Regierung und Verbände: Ausbildung im Norden trotz Corona zuverlässig

24.06.2020 17:52

Die Corona-Krise schlägt auch auf die Berufsausbildung vehement
durch. Tausende Lehrstellen sind noch unbesetzt. Regierung,
Arbeitsagentur, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände richten einen
dringenden Appell an Jugendliche und Betriebe.

Kiel (dpa/lno) - Rund 9000 Ausbildungsplätze sind in
Schleswig-Holstein derzeit unbesetzt. Vor diesem Hintergrund riefen
Wirtschaftsstaatssekretär Thilo Rohlfs (FDP) und
Bildungsstaatssekretärin Dorit Stenke (CDU) am Mittwoch Schüler,
Eltern und Betriebe auf, die duale Ausbildung verstärkt in den Blick
zu nehmen und alle Angebote rasch zu nutzen. Bei einem Treffen in
Kiel betonten Spitzenvertreter von Land, Arbeitsagentur,
Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden, die berufliche Bildung müsse
trotz Corona-Krise dauerhaft und verlässlich gestaltet werden.

Eine qualifizierte Berufsausbildung biete jungen Menschen beste
Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben, hieß
es. Sie sei zudem ein wirksamer Schutz gegen Arbeitslosigkeit und
sichere jedem Einzelnen die Teilhabe an Gesellschaft und Wohlstand.

Stenke zufolge werden in diesem Sommer knapp 28 000 junge Menschen
ihren allgemeinbildenden Schulabschluss ablegen, rund 65 Prozent
davon streben eine duale Berufsausbildung an. Zwar gebe es einen
massiven Überhang an unbesetzten Ausbildungsstellen, trotzdem fehlten
aktuell mindestens 500 Ausbildungsplätze. «Gegenüber 2019 sind
insbesondere weniger Ausbildungsstellen im Verkauf, in der
Lebensmittel- und Genussmittelherstellung sowie in der Gastronomie,
bei Arzt- und Praxishilfen und bei Köchen festzustellen.»

Auch die Zahl der gemeldeten Bewerber sei um fast neun Prozent
niedriger als im Vorjahr. Darüber hinaus sei die Zahl derjenigen, die
seit März eine Ausbildungsstelle gefunden hätten, merklich geringer
als in einem normalen Jahr. So hätten im April und Mai nur 1150 und
damit ein Drittel weniger Bewerber eine Ausbildungsstelle gefunden.
Für dieses Jahr sei mit einem Rückgang abgeschlossener
Ausbildungsverträge in Höhe von 10 bis 15 Prozent zu rechnen, sagte
Rohlfs.

Auslöser seien etwa die unterbrochenen Vermittlungsaktivitäten. So
sei neben dem Schulbetrieb auch die Arbeit der Jugendberufsagenturen
weitgehend zum Erliegen gekommen, Kontaktmessen seien abgesagt worden
und auch an den Schulen habe keine Berufsorientierung stattgefunden.
«Die Unternehmen mussten ihren Fokus zunächst auf die Bewältigung der

Corona-Krise legen und ihre eigene Existenz sichern», sagte Rohlfs.
Zudem habe die massenhaft beantragte Kurzarbeit erhebliche
Kapazitäten der Bundesagentur für Arbeit in Anspruch genommen.

«Ein fehlender Berufsabschluss erhöht deutlich das Risiko, arbeitslos
zu werden und zu bleiben», sagte der Vizechef der Regionaldirektion
Nord der Bundesagentur für Arbeit, Thomas Letixerant. «Während 54
Prozent aller Arbeitslosen in Schleswig-Holstein keinen
Berufsabschluss haben, sind es bei den sozialversicherungspflichtig
Beschäftigten nur 13,5 Prozent.»

In ganz Schleswig-Holstein stünden noch viele freie Ausbildungsplätze
im Handwerk zur Verfügung, sagte der Hauptgeschäftsführer der
Handwerkskammer Lübeck, Andreas Katschke. Die Ausbildungsbereitschaft
der Betriebe sei trotz Corona hoch. «Um Bewerber und Betriebe auch
während der Corona-Krise zusammenzubringen, haben die
Handwerkskammern ihre digitalen Angebote stark ausgeweitet.» In den
Online-Lehrstellenbörsen der beiden Handwerkskammern im Land seien
etwa 1500 freie Ausbildungsplätze zu finden.

Vorrang habe nach wie vor die betriebliche Ausbildung, sagte
DGB-Nord-Chef Uwe Polkaehn. Außerbetriebliche Auffangprogramme seien
als absolut nachrangig zu betrachten. Prämien für Betriebe, die
Auszubildende aus von Insolvenz betroffenen Firmen übernehmen, seien
wichtige und notwendige Hilfen für Unternehmen und Auszubildende.

UVNord-Geschäftsführer Sebastian Schulze appellierte an die Betriebe:
«Wir dürfen trotz erheblicher pandemiebedingter Schwierigkeiten in
den Ausbildungsanstrengungen nicht müde werden.» Der Bedarf an
Fachkräften werde nach der Krise zügig wieder steigen.