Trotz Rassismus-Kritik: Trump bezeichnet Coronavirus als «Kung Flu» Von Can Merey und Lena Klimkeit, dpa

24.06.2020 18:49

In den USA nehmen die Coronavirus-Infektionen wieder zu. Experten
sind besorgt. US-Präsident Trump hat eine eigene Erklärung dafür. Und

er befeuert Rassismus-Vorwürfe gegen sich.

Washington (dpa) - Trotz Rassismus-Vorwürfen hält US-Präsident Donald

Trump an seiner Bezeichnung «Kung Flu» für das Coronavirus fest -
während die Neuinfektionen in den USA bei Experten die Alarmglocken
schrillen lassen. Trump sagte am Dienstag (Ortszeit) bei einem
Auftritt vor Anhängern in Phoenix (Arizona), er kenne «19 oder 20
Namen» für das Virus, das zunächst in China festgestellt worden war
und sich dann über die Welt verbreitete. «Es gab noch nie etwas,
wofür es so viele Namen gab», sagte Trump.

Als aus dem Publikum in Phoenix «Kung Flu»-Rufe ertönten, sagte der
Präsident: «Kung Flu, ja, Kung Flu.» Daraufhin bekam er tosenden
Applaus. In den USA steigen die Zahlen der Neuinfektionen durch das
Virus in zahlreichen US-Bundesstaaten an. Trump hat das Coronavirus
entgegen der Einschätzung von Experten wiederholt mit einer Grippe
verglichen - auf Englisch «Flu».

Trump hatte erstmals am Samstag bei einer Wahlkampf-Kundgebung in
Tulsa (Oklahoma) gesagt, er kenne für das «chinesische Virus»
verschiedene Namen, darunter «Kung Flu». Er sah sich daraufhin
Rassismus-Vorwürfen ausgesetzt, denen das Weiße Haus widersprach.
Sprecherin Kayleigh McEnany sagte vor Trumps Auftritt in Arizona,
Trump habe nur auf die Herkunft des Virus aufmerksam machen wollen.

Der führende US-Immunologe in der Corona-Krise, Anthony Fauci, zeigte
sich besorgt über die deutlich zunehmenden Fallzahlen von
Coronavirus-Infektionen in mehreren US-Bundesstaaten. Fauci sprach
bei einer Anhörung im Repräsentantenhaus von einem «beunruhigenden
Anstieg von Infektionen» in Florida, Texas, Arizona und anderen
Bundesstaaten. Die nächsten Wochen seien entscheidend dafür, diesem
Anstieg entgegenzuwirken, sagte er. Aus Daten der Universität Johns
Hopkins in Baltimore geht hervor, dass die Neuinfektionen in den USA
am Dienstag mit rund 34 700 den höchsten Tageswert seit Ende April
erreichten - und den dritthöchsten Tageswert seit Beginn der
Pandemie.

Rund die Hälfte der US-Bundesstaaten verzeichnen eine Zunahme von
Fällen. Trump spielte den jüngsten Anstieg bekannter
Coronavirus-Infektionen in den USA am Dienstag erneut herunter. «Wenn
wir mehr testen, finden wir mehr Fälle», sagte er. «Testen ist ein
zweischneidiges Schwert.» Die USA hätten 27,5 Millionen Tests
durchgeführt, mehr als jedes andere Land.

Trump hatte bereits bei der Kundgebung am Samstag gesagt: «Wenn man
in diesem Ausmaß testet, wird man mehr Menschen finden, man wird mehr
Fälle finden, also habe ich meinen Leuten gesagt: «Verlangsamt bitte
die Tests».» Aus dem Weißen Haus hieß es anschließend, Trump habe

«offensichtlich gescherzt».

Der Präsident sagte am Dienstag, als er auf seine Aussage
angesprochen wurde: «Ich scherze nicht.» Fauci betonte am Dienstag,
niemand aus der Coronavirus-Arbeitsgruppe des Weißen Hauses sei
jemals angewiesen worden, Tests zu verlangsamen. «Das Gegenteil ist
der Fall. Wer werden mehr testen, nicht weniger.»

Trump wirbt für eine rasche Wiedereröffnung der Wirtschaft und will -
wohl auch mit Blick auf die Wahl im November - eine möglichst rasche
Rückkehr zur Normalität. Seiner Darstellung zufolge ist das
Coronavirus dabei, nach und nach aus den USA zu verschwinden.

Die meisten renommierten Experten lehnen Trumps Erklärung ab, wonach
die Zunahme der Infektionen vor allem auf eine Zunahme von Tests
zurückzuführen sein soll. Sie machen vorrangig die Lockerung von
Corona-Beschränkungen verantwortlich. Die täglich neu registrierten
Fälle in den USA liegen wieder bei rund 30 000 - das ist nur etwas
weniger als zum Höhepunkt der Krise im April. Der Gouverneur von
Texas, der Republikaner Greg Abbott, forderte die Bürger angesichts
eines Rekordwertes an Neuinfektionen innerhalb eines Tages auf, zu
Hause zu bleiben - Wochen nachdem sein Bundesstaat als einer der
ersten Schutzmaßnahmen gelockert hatte.

Die Vereinigten Staaten sind das Land mit den meisten nachgewiesenen
Coronavirus-Infektionen weltweit. Mehr als 2,3 Millionen Fälle wurden
seit Beginn der Pandemie verzeichnet. Mehr als 120 000 Menschen
starben nach einer Infektion mit dem Erreger Sars-CoV-2.

Trumps Veranstaltung in Phoenix war vom Weißen Haus als Ansprache des
Präsidenten «an junge Amerikaner» angekündigt gewesen. Tatsächlic
h
war es ein kaum verkappter Wahlkampf-Auftritt, bei dem Trumps
Anhänger dicht an dicht und größtenteils ohne Schutzmasken im
Zuschauerraum saßen. Trump hatte am Samstag in Tulsa (Oklahoma) eine
Schlappe erlitten, weil bei der Kundgebung zu seinem angestrebten
Neustart seines Wahlkampfs in der Corona-Krise Tausende Plätze in der
Arena leer geblieben waren. Im November stehen in den USA
Präsidentschaftswahlen an.

Trump ist nicht nur wegen der Corona-Krise, sondern auch wegen des
Todes des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen
Polizeieinsatz in Minneapolis am 25. Mai unter Druck. Trump hat den
Tod Floyds mehrfach verurteilt und das Recht auf friedliche
Demonstrationen betont. Ihm wird jedoch vorgeworfen, sich nicht klar
gegen Rassismus zu positionieren und zu wenig Verständnis für den
Zorn über Diskriminierung und Ungerechtigkeit zu zeigen.