Sport vor leeren Rängen - auch weiterhin? Von Hannah Wagner, dpa

26.06.2020 11:57

Während sich im Ausland mancherorts schon wieder Fans in Stadien
tummeln, stehen Sportanhänger in Deutschland derzeit noch vor
verschlossenen Toren. Hoffnungsvoll blicken viele auf die neue
Saison. Ein Virologe warnt.

Berlin (dpa) - Großveranstaltungen mit vielen Zuschauern sind nach
den Vorgaben der Politik bis Ende Oktober verboten. Ausnahmen könnten
möglich sein, wenn entsprechende Sicherheitskonzepte vorliegen. Doch
was ist bei großen Sportveranstaltungen überhaupt vertretbar und
realistisch? «Man kann Veranstaltungen zulassen, es wird immer
schwerer, je mehr Leute es sind», sagt der Virologe Jonas
Schmidt-Chanasit der Deutschen Presse-Agentur.

WIE SIEHT'S DERZEIT IM FUßBALL AUS? «Ich habe schon immer ges
agt,
dass Zuschauer sehr, sehr fehlen», sagt Meistertrainer Hansi Flick
vom FC Bayern. Seit dem Neustart der Fußball-Bundesliga Mitte Mai
kicken die Profis bestenfalls vor Fan-Pappaufstellern auf den
Tribünen. Wie es in der neuen Saison weitergehen wird, ist noch
ungewiss. «Für Aussagen zur neuen Saison ist es zu früh, die
entsprechenden Konzepte sind noch in der Entwicklung und Abstimmung»,
hieß es zuletzt vom Deutschen Fußball-Bund. Ebenfalls ohne Zuschauer
findet das DFB-Pokalfinale zwischen Bayer Leverkusen und Meister
FC Bayern München am 4. Juli im Berliner Olympiastadium
statt. Geisterspiele wird es wohl auch beim Final-Turnier in der
Europa League vom 11. bis 21. August in Nordrhein-Westfalen geben.

WIE IST DIE SITUATION IN ANDEREN SPORTARTEN? Während im Fuß
ball das
große Geld aus TV-Einnahmen fließt, sind die meisten anderen Profi-
und Amateursportarten weitgehend vom Ticketverkauf abhängig - und
deshalb besonders an Zuschauern interessiert. Das Finale der
Basketball-Bundesliga am Wochenende in München kann trotzdem nicht
wie zuletzt diskutiert als erste Veranstaltung einer deutschen
Profiliga seit der Coronavirus-Pause wenigstens mit einigen Fans
stattfinden.

In der neuen Saison hofft die Basketball-Bundesliga auf einen
baldigen Spielbetrieb mit Fans. «Wir können wirtschaftlich nicht ohne
Zuschauer spielen, oder wir bekommen staatliche Hilfen, um das zu
kompensieren», sagte BBL-Geschäftsführer Stefan Holz der Deutschen
Presse-Agentur in München.

Der Geschäftsführer der Deutschen Eishockey Liga, Gernot Tripcke,
erklärte kürzlich: «Wir nehmen zur Kenntnis, dass es kein allgemeines

Verbot gibt und werden zusammen mit den Arenen alle Anstrengungen
unternehmen, um so viele Zuschauer wie möglich in die Hallen zu
bekommen.» Auch die Handball-Bundesliga hofft auf einen Saisonstart
schon im September mit immerhin bis zu 2000 Zuschauern.

