Schwedens Staatsepidemiologe wirft WHO Fehldeutung von Daten vor

26.06.2020 18:19

Stockholm (dpa) - Er ist das Gesicht des schwedischen
Corona-Sonderwegs - und mit der Bewertung der Situation in seinem
Land durch die Weltgesundheitsorganisation WHO nicht einverstanden:
Staatsepidemiologe Anders Tegnell hat mit Unverständnis auf die
Einordnung Schwedens als besonderes Risikoland durch die WHO
reagiert. «Das ist leider eine totale Fehldeutung der Daten», sagte
Tegnell am Freitag im Morgenstudio des schwedischen Senders SVT.

Schweden habe steigende Fallzahlen, die allerdings darauf beruhten,
dass das Land deutlich mehr Tests durchführe als vorher, sagte
Tegnell. «Es ist unglücklich, Schweden mit Ländern zu vermischen, die

zuvor überhaupt keine Probleme hatten und offenbar erst am Anfang
ihrer Epidemie stehen.» Die WHO hätte sich vermutlich einfach in
Stockholm melden sollen, dann hätte man ihr ein detaillierteres Bild
der schwedischen Situation geben können, sagte Tegnell.

Die WHO Europa lenkte später ein. Auf Twitter wies sie am Abend
darauf hin, dass es in Schweden mehrere positive Trends gebe. Die
Zahl schwerwiegender Corona-Fälle gehe ebenso zurück wie diejenige
der Todesfälle. Während wegen zunehmender Tests die Fallzahlen
angestiegen seien, sei der Anteil positiver Tests stabil geblieben.
Dies rechtfertige die Bemühungen der schwedischen Behörden.

Der Leiter des WHO-Regionalbüros Europa, Hans Kluge, hatte am
Donnerstag von erneut steigenden Corona-Zahlen in Europa gesprochen.
30 Länder in der europäischen Region hätten im Laufe der vergangenen

beiden Wochen wieder steigende Fallzahlen vermeldet, sagte der
WHO-Regionaldirektor auf seiner wöchentlichen Online-Pressekonferenz
in Kopenhagen. In elf Ländern habe eine beschleunigte
Übertragungsrate zu einem sehr deutlichen Wiederaufleben des
Coronavirus geführt - darunter neben Schweden Länder wie Armenien,
Aserbaidschan, Albanien und die Ukraine. In diesen Ländern drohten
starke Belastungen für das Gesundheitswesen, wenn nicht entschieden
gegen die Ausbreitung vorgegangen werde, so Kluge.

In Schweden hat die Corona-Krise ähnlich früh wie zum Beispiel in
Deutschland eingesetzt. Das skandinavische EU-Land hat darauf mit
deutlich lockereren Maßnahmen reagiert als die meisten anderen
Staaten. Bis heute sind die schwedischen Infektions- und
Todesfallzahlen um ein Vielfaches höher als im Rest Skandinaviens.