Klinikum Höchst kämpft mit zwei «Baustellen»

27.06.2020 05:00

39 Empfehlungen hat ein Gutachter der Psychiatrie des Klinikums
Höchst ins Stammbuch geschrieben. Die Geschäftsführung beteuert:
«Viele Maßnahmen wurden angestoßen oder sind bereits umgesetzt».
Unterdessen ist der Neubau des Krankenhauses ins Stocken geraten.

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Die durch einen Undercover-Bericht in die
Kritik geratene Psychiatrie des Frankfurter Klinikums Höchst blickt
nach vorn: Man habe «am therapeutischen Konzept gearbeitet» und
weitere Verbesserungen auf den Weg gebracht, berichtete das
städtische Krankenhaus. Im Herbst bekommt die Psychiatrie einen neuen
Chefarzt. Aber inzwischen sind neue Probleme aufgetaucht.

Der Neubau der kommunalen Klinik verzögert sich. Anfang Juni erfuhr
das Klinikum: Das Gebäude wird nicht wie zugesagt im Oktober fertig.
«Laut Generalunternehmer wird sich das Übergabedatum voraussichtlich
über mehr als ein Jahr auf den 31.12.2021 verschieben», musste die
Klinik vermelden. Klinikum und Stadt Frankfurt waren «bestürzt».
Immerhin: Ein «Drucktest» verlief positiv. «Dies beeinflusst die
Energiebilanz des Gebäudes positiv», berichtete die Klinikleitung.

Auch bei der Neuordnung der Psychiatrie geht es voran - wenn auch
langsam. Auslöser war eine Recherche der RTL-Sendung «Team Wallraff»

im März 2019. Das Krankenhaus räumte Fehler ein: «Wir sind uns
darüber einig, dass es erhebliche Mängel gibt», sagte damals
Geschäftsführerin Dorothea Dreizehnter. Ein externer Berater wurde
hinzugerufen, auch die Politik schaltete sich ein.

Als Hans-Joachim Kirschenbauer im März seinen 160 Seiten starken
Abschlussbericht vorlegte, ging das Thema in der Corona-Krise
weitgehend unter. Sein Fazit: Bis Höchst eine gute psychiatrische
Versorgung anbieten kann, dürfte es Jahre dauern. «Die vorliegenden
39 Empfehlungen machen deutlich, welche Dimensionen der
Veränderungsprozess haben muss, wenn die Klinik in vollem Umfang die
Qualitätsmerkmale einer guten psychiatrischen Versorgung erfüllen
soll», schreibt der Gutachter.

«Wir haben uns intensiv mit den Optimierungsvorschlägen auseinander
gesetzt», teilte die Geschäftsführung der Deutschen Presse-Agentur
mit. «Viele Maßnahmen wurden angestoßen oder sind bereits umgesetzt.
»
Die Klinik befinde sich «in einem umfassenden
Qualitätsmanagementprozess». Im kommenden Jahr soll es dafür eine
DIN-Zertifizierung geben.

Auch räumliche Veränderungen wurden umgesetzt, etwa die Einrichtung
eines «Krisenraums». Ein neues «Licht-Raum-Konzept» soll im Sommer

fertig werden. Ein Konzept namens «Safeward» soll Mitarbeiter
unterstützen, «ein sicheres Stationsmilieu zu erzeugen». Patienten
reagierten bisweilen «wütend oder ängstlich auf Situationen, die mit

Sicherheitsmaßnahmen wie zum Beispiel verschlossenen Türen
einhergehen», teilte das Klinikum mit. Das Modell setze dem
«Partizipation, Wertschätzung, Hoffnung und Empowerment» entgegen.

Der bisherige Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Michael Grube,
hört zum 1. September auf. Das Bewerbungsverfahren für seine
Nachfolge läuft, die Position soll nahtlos besetzt werden. In der
Psychiatrie des Städtischen Klinikums gibt es fünf vollstationäre
Behandlungseinheiten mit zusammen 116 Betten, eine Tagesklinik mit 22
Plätzen, eine Ambulanz und ein ambulantes psychiatrisches
medizinisches Versorgungszentrum.

Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) hofft, dass die Erkenntnisse
aus Höchst ähnlichen Einrichtungen in Hessen zu Gute kommen. «Die nun

vorliegenden Ergebnisse und Empfehlungen sind auch über Höchst hinaus
eine gute Grundlage, weiter an der Verbesserung der psychiatrischen
Versorgung in ganz Hessen zu arbeiten», sagte Klose laut Mitteilung.