WAS SIND BESONDERE HÜRDEN BEI SPORTVERANSTALTUNGEN? Mit Blick a
uf das
Infektionsrisiko sind mehrere Faktoren entscheidend, erklärt der
Virologe Jonas Schmidt-Chanasit: Die Menge der Zuschauer, die
Zeitdauer, die sie zusammen verbringen, und ihr Verhalten. «Es können
300 Leute auf der Tribüne sitzen, eine Maske tragen und zwei Stunden
kein Wort sagen - da ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering. Auf der
anderen Seite sitzen eben eine Stunde Leute vielleicht sogar mit
Abstand aber ohne Maske und brüllen eine Stunde - da hilft dann der
Abstand von 1,50 Metern auch nur noch sehr begrenzt, weil Tröpfchen
eben auch mal weiter fliegen können.» Das unterscheide etwa
Fußballspiele von Großveranstaltungen, bei denen es weniger emotional
zugehe.

«Meistens sind auch die Toiletten so ein Dreh- und Angelpunkt, weil
es halt wenige sind und weil es da oft sehr eng wird», sagt
Schmidt-Chanasit. «Es ist auch einfach schwer zu regulieren, wenn da
ganz viele gleichzeitig auf Toilette müssen.« Auch für An- und
Abreise müsse es schlüssige Sicherheitskonzepte geben.

WO SIND DIE RISIKEN BESONDERS HOCH? «Prinzipiell ist es aber so
, dass
es in geschlossenen Räumen bessere Bedingungen für eine
Virusübertragung gibt, weil da auch Aerosole eine Rolle spielen»,
erklärt Schmidt-Chanasit. «Die spielen draußen keine so große Rolle
,
weil da eine schnellere Verdünnung erfolgt. Draußen spielen eher die
Tröpfchen eine Rolle.»

Ist also das Infektionsrisiko in einer gut gefüllten Handballhalle
zwingend größer als im Fußballstadion? Ganz pauschal kann man das
laut Schmidt-Chanasit nicht sagen. «Es ist so, dass auch draußen
schon Superspreader-Events stattgefunden haben, Stichwort
Champions-League-Spiel in Bergamo», sagt er. «Tendenziell ist es aber
immer so, dass in geschlossenen, schlecht durchlüfteten Räumen, die
sehr voll sind, natürlich die besten Bedingungen für Übertragungen
sind.»

WAS HÄLT DER VIROLOGE FÜR REALISTISCH? Je mehr Zuschauer bei
einer
Sportveranstaltung anwesend sind, desto schwieriger wird es, Hygiene-
und Sicherheitskonzepte durchzusetzen, betont Schmidt-Chanasit.
«Deswegen nehme ich immer das Beispiel eines großen Fußballstadions:

Wenn wir da 300 Fans reinlassen, das geht natürlich, die kann man
auseinandersetzen, da kann man auch noch halbwegs einschreiten.» Bei
10 000 Fans hingegen seien dann «auch immer mehr Leute dabei, die
sich eben nicht an die Regeln halten», erklärt er. «Da sehe ich jetzt

keinen realistischen Weg, das irgendwie sinnvoll durchzuhalten.»

WELCHE IDEEN HABEN VERANSTALTER? Im Dortmunder Stadion will man am
letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga eine spezielle
Wärmebildkamera testen, die an den Stadioneingängen kontaktlos die
Körpertemperatur von eintretenden Personen misst. Zudem soll mithilfe
von 3D-Sensoren ermittelt werden, ob im Tribünenblock die
Abstandsregel eingehalten wird. «Ob die eingesetzte Technik am Ende
zielführend und hilfreich sein wird, müssen wir abwarten», hatte
BVB-Marketingchef Carsten Cramer erklärt.

Die Kölner Lanxess-Arena hat zumindest für Konzerte eine Lösung
gefunden, um fast 900 Zuschauer empfangen zu können - und eigens
umgebaut: Um die Corona-Regeln einzuhalten, werden die Besucher im
Innenraum in kleine Plexiglas-Boxen gesetzt, die zur Bühne hin
geöffnet sind. In der Halle finden auch Sportveranstaltungen statt -
weil dann der Innenraum als Spielfläche gebraucht wird, ist diese
Lösung hier aber nicht geeignet, erklären die Veranstalter. Eine
Ausnahme seien Boxveranstaltungen.