Die halbe Welt als Nische? Femtechbranche auf dem Vormarsch Von Rachel Boßmeyer, dpa

07.07.2020 05:00

Ob Periodenschmerzen oder Beschwerden in den Wechseljahren,
Milliarden von Frauen müssen sich potenziell mit diesen Problemen
herumschlagen. Ein riesiger Wirtschaftsfaktor könnte man meinen.
Warum Innovation in dem Bereich trotzdem noch langsam vorangeht.

Berlin (dpa) - Krankheitsfrüherkennung mit Tampons, Tee gegen
Hitzewallungen in den Wechseljahren, das Erkennen der fruchtbaren
Tage über die Atemluft - die Femtechbranche will gezielt weibliche
Gesundheitsthemen anpacken und wird trotzdem oft unterschätzt. «Es
wird ja häufig so ein bisschen als Nische abgetan», sagt Maxie
Matthiessen, Gründerin der beiden Femtechfirmen Ruby Cup und Femna
Health. Auch sie habe das bei Investorengesprächen gemerkt. «Aber
wenn du dir allein schon den Menstruationshygienemarkt anschaust,
betrifft das ja die Hälfte oder mehr als die Hälfte der
Weltbevölkerung, sprich so vier Milliarden Frauen. Also es ist ein
gigantischer Markt.»

Auch Finanzexpertinnen und -experten sehen das so: Laut dem
Beratungsunternehmen Frost und Sullivan hat die Femtechbranche 2025
ein Marktpotenzial von 50 Milliarden US-Dollar (rund 44,5 Mrd Euro).
Dennoch sind die Investitionen bisher zurückhaltend, auch wenn sie in
den letzten Jahren deutlich gestiegen sind. Europaweit gab es 2011
lediglich zwei Wagniskapitaldeals im Femtechbereich. Im vergangenen
Jahr waren es 22. Dabei ging es um etwa 250 Millionen Euro.

In letzter Zeit habe es unter Investoren ein stärkeres Bewusstsein
für den Einfluss der Branche gegeben, sagt die Analystin der
Kapitalmarktforschungsfirma Pitchbook, Kaia Colban. Ihr zufolge hat
es die Femtechbranche im Vergleich zu anderen Start-Ups beim
Wagniskapital bisher aus zwei Gründen schwer gehabt. Erstens: die
Mehrheit der Investoren sei männlich und sich des Marktpotenzials von
Femtech eventuell nicht bewusst. Laut Alexandra Wuttig, Professorin
für Entrepreneurship und Innovation an der Internationalen Hochschule
IUBH, hapert es auch an dem Verständnis für Produkte. «Ich selbst
habe die Erfahrung gemacht, dass männliche Geldgeber sich nicht mit
Frauenprodukten auskennen und gerne bei der Einschätzung des Produkts
dann ihre Ehefrauen fragen.»

Der zweite Grund für Colban: Femtechunternehmen würden
überdurchschnittlich oft von Frauen gegründet und diese hätten es
typischerweise schwieriger, an eine Finanzierung zu kommen. Zu
diesem Ergebnis kommt auch der Female Founders Monitor 2020 des
Bundesverbands Deutsche Startups. Unter weiblichen Gründerinnen
erhielten demnach nur etwa 1,6 Prozent Wagniskapital. Unter Männern
waren es 17,6 Prozent.

Doch die geringeren Werte könnten auch mit der Art zu gründen
zusammenhängen, immerhin ist auch das Interesse an solchen
Investmentdeals unter Frauen geringer, wie der Bericht zeigt.
Matthiessen glaubt zudem, dass Frauen beim Gründen eher Schritt für
Schritt denken und daher erst einmal niedrigere Summen einfordern.
Trotzdem meint die Gründerin: «Ich glaube nicht, dass ich als Frau so
einfach für diese Idee von Femna in Deutschland ein Investment
bekommen hätte. Ich glaube, das habe ich nur bekommen, weil ich einen
proven track record hatte», also weil sie Erfolg mit ihrer in
Dänemark gegründeten Firma Ruby Cup vorweisen konnte.

Hinzu kommt, dass Themen wie die Periode, Unfruchtbarkeit oder auch
Inkontinenz mit Tabus belegt sind. «Der Investor möchte auch gerne
mit seinem Gesicht für das Produkt stehen», meint Bastian Rüther,
Geschäftsführer von Breathe Ilo, einem Gerät zur Erkennung der
fruchtbaren Tage über die Atemluft. Seine Kollegin Lisa Krapinger
sagt, dass das Tabu auch den Marktstart beeinflusst habe, denn viele
Frauen redeten nicht gerne über Probleme beim Schwangerwerden. «Man
sieht das auch generell in der Femtechbranche, etwa wenn man in die
Richtungen Periode oder Beckenbodentraining schaut. Da tun sich alle
am Anfang schwer, weil das Themen sind, über die noch nicht so viel
gesprochen wird.»

Gemessen an der Größe des Marktes mag es verwundern, dass es nicht
bereits deutlich mehr und deutlich länger Innovation im Bereich
Femtech gibt. Wuttig gibt zu bedenken, «dass früher das Interesse
nicht so groß war und Frauenprodukte nur «pink» und süß sein
brauchten, um Erfolg zu haben». Diese Meinung ändere sich aber
gerade.

Eine immer noch bestehende Hürde ist laut Matthiessen, dass
vorwiegend Männer Unternehmen gründen. «Die haben vielleicht nicht
diesen Blick. Also ich weiß nicht, ob sich ein Mann vorstellen kann,
wie sich ein Tampon anfühlt oder wie sich Menstruationsbeschwerden
anfühlen.» Wer das Problem nicht kenne, komme vermutlich auch nicht
auf den Gedanken, ein Produkt zu dessen Lösung zu entwickeln.

Und nicht zuletzt: In manchen Bereichen fehlten schlichtweg Fakten.
Bei der Entwicklung des Ruby Cups etwa hätte sie gerne auf Forschung
zur Anatomie der Vagina zurückgegriffen. Doch die gewünschten Daten
zur Größe waren nicht auffindbar. Für Matthiessen komplett
verwunderlich. «Wir fliegen auf den Mond und du weißt nicht, was der

Radius der Vagina ist, so im Durchschnitt.»