IWF sieht «beispiellose» globale Krise - Prognose erneut gesenkt Von Jürgen Bätz, dpa und Bernhard Funck, dpa-AFX

24.06.2020 16:58

Die Corona-Pandemie kostet die Weltwirtschaft viele Billionen Dollar.
Der Internationale Währungsfonds kappt seine Konjunkturprognose jetzt
nochmals - auch für die Länder der Eurozone. In Deutschland steigt
allerdings die Stimmung in den Unternehmen wieder.

Washington/München (dpa) - Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat
seine Konjunkturprognose erneut gesenkt: Es droht eine Rezession von
historischem Ausmaß - und das auch für die Eurozone und Deutschland.
«Wir sind in einer beispiellosen Krise», sagte Chefvolkswirtin Gita
Gopinath am Mittwoch bei der Vorlage der jüngsten IWF-Prognose in
Washington. Die Weltwirtschaftsleistung soll demnach in diesem Jahr
um 4,9 Prozent einbrechen. Im April hatte der IWF noch einen Rückgang
um 3 Prozent vorhergesagt. Im Januar, vor der Ausbreitung des
Coronavirus, hatte der IWF noch mit solidem Wachstum gerechnet.

Dies werde die «schlimmste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise»
vor rund 90 Jahren sein, warnte Gopinath. Armut und Arbeitslosigkeit
würden sich dadurch global verschärfen. Die globale
Wirtschaftsleistung werde infolge der Pandemie in diesem und im
nächsten Jahr insgesamt um 12,5 Billionen Dollar (11 Billionen Euro)
geringer ausfallen, erklärte Gopinath. Kein Land der Welt sei von den
Konsequenzen der Pandemie verschont geblieben.

Für 2021 erwartet der IWF eine Erholung. Die globale Wirtschaft soll
dann um 5,4 Prozent zulegen - das wären 0,4 Prozentpunkte weniger,
also noch im April angenommen. Die Länder der Eurozone sollen um 6
Prozent wachsen, Deutschlands Wirtschaft um 5,4 Prozent. Gopinath
warnte allerdings, dass eine zweite große Welle Corona-Infektionen
Anfang 2021 mit neuen Ausgangsbeschränkungen das Wachstum wieder
komplett zunichte machen könnte. «Die Stärke der Erholung ist noch
höchst unsicher», räumte sie ein.

Die Gruppe der Industrieländer wird dem IWF zufolge besonders
betroffen sein. Für die Länder der Eurozone geht der IWF in diesem
Jahr von einem Wirtschaftseinbruch von 10,2 Prozent aus. Für
Frankreich, Italien und Spanien prognostiziert der IWF in diesem Jahr
nun ein deutlich stärkeres Minus um jeweils mehr als 12 Prozent. Für
die USA, die weltgrößte Volkswirtschaft, erwartet der IWF einen
Rückgang um 8 Prozent (April-Prognose: 6,1 Prozent).

In Deutschland soll das Bruttoinlandsprodukt um 7,8 Prozent
schrumpfen, wie der IWF mitteilte. Im April war der Währungsfonds
noch von 7,0 Prozent ausgegangen. Die «Wirtschaftsweisen» des
Sachverständigenrats der Bundesregierung hatten in ihrer Prognose vom
Dienstag mit einem Rückgang um 6,5 Prozent gerechnet. Das Deutsche
Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) befürchtet sogar ein Minus
von mehr als 9 Prozent. DIW-Präsident Marcel Fratzscher sagte im
RBB-Inforadio: «Wir müssen uns im zweiten Halbjahr, nach dem 30.
September, auf eine massive Insolvenzwelle einstellen, einfach weil
viele sagen" ich kriege doch nicht die Kurve.»

Ein positives Signal kam hingegen aus den deutschen Unternehmen, in
denen sich die Stimmung im Juni erholte. Das Ifo-Geschäftsklima stieg
im Vergleich zum Vormonat um 6,5 Punkte auf 86,2 Zähler, wie das
Ifo-Institut am Mittwoch in München mitteilte. Dies sei der stärkste
jemals gemessene und der zweite Anstieg des Konjunkturindikators in
Folge, nachdem er im März und April drastisch eingebrochen war. Die
Unternehmen bewerteten ihre momentane Lage im Juni etwas besser, die
Zukunftsaussichten sogar wesentlich besser. «Die deutsche Wirtschaft
sieht Licht am Ende des Tunnels», bemerkte Ifo-Präsident Clemens
Fuest. Das Geschäftsklima stieg in allen Bereichen an, also in der
Industrie, unter Dienstleistern, im Handel und am Bau.

Mit Blick auf die gewaltigen Konjunkturpakete zur Bekämpfung der
Corona-Krise mahnte der IWF alle Staaten, ihre Verschuldung
mittelfristig wieder abzubauen. Als Konsequenz der Krise werde die
öffentliche Verschuldung relativ zur Wirtschaftsleistung dieses Jahr
den bisherigen Höchststand vom Ende des Zweiten Weltkriegs
übertreffen, erklärte Gopinath. Die Konjunktur müsse jetzt aber
gestützt werden, zudem brauchten ärmere Länder dringend mehr Hilfe,
forderte Gopinath. «Diese Krise ist nicht vorbei», betonte sie.

Der globale Wirtschaftseinbruch bedeute «einen katastrophalen Schlag
für den Arbeitsmarkt», erläuterte der IWF. Besonders betroffen davon

seien die ärmeren und weniger gebildeten Arbeitnehmer, die meist
nicht von Zuhause arbeiten könnten, hieß es. Wegen der Pandemie
würden viele Menschen erneut in die Armut abrutschen. Auch die
zeitweise Schließung von Schulen treffe Kinder in ärmeren Staaten,
die nicht übers Internet lernen könnten, besonders hart, so der IWF.

Die in Washington ansässige Organisation warnte zudem, dass sich die
Lage auf den Finanzmärkten trotz der Interventionen von Zentralbanken
wieder zuspitzen könnte. Die jüngste positive Entwicklung der Märkte

«scheint nicht mit den Veränderungen der zu Grunde liegenden
wirtschaftlichen Aussichten zusammenzuhängen», warnte der IWF. Sollte
es zu einer erneuten Zuspitzung der Lage an den Märkten kommen wie zu
Anfang des Jahres, drohten auch Schuldenkrisen, hieß es weiter.

Der IWF hat seit Beginn der Corona-Krise bereits an viele
Entwicklungs- und Schwellenländer Nothilfen vergeben, um deren
Wirtschaft und Wechselkurs zu stützen. Die Finanzierungen umfassen
bislang rund 25 Milliarden US-Dollar. Zu den größten Empfängern
gehörten unter anderem Ägypten, Pakistan, Nigeria und Ghana.