Urlauber strömen an die Küsten - Abschottung gegen Corona-Hotspots

27.06.2020 20:54

Deutschland ist in Urlaubslaune, die deutschen Küsten spüren den
sommerlichen Besucheransturm. Gebannt ist die Corona-Gefahr aber noch
nicht, mahnt die Bundeskanzlerin. Das zeigt sich am Ausbruch beim
Fleischverarbeiter Tönnies, der weiter für Diskussionen sorgt.

Berlin/Gütersloh (dpa) - Urlaub in Corona-Zeiten: Mit dem Beginn der
Sommerferien in gleich sechs Bundesländern sind an Deutschlands
Küsten deutlich mehr Besucher unterwegs. Der ein oder andere Badeort
stieß bereits an seine Kapazitätsgrenzen. In anderen Region war der
Andrang hingegen moderater. Und auch auf den Straßen blieben die ganz
großen Staus bislang aus.

An der Ostsee - in den holsteinischen Urlaubsorten Scharbeutz und
Haffkrug - waren am Samstagmittag die Grenzen für Parkplätze und für

den Strand erreicht. Das niedersächsische Nordseebad Dangast war zum
Auftakt der Feriensaison ebenfalls gut ausgelastet. «Nicht zu 100
Prozent, aber die touristischen Zahlen sind gut», sagte Kurdirektor
Johann Taddigs der dpa. Auch die Einhaltung der Corona-Regeln
funktioniere. An den Stränden seien etwa die Strandkörbe auf drei
Meter auseinandergerückt, damit der Radius von 1,50 Meter eingehalten
werden könne.

In aller Regel können die Deutschen unkompliziert im Inland Urlaub
machen - wenn sie nicht gerade aus den nordrhein-westfälischen
Kreisen Gütersloh oder Warendorf kommen. Nach dem Corona-Ausbruch in
der Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück haben Bund und Länder sich am
Freitagabend auf Einschränkungen für Reisende aus Corona-Hotspots
geeinigt. Demnach dürfen diese nur dann in Hotels und Ferienwohnungen
untergebracht werden oder ohne Quarantänemaßnahme in ein Bundesland
einreisen, wenn sie mit einem Attest nachweisen, dass sie keine
Infektion haben.

Thüringen schert dabei aber aus: «Wir werden kein Einreise- und kein
Beherbergungsverbot erlassen», sagte ein Sprecher des
Gesundheitsministeriums am Samstag auf Anfrage in Erfurt. Thüringen
habe dazu bei der Bund-Länder-Vereinbarung zum Reiseverkehr am
Freitag eine entsprechende Protokollerklärung abgegeben.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) mahnte
Einheitlichkeit an. «Ich appelliere an alle Beteiligten, an diesem
Kompromiss festzuhalten», sagte er der Deutschen Presse-Agentur zur
Ankündigung Thüringens. «Denn nur so kann ein Flickenteppich in
Deutschland gerade in den reiseintensiven Sommermonaten verhindert
werden.»

Im Kreis Gütersloh, nach einem Corona-Ausbruch im Fleischbetrieb
Tönnies der Kreis mit den bundesweit höchsten Infektionszahlen, liegt
die wichtige Kennziffer der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner
innerhalb der vergangenen sieben Tage trotz einer Abwärtstendenz noch
weit über der entscheidenden Marke von 50. Das geht aus den am
Samstag veröffentlichten Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI)
hervor. Mit 164,2 ist Gütersloh der einzige Kreis in Deutschland
oberhalb dieser Marke. Am Dienstag betrug der Sieben-Tage-Wert je
100 000 Einwohner laut NRW-Gesundheitsministerium noch 270,2. Unter
den Menschen ohne Tönnies-Bezug wurden nach Kreisangaben in den
sieben Tagen bis einschließlich Freitag insgesamt 75 Fälle bekannt.
Im benachbarten Kreis Warendorf sank laut RKI die Kennziffer der
Neuinfektionen je 100 000 Einwohner auf nur noch 19,8 Fälle.

Nach den Vorfällen in der Tönnies-Schlachterei muss die
Fleischindustrie in NRW künftig Beschäftigte auf ihre Kosten
mindestens zwei Mal pro Woche auf das Coronavirus testen lassen. Die
neue Vorgabe gelte ab 1. Juli für Schlachthöfe, Zerlegebetriebe und
vorrangig fleischverarbeitende Betriebe mit mehr als 100
Beschäftigten und unabhängig davon, ob es sich um eigene Beschäftigte

oder Werkvertragsnehmer handele, teilte das Landesministerium für
Arbeit und Gesundheit in Düsseldorf mit.

«Die Vorfälle in Coesfeld und Gütersloh zeigen: Offenbar kann sich
das Virus unter den Bedingungen eines Schlachthofs beziehungsweise
eines fleischverarbeitenden Betriebes besonders gut verbreiten»,
erklärte Minister Laumann laut Mitteilung.

Mit Blick auf den Corona-Ausbruch in NRW prangern die Grünen
im Bundestag in einem Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
mangelnde Entschlossenheit auf Lokal- und Länderebene an und fordern
mehr länderübergreifende Koordinierung. «In Nordrhein-Westfalen
wurden trotz hoher Infektionszahlen Konsequenzen erst mit großer
zeitlicher Verzögerung und mangelnder Entschlossenheit getroffen»,
heißt es zur Begründung in einem Schreiben an den Minister, das unter
anderem von Bundestagsfraktionschefin Katrin Göring-Eckardt
unterschrieben wurde.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte die Bürger angesichts der
weiter bestehenden Gefahren durch das Coronavirus vor leichtsinnigem
Verhalten. «Die von dem Virus ausgehende Gefahr ist weiterhin ernst»,
sagte sie am Samstag in ihrer wöchentlichen Videobotschaft. Merkel
wiederholte explizit ihren Appell vom Anfang der Krise Mitte März:
«Nehmen Sie es ernst, denn es ist ernst.»

Zur weltweiten Bewältigung der Corona-Pandemie kamen bei einer
virtuellen internationalen Geberkonferenz Hilfszusagen von 6,15
Milliarden Euro zusammen. Allein die EU-Kommission versprach weitere
4,9 Milliarden Euro, Kanzlerin Merkel zusätzliche 383 Millionen Euro.
«Ich bin der festen Überzeugung: Impfstoffe, Tests und Medikamente
müssen weltweit verfügbar, bezahlbar und zugänglich sein. Dieses Ziel

müssen wir gemeinsam verfolgen», sagte Merkel anlässlich der
Konferenz «Global Goal - Unite for Our Future». Weitere Großspenden
kamen zum Beispiel aus den USA und Kanada.

Während Reisen innerhalb der EU wieder weitgehend möglich sind,
sollen für die meisten Einreisen aus Nicht-EU-Ländern in die
Europäische Union weiterhin strenge Regeln gelten. So werden Reisende
aus Ländern wie den USA, Russland und Brasilien auch nach Ablauf
dieses Monats nur in Ausnahmefällen in die EU kommen dürfen, wie die
Deutsche Presse-Agentur nach Beratungen der EU-Botschafter am späten
Freitagabend erfuhr. Lediglich für Menschen aus rund einem Dutzend
Ländern wie Südkorea oder Neuseeland könnten die geltenden
Einreisebeschränkungen demnach im Juli aufgehoben werden.