Wieder regulärer Schulunterricht in Hessen nach den Sommerferien

30.06.2020 17:49

Mitte August soll an den Schulen wieder Normalität einziehen -
zumindest in großen Teilen. Voraussetzung ist, dass die
Infektionszahlen überschaubar bleiben. Wissenslücken sollen die
Schüler bis dahin schließen.

Wiesbaden (dpa/lhe) - Fünf Monate nach Beginn der coronabedingten
Zwangspause sollen die Schulen in Hessen Mitte August zu einem
weitgehend regulären Präsenzunterricht zurückkehren. Dies gelte für

alle Kinder und Jugendlichen zu Beginn des neuen Schuljahres, wie
Kultusminister Alexander Lorz (CDU) am Dienstag in Wiesbaden
ankündigte. Im Unterricht soll das Abstandsgebot dann nicht mehr
gelten.

«Wir gehen diesen Schritt aus Überzeugung - wohlwissend, dass es ein
Nullrisiko nicht geben kann und dass im Bedarfsfall lokal oder auch
flächendeckend erneut Einschränkungen erforderlich werden können»,

erklärte der Minister. Er berief sich auf medizinische Empfehlungen
und die Ergebnisse einer Konzeptgruppe, in der Vertreter von
Schülern, Eltern, Lehrern, Ministerium und Schulämtern mitgearbeitet
hätten.

Seit Wiederaufnahme des Unterrichts in Hessen nach der
coronabedingten Zwangspause, die Mitte März begonnen hatte, sind die
Schüler abwechselnd in kleineren Gruppen unterrichtet worden. In den
Grundschulen hat bereits am 22. Juni wieder normaler
Präsenzunterricht begonnen, allerdings können die Eltern bislang noch
selbst entscheiden, ob ihr Kind zur Schule geht oder zuhause lernt.
Die bisherigen Rückmeldungen zeigten, dass sich die Kinder mit großer
Ernsthaftigkeit an die Corona-Regeln hielten, sagte Lorz.

Im neuen Schuljahr gilt wieder Präsenzpflicht für alle Schüler und
Lehrer. Ausnahmen seien nur mit einem ärztlichen Attest möglich,
teilte Lorz mit. Lehrer könnten sich bei Bedarf kostenlos auf das
Coronavirus testen lassen. Die Schüler, die nicht am
Präsenzunterricht teilnehmen könnten, sollen digital zugeschaltet
werden. Bei Bedarf werde ihnen ein entsprechendes Gerät geliehen.

Das Wichtigste sei, dass die Kinder wieder jeden Tag in die Schule
könnten, sagte Lorz. Es habe sich gezeigt, dass die soziale
Interaktion dort nicht zu ersetzen sei. Es werde weitgehend regulären
Unterricht geben - allerdings unter Pandemie-Bedingungen.

So können Schulen je nach Möglichkeit vor Ort feste Lerngruppen
einrichten, die sich untereinander nicht mischen. Hygieneregeln
müssten eingehalten werden - dazu gehören Flächendesinfektion,
häufiges Händewaschen, Vermeidung von Körperkontakt und
Mund-Nasen-Bedeckungen außerhalb der Unterrichtsräume. Für den Fall
steigender Infektionszahlen lägen alternative Szenarien vor.

Grundsätzlich soll es bei den bestehenden Lehrplänen und Curricula
bleiben. Einzelne Anpassungen seien aber möglich. Auch das
Sitzenbleiben werde wieder eingeführt. Damit Schüler Wissenslücken
auffüllen können, sind Ferienangebote geplant, auch digital. An
diesem Freitag (3.7.) ist der letzte Schultag vor Beginn der
sechswöchigen Sommerferien.

Auch Musik- und Sportunterricht sollen unter Einschränkungen wieder
angeboten werden, sagte der Minister. Mehrtägige Klassenfahrten sind
hingegen untersagt.

Lorz sagte, er rechne mit einer Ausfallquote bei den Lehrern von zehn
Prozent. Der Verband der Lehrer Hessen hatte bereits einen besseren
Schutz gefordert: Neben Masken und Visieren für Lehrkräfte brauche
man Plexiglas-Schutzwände für die Pulte und Desinfektionsspender in
jedem Klassenraum. Das Ministerium kündigte erneute Lieferungen von
Mund-Nasen-Schutzmasken, Desinfektionsmittel, Schutzhandschuhen,
Kitteln und Gesichtsschutzschilden an.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte das
Konzept. Die Devise des Ministeriums sei «Es wird schon alles gut
gehen», doch die Pandemie sei noch nicht vorbei. Es fehle ein Plan B
im Fall einer zweiten Welle von Infektionen im Herbst. Die Schulen
müssten darauf vorbereitet werden, dass auch im kommenden Schuljahr
ein Wechsel aus Präsenzunterricht und angeleitetem Lernen zu Hause
notwendig werden könne. Die Schule solle weitergehen, doch müssten
Arbeits- und Gesundheitsschutz beachtet werden. «Hier sind die
Spielräume nicht wahrgenommen worden», kritisierte der Landesverband
der Gewerkschaft.