Enthemmte und betrunkene Täter - 211 Übergriffe gegen Feuerwehrleute Von Andreas Rabenstein, dpa

22.06.2020 12:43

Sie kommen um zu helfen. Trotzdem sehen sich Rettungskräfte Pöbeleien
oder sogar körperlichen Angriffen ausgesetzt. In Berlin wird das seit
dem vergangenen Jahr besser als bisher erfasst.

Berlin (dpa/bb) - Es passiert in der Hauptstadt häufiger als jeden
zweiten Tag. Ein Sanitäter, Notarzt oder Feuerwehrmann wird
beleidigt, bedroht, angerempelt oder bespuckt. 211 strafrechtlich
relevante Übergriffe meldeten die Betroffenen von der Berliner
Feuerwehr im vergangenen Jahr. Das berichtete Feuerwehrchef Karsten
Homrighausen am Montag bei der Vorstellung der Einsatzbilanz 2019.
Als mögliche Gründe auf der Seite der Täter nannte er eine Enthemmung

etwa durch Alkohol und die Anonymität der Großstadt. Zum ersten Mal
erstellte die Hauptstadt-Feuerwehr eine derartige Bilanz und ist
damit auch in Deutschland ein Vorreiter.

«Uns ist wichtig, dass so ein Verhalten gesellschaftlich geächtet
wird», sagte Homrighausen. Mit den offiziell erfassten Zahlen wolle
man einen besseren Überblick zu dem Problem, das in den vergangenen
Jahren zunahm, bekommen. Allein 23 Übergriffe ereigneten sich an
Silvester. Insgesamt wurden 35 Sanitäter und Feuerwehrleute verletzt.
Aus den 211 Übergriffen gingen laut der Statistik 100 Strafanzeigen
bei der Polizei hervor. Ob daraus auch Verurteilungen folgten, konnte
Homrighausen nicht genau sagen. Bislang gebe es dazu 15 bis 20
konkrete juristische Verfahren.

Die Berliner Feuerwehr hatte als eine der ersten
Rettungsorganisationen im vergangenen Jahr eine Stelle für eine
Anti-Gewaltbeauftragte geschaffen. Man nehme das Thema sehr ernst,
auch bei der Prävention und in der Ausbildung werde darauf
eingegangen, sagte Homrighausen.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) sagte: «Was mich besonders
erschüttert hat, war die Vielzahl der Übergriffe.» Das sei «in kein
er
Weise zu entschuldigen». Diese Übergriffe gebe es leider in allen
Bundesländern, wie seine Amtskollegen berichten würden. «Dagegen muss

der Staat mit aller Kraft und Härte vorgehen.» Die Gesetze seien aus
diesem Grund entsprechend verschärft worden.

Neben den Berliner Polizisten sollen auch Feuerwehrleute demnächst
kleine Kameras an der Uniform, sogenannte Bodycams, bei ihren
Einsätzen tragen. Damit kann das Geschehen gefilmt werden. Mögliche
Angreifer können so abgeschreckt oder nachträglich identifiziert
werden. Die zweijährige Testphase dafür soll voraussichtlich 2021
oder 2022 beginnen.

Die Zahl der Krankenwagenfahrten, Rettungs- und Löscheinsätze der
Berliner Feuerwehr ist im vergangenen Jahr weiter gestiegen.
Insgesamt waren es 478 281 Einsätze, rund 14 000 oder 3 Prozent mehr

als im Vorjahr. Die meisten Einsätze geschahen wegen verletzter
Menschen durch Unfälle oder sonstiger Krankheitsfälle, zu denen
Sanitäter und Notärzte fahren. Nur bei einem Bruchteil der
Alarmierungen ging es um Brände (6688). Dazu kamen rund 18 000
sogenannte technische Hilfeleistungen.

Alle 66 Sekunden gibt es einen Einsatz. Alle drei Stunden wird ein
Mensch wiederbelebt. Seit 2009 steigen die Einsatzzahlen bei der
Feuerwehr Jahr für Jahr an. Vor allem, weil die Stadt wächst und
immer häufiger Sanitäter und Notärzte gerufen werden. Viele dieser
Notfall-Einsätze wären nach der langjährigen Einschätzung der
Feuerwehr nicht nötig, weil es sich um leichte Verletzungen oder
Krankheiten handelt.

Inzwischen hat die Feuerwehr