Antikörper-Studie: Viele Bürger Ischgls waren infiziert

25.06.2020 14:57

Die Zahl wirft ein Schlaglicht auf das Ausmaß des
Infektionsgeschehens in Ischgl: 42,4 Prozent der Teilnehmer einer
Studie hatten das Coronavirus. Die Wenigsten waren richtig krank.

Innsbruck (dpa) - Eine neue Untersuchung liefert Zündstoff zur Rolle
von Ischgl in Österreich bei der Verbreitung des Coronavirus. Nach
Angaben der Medizinischen Universität Innsbruck haben 42,4 Prozent
der in einer umfassenden Studie getesteten Bürger Antikörper auf das
Coronavirus gebildet. Das sei der weltweit höchste bisher publizierte
Wert, sagte die Direktorin des Instituts für Virologie, Dorothee von
Laer, am Donnerstag in Innsbruck.

Zum Vergleich: In einem der ersten Corona-Hotspots in Deutschland,
Gangelt im Kreis Heinsberg, waren laut einer Anfang April
durchgeführten Studie gut 15 Prozent der Einwohner infiziert oder
hatten eine Infektion bereits hinter sich. Den Angaben aus Innsbruck
zufolge wiesen vergleichbare Studien für Gröden in Südtirol Werte von

27 Prozent und für Genf von zehn Prozent auf. Antikörper im Blut
gelten als Nachweis für eine durchgemachte Infektion.

Ischgl mit seinen Après-Skibars gilt als Brennpunkt für die
Ausbreitung des Coronavirus in Österreich und Teilen Europas. Nach
Angaben österreichischer Behörden waren zeitweise 40 Prozent aller
Fälle im Inland auf Ischgl zurückzuführen. Auch viele deutsche
Touristen haben sich nach ihrer Überzeugung in Ischgl angesteckt.

Eine Kommission im Bundesland Tirol soll nun das stark kritisierte
Krisenmanagement unter die Lupe nehmen. Das Paznauntal mit den Orten
Ischgl und Galtür wurde am 13. März unter Quarantäne gestellt. Aus
Sicht von Kritikern und Betroffenen hätte dieser Schritt früher
erfolgen müssen.

Auffällig sei, dass von den positiv auf Antikörper getesteten
Personen zuvor nur 15 Prozent die Diagnose erhalten hatten, infiziert
zu sein, sagte von Laer. «85 Prozent derjenigen, die die Infektion
durchgemacht haben, haben das unbemerkt durchgemacht.» Trotz des
hohen Antikörper-Werts sei auch in Ischgl keine Herden-Immunität
erreicht. Entscheidend für den Rückgang der Fälle seien die
Quarantäne und die soziale Distanz gewesen, hieß es.

Die Studie beweise, dass das Sars-CoV-2 Virus bereits im Februar in
Ischgl verbreitet gewesen sein müsse, da es bei den Touristen, aber
eben auch bei den Einheimischen zu einer massenhaften Ansteckung
gekommen sei, erklärte Peter Kolba vom Verbraucherschutzverein (VSV).
Wäre rechtzeitig bei auch unklaren Symptomen getestet worden, hätten
die Behörden früher handeln müssen. «Das hätte Tausende Touristen

vor einer Infektion mit teils schweren Folgen bewahrt», so Kolba. Bei
ihm haben sich mehr als 6000 Tirol-Urlauber, davon 4000 Deutsche, als
Geschädigte gemeldet. Kolba hatte das Land Tirol wegen des
Managements der Corona-Krise angezeigt und strebt eine Klage an.

Da es sich bei Ischgl um eine Gemeinde handele, die aufgrund
sogenannter Superspreading-Events überdurchschnittlich von der
Pandemie betroffen und durch strikte Quarantänemaßnahmen von der
Umwelt abgeschlossen gewesen sei, könnten aus der Studie wichtige
Erkenntnisse zu Virus-Ausbreitung und Infektionsverlauf gewonnen
werden, so die Universität.

Rund 80 Prozent der Ischgler Bevölkerung nahmen an der Studie teil.
1473 Probanden waren zwischen 21. und 27. April untersucht worden.