Corona-Flaute bringt Kreuzfahrtbranche in Not Von Hannes Breustedt, dpa

03.07.2020 06:00

Jahrelang ging es für die Kreuzfahrtindustrie nur nach oben -
keinerlei Kritik oder Skandale schienen den Boom bremsen zu können.
Dann kam die Corona-Krise und plötzlich stand der Branche das Wasser
bis zum Hals. Wie stehen die Chancen auf ein Comeback?

Miami/New York (dpa) - Eigentlich hatte die Kreuzfahrt nur 14 Tage
dauern sollen - für viele Passagiere wurde es ein fast einmonatiger
Horrortrip. Als die Diamond Princess am 20. Januar mit 2666 Gästen
und 1045 Crew-Mitgliedern im japanischen Yokohama ablegte, hatte
keiner mit einer wochenlangen Quarantäne gerechnet. Das neuartige
Coronavirus galt damals noch weitgehend als regionales Problem der
chinesischen Wuhan-Region. Am 4. Februar kam die Schocknachricht: Die
Seuche ist an Bord, zehn Reisende wurden bereits positiv getestet.

«Das Schiff wird mindestens 14 Tage in Quarantäne bleiben», erklärt
e
der - wie die deutsche Aida - zum US-Tourismus-Riesen Carnival
gehörende Kreuzfahrtveranstalter Princess Cruises. Was folgte,
brachte eine Branche in Not, die Skandale und Kritik zuvor einfach
abschüttelte. Mit zehn Toten und mehr als 700 Infizierten wurde die
Diamond Princess zum ersten Corona-Hotspot außerhalb Chinas. Die
Kreuzfahrtindustrie machte dies früh zu einem Symbol der Krise. Nun
hofft sie auf ein Comeback, doch zuletzt gab es weitere Rückschläge.

Wie sehr der Branche das Wasser bis zum Hals steht, lässt sich an den
Aktien der Marktführer Carnival, Royal Caribbean und Norwegian Cruise
Line ablesen. Die Kurse sind seit Jahresbeginn um 65 bis 75 Prozent
gefallen, was die Börsenwerte um viele Milliarden Dollar einbrechen
ließ. Angesichts der Geschäftsentwicklung ist die große Skepsis
vieler Anleger wenig verwunderlich. Carnival etwa schrieb im zweiten
Quartal einen Verlust von enormen 4,4 Milliarden Dollar (3,9 Mrd
Euro). Die Konkurrenz ist ebenfalls tief in die roten Zahlen geraten.


Die Corona-Pandemie hat die Konzerne gleich in mehrerer Hinsicht hart
getroffen. Durch die weltweiten Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung des
Virus kam das Geschäft komplett zum Erliegen, dadurch stehen hohen
Fixkosten plötzlich so gut wie keine Einnahmen mehr gegenüber. Doch
die Probleme gehen darüber hinaus. Die Virusausbrüche an Bord der
Diamond Princess und anderer Schiffe, wie der MS Westerdam, die auf
der Suche nach Anlegemöglichkeiten wochenlang auf hoher See
herumirrte, kratzen am Image der ohnehin umstrittenen Branche.

Ein US-Kongressausschuss prüft mögliches Fehlverhalten von Carnival -
dass Wochen nach dem Desaster mit der Diamond Princess noch
Kreuzfahrten starteten, sorgt für Unverständnis. Carnival betont,
stets im Einklang mit geltenden Gesetzen und Anweisungen gehandelt zu
haben. Die hohen Infiziertenzahlen legten jedoch auch grundsätzliche
Bedenken offen: Wegen ihrer vielen älteren Passagiere mit
Gesundheitsrisiken entstand der Eindruck von Kreuzfahrtschiffen als
perfekten Nährböden für Infektionen - quasi als schwimmende
Seuchengebiete auf schlecht regulierten internationalen Gewässern.

Plötzlich fand sich die Branche im Mittelpunkt einer weltweiten
Gesundheitskrise wider. Dabei gerieten auch die alten Kritikpunkte
wieder stärker in den Fokus. Ob Steuer- und Umweltsünden, Ausbeutung
von Niedriglohnarbeitern oder mangelnde Sicherheit - Vorwürfe gibt es
viele. Kreuzfahrten gelten inzwischen zudem als Inbegriff des
Übertourismus, dessen Folgen immer kritischer bewertet werden. Denn
die großen Schiffe fluten Urlaubsgebiete mit Massen an Besuchern, die
zwar alles sehen wollen, aber wenig ausgeben. Verpflegung und
Unterhaltung an Bord sind ja schon im Preis mit drin.

Dem Branchenverband CLIA zufolge stiegen die jährlichen
Passagierzahlen im Kreuzfahrtmarkt von 2009 bis 2019 von 17,8
Millionen auf 30 Millionen. Für 2020 war eigentlich mit einem
erneuten deutlichen Anstieg auf 32 Millionen Passagiere gerechnet
worden. Dann kam das Coronavirus. Wie es jetzt weitergeht, ist schwer
einzuschätzen. Zwischenzeitlich schien bereits ein Ende der Flaute in
Sicht, bei Carnival liefen die Vorbereitungen für den schrittweisen
Neustart schon auf Hochtouren. Mit Schnäppchen wurden Kunden gelockt
- laut ersten Vorverkaufszahlen angeblich mit Erfolg.

Doch die Zuversicht auf ein rasches Comeback, die auch an der Börse
vorübergehend schon für Euphorie sorgte, ist erstmal wieder
verflogen. In Teilen Amerikas steigen die Infiziertenzahlen
mittlerweile wieder bedenklich, das hat die Pläne zurückgeworfen. Die
Kreuzfahrtanbieter hätten sich geeinigt, ihre pandemiebedingte Pause
freiwillig zu verlängern und den Betrieb von US-Häfen aus bis zum 15.
September ruhen zu lassen, teilte die CLIA jüngst mit. Etwa die
Hälfte der Kreuzfahrtpassagiere weltweit sind Amerikaner, was eine
Rückkehr zum Geschäftsalltag vorerst unmöglich macht.

Die Entscheidung sei wegen der «anhaltenden Situation im Zusammenhang
mit Covid-19 innerhalb der USA» getroffen worden, begründete die
CLIA, in der alle großen Anbieter vertreten sind, ihre Entscheidung.
Der Schritt zeigt immerhin, dass die Branche unnötige Risiken diesmal
wohl verhindern will. Denn das Betriebsverbot der
US-Gesundheitsbehörde CDC für Kreuzfahrtschiffe soll eigentlich schon
am 24. Juli auslaufen. Abgeschrieben werden sollte die
Kreuzfahrtindustrie nicht, meint Analyst Brandt Montour von der
Großbank JPMorgan. Die Nachfrage nach solchen Reisen sei weiter groß,
besonders da die US-Kundschaft überraschend risikobereit sei.