damit ist der Fall eingetreten, den die Behörden mit der oft als
lästig empfundenen Dokumentation in Kirchen, Gaststätten oder etwa
auch Hotels verhindern will: Teilnehmer und Gäste müssen sich auch
mit Uhrzeit eintragen, damit im Ernstfall Infektionsketten verfolgbar
sind. In Euskirchen steht daher nun die komplette Gemeinde mit rund
1000 Menschen unter Quarantäne.

Bei der Gemeinde war zunächst niemand für eine Stellungnahme
erreichbar. Aber in der Kreisverwaltung ist zu hören, wie unangenehm
die Sache den Gemeindemitgliedern sei, die als sehr höflich bekannt
seien. Sie hätten sofort mit der Behörde zusammengearbeitet.

Am Freitagmorgen gingen nach Angaben eines dpa-Reporters vereinzelt
Menschen in die Schule der Mennoniten-Gemeinde, wahrscheinlich um
Proben abzugeben. Bis zu den Sommerferien hatten dort noch Schüler
gelernt, auch Kinder der infizierten Familie. Das Gesundheitsamt
werde darauf achten, dass die Tests unter hygienisch einwandfreien
Umständen stattfinden, sagte Andres. Die Schule habe man als Test-Ort
gewählt, weil sie den Gemeinde-Mitgliedern vertraut sei.

Die Kreisverwaltung erwartet mit den ersten Testergebnissen am
Freitag Hinweise, ob es Anzeichen für drohende Einschränkungen gibt.
Für den Fall der Fälle hat der Kreis laut Sprecher Andres noch keinen
Plan in der Schublade. Dann müsse man sich «neu positionieren.»