Genitalverstümmelung: «Kein Wort, das den Schmerz beschreiben kann» Von Jörg Ratzsch, dpa

25.06.2020 13:49

In einigen Teilen der Welt ist es immer noch grausame Praxis: 90
Prozent der Mädchen werden nach Angaben des Kinderhilfswerks Unicef
in manchen Ländern beschnitten. Auch in Deutschland leben viele
Betroffene. Darauf will die Familienministerin aufmerksam machen.

Berlin (dpa) - In Deutschland leben nach Angaben von
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) rund 68 000 Frauen
und Mädchen, die von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind.
Giffey legte am Donnerstag in Berlin Zahlen vor, die im Auftrag ihres
Ministeriums erhoben wurden. Demnach hat sich die Anzahl der
betroffenen Frauen und Mädchen hierzulande in den vergangenen Jahren
aufgrund von Zuwanderung deutlich erhöht.

Die meisten stammten aus Eritrea, Somalia, Indonesien, Ägypten und
Nigeria. Das Familienministerium schätzt, dass daneben bis zu knapp
15 000 Mädchen in Deutschland von weiblicher Genitalverstümmelung
bedroht sind - darunter Mädchen, die auch in zweiter Generation schon
hier leben. Giffey sagte, es sei nicht einfach, solche Daten zu
erheben. «Es ist ein Straftatbestand, so dass wir uns hier im Rahmen
einer Dunkelfeldforschung bewegen.» Die Erhebung wurde den Angaben
zufolge im Auftrag des Ministeriums nach einer von dem Europäischen
Institut für Gleichstellungsfragen entwickelten Methodik erstellt.

Hinter den abstrakten Zahlen stecken bewegende Schicksale. Spätestens
seit dem Welterfolg «Wüstenblume», der Autobiografie der Somalierin
Waris Dirie, ist das Thema einer breiten Öffentlichkeit bewusst. In
Deutschland setzt sich Fadumo Korn dafür ein, dass es nicht wieder
aus dem Bewusstsein verschwindet. Mit ergreifenden Worten beschrieb
die vor 40 Jahren aus Somalia nach Deutschland gekommene Vorsitzende
des Vereins «NALA e.V. Bildung statt Beschneidung» am Donnerstag in
Berlin, was ihr als Kind widerfahren ist.

«Ich wurde mit sieben Jahren meiner Weiblichkeit beraubt.» In der
Steppe Somalias sei sie ohne jegliche Narkose und Vorbereitung von
zwei Frauen festgehalten worden und mit einer Rasierklinge
beschnitten worden. «Man kann sich das nicht vorstellen (...) Es gibt
kein Wort, das diesen Schmerz beschreiben kann, wenn man ohne Narkose
seine Organe herausgeschnitten bekommt.» Sie sei dabei fast gestorben
und ins Koma gefallen.

Fadumo Korn sprach von einer «mächtigen Tradition» in Ländern, in
denen die Genitalverstümmelung weiterhin durchgeführt wird. Ihr sei
es wichtig, für die zu kämpfen, die keine Stimme hätten. Giffey
verwies darauf, dass in den jeweiligen Landessprachen auch durch
bestimmte Bezeichnungen suggeriert werde, dass Mädchen mit der
grausamen Prozedur etwas Gutes getan werde. So sei von «Saubermachen»
die Rede oder von einem «Schritt ins Frau-Sein». Man müsse aufkläre
n.
«Weibliche Genitalverstümmelung ist eine schwere
Menschenrechtsverletzung und eine archaische Straftat, die Mädchen
und Frauen in ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle
Selbstbestimmung verletzt», sagte die SPD-Politikerin.

Unterstützung für Betroffene könnten etwa Hebammen leisten. Zudem
verwies Giffey auf das bundesweite Hilfetelefon «Gewalt gegen
Frauen», das rund um die Uhr auch mit mehrsprachigen Ansprechpartnern
erreichbar ist. Die Vorlage der Zahlen nutzte sie auch, um auf die
Rechtslage in Deutschland hinzuweisen. In Deutschland ist
Genitalverstümmelung strafbar. Täter könnten auch belangt werden,
wenn die Tat im Ausland stattgefunden habe. Zudem bestehe die
Möglichkeit des Passentzugs, wenn eine Person eine weibliche
Beschneidung im Ausland plane. In der Praxis gab es Giffey zufolge
aber bisher nur wenige Fälle, in denen das zum Tragen kam.

Die frauenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Nicole Bauer, sagte
am Donnerstag, die Bundesregierung tue aktuell nicht genug, um
betroffene Mädchen und Frauen zu schützen. «Es muss endlich mehr
Aufklärung zu diesem Thema geben, auch als Teil der
Integrationskurse, und wirksame Gesetze.» Für Betroffene brauche es
zudem ein Register von spezialisierten Ärzten, deren Expertise etwa
bei Geburten zu Rate gezogen werden könne.