WHO: Ausmaß von Luftübertragung von Coronaviren noch unklar

07.07.2020 18:49

Genf (dpa) - Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sehr
zurückhaltend auf einen Vorstoß von Experten reagiert, die das
Übertragungsrisiko des Coronavirus in der Luft für unterschätzt
halten. Die WHO sei aufgeschlossen gegenüber neuen Datenlagen in
diesem Feld, müsse aber sehr behutsam vorgehen, bevor sie Schlüsse
ziehe, sagte die WHO-Expertin Benedetta Allegranzi auf einer
Pressekonferenz am Dienstagabend in Genf.

Es gebe nichts zu rütteln an den bestehenden Empfehlungen, die
Abstand vorsehen sowie das Tragen von Masken, wenn dieser nicht
einzuhalten sei. Die Organisation sichtet laut Chefwissenschaftlerin
Soumya Swaminathan im Durchschnitt täglich 500 Publikationen
unterschiedlicher Qualität.

Rund 240 Wissenschaftler, darunter auch Ingenieure, hatten Anfang der
Woche ein Schreiben in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. Sie
werfen darin Gesundheitsbehörden, darunter der WHO, vor, in ihren
Empfehlungen das Ansteckungsrisiko durch kleinste Teilchen,
sogenannte Aerosole, in der Luft zu vernachlässigen. «Wir sollten
genauso viel Betonung auf Masken und Belüftung legen wie auf das
Händewaschen», sagte eine beteiligte Forscherin, die Aerosol-Expertin
Linsey Marr, der «New York Times». «Soweit wir das beurteilen könne
n,
ist das genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger.»

Studien ließen kaum Zweifel daran, so schreiben die Wissenschaftler
weiter, dass Sars-CoV-2 sich genauso wie bereits erforschte verwandte
Viren durch Atmen und Sprechen in winzigsten Tröpfchen in der Luft
verteile. Besonders volle, unzureichend durchlüftete Räume, in denen
Menschen sich lange aufhalten, seien demnach ein Risiko. Die
Übertragung über Aerosole sei die einzige Erklärung für mehrere
Ausbrüche, bei denen einzelne Infizierte viele Menschen ansteckten -
teils trotz Einhaltung der Hygieneregeln, die die Ansteckung durch
größere Tröpfchen oder im direkten Kontakt verhindern sollten.

Die Experten empfehlen deshalb neben der Vermeidung von hoher
Menschendichte, etwa in öffentlichen Gebäuden, Schulen,
Arbeitsplätzen oder Krankenhäusern vor allem auf Durchlüftung mit
frischer Außenluft zu achten. Auch hocheffiziente Luftfilter oder
UV-Lampen, die Erreger abtöten, sollten genutzt werden.