Die Angst vorm Supervirus: Machen Mutationen Sars-CoV-2 gefährlicher? Von Annett Stein, dpa

24.06.2020 08:20

Eine Analyse aus den USA lässt aufhorchen: Sars-CoV-2 könnte zu einer
noch gefährlicheren Variante mutiert sein, heißt es da. Experten
haben daran große Zweifel. So wirklich nötig habe das Coronavirus
Veränderungen auch gar nicht - es sei schon ziemlich gut angepasst.

Berlin (dpa) - Zig Millionen Menschen hat das vor etwa einem halben
Jahr aufgetauchte Coronavirus schon infiziert - mutiert es inzwischen
und wird gefährlicher? In einer noch nicht begutachteten
Preprint-Veröffentlichung schließen Forscher des amerikanischen
Scripps Research Institutes aus Genomanalysen, dass eine Mutation mit
der Bezeichnung D614G das Virus infektiöser macht. Unter
Laborbedingungen könne der Erreger mehr Zellen infizieren, berichtete
das Team kürzlich.

Die D614G-Mutation sei in den in Europa und an der Ostküste der USA
kursierenden Virusstämmen tatsächlich stark präsent, erklärt Richar
d
Neher von der Universität Basel dazu. «Aus dieser Dominanz lässt sich

aber nicht schließen, dass sich das Virus mit der Mutation schneller
verbreitet.» Die Dominanz sei nicht zwingend auf eine höhere
Übertragungsrate oder Virulenz zurückzuführen, sondern den Zufall,
erklärt der Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und
Bakterien: Die D614G-Virusvariante habe am Beginn einzelner größerer
Ausbrüche gestanden und sich in der Folge stärker ausgebreitet als
andere Varianten. «Zufälle spielen gerade am Anfang eine unglaublich
große Rolle.»

Generell seien Mutationen bei dem Coronavirus absolut nicht
ungewöhnlich, betont Neher. In seinen 30 000 Basen komme es im Mittel
alle zwei Wochen zu einer Mutation. Damit sei die Mutationsrate pro
Base etwas niedriger als etwa bei Influenza oder HIV, wegen des
größeren Genoms von Sars-CoV-2 sei der Wert aber letztlich in etwa
gleich. Anhand der Mutationen könne man darauf schließen, ob zwei
Ausbrüche zusammenhängen - Infektionsketten von Mensch zu Mensch
seien darüber nicht nachzuvollziehen. Beim jüngsten Ausbruch in
Peking zum Beispiel lassen Genomvergleiche demnach darauf schließen,
dass der Erreger von außen ins Land eingeschleppt wurde - woher
genau, sei nicht zu sagen.

Sars-CoV-2 sei schon sehr gut an den Menschen angepasst, sagt
Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der
Justus-Liebig-Universität Gießen. «Da frage ich mich schon erst mal:

Was braucht es mehr?» Laut einer aktuellen Studie verleihe die
D614G-Mutation allerdings etwas mehr Stabilität, dies könne für die
Partikel durchaus ein Vorteil sein. Dass eine einzelne Mutation einen
großen Unterschied mache, sei vor allem bei einem auf nur ein
bestimmtes Enzym wirkendes Medikament denkbar. Viele Medikamente und
auch Impfstoffkandidaten seien aber auf breiterer Basis aufgestellt
und daher zumeist unempfindlich gegenüber Einzelmutationen.

Derzeit sei weltweit kein einziges Virus-Isolat mit veränderter
Pathogenität bekannt, betont Neher auch. «Wir können nicht
ausschließen, dass es sie gibt, es ist aber eher unwahrscheinlich.»
Sein Team hat gemeinsam mit US-Kollegen die Webanwendung «Nextstrain»
(nextstrain.org) entwickelt, mit der sich über eingespeiste
Genomsequenzen verfolgen lässt, über welche Wege sich Viren
ausbreiten. Die Software analysiert, wie sich ein Erreger verändert,
also welche Mutationen er während der Ausbreitung ansammelt - eine
Art Stammbaum entsteht.

Aus den gesammelten Daten lasse sich zum Beispiel ablesen, dass
Sars-CoV-2 nicht nur einmal in Ländern wie Deutschland, Österreich
oder den USA landete, sondern mehrfach eingeschleppt wurde, erläutert
Andreas Bergthaler vom Forschungsinstitut für Molekulare Medizin der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften (CeMM) in Wien.
Rückschlüsse zu den Folgen erfasster Mutationen seien nach einem
halben Jahr Pandemie noch nicht möglich. Sehr wohl aber könnten
Genomvergleiche dabei helfen, zu bestimmen, woher das Virus hinter
einem bestimmten Ausbruch stamme. Das wiederum nütze beim
Unterbrechen von Infektionsketten.

Die Daten von «Nextstrain» lassen auch Rückschlüsse auf den Ursprun
g
von Sars-CoV-2 zu. «Wir gehen mit großer Sicherheit davon aus, dass
das Virus in China von Tieren auf den Menschen übergesprungen ist»,
so Neher. Das sei einmal und in der Region Wuhan geschehen. Auf
künftige Anpassungen und Veränderungen hingegen lässt sich aus den
Daten nicht schließen. Bergthaler dazu: «Die Zeit wird zeigen, in
welche Richtung sich das Virus entwickelt.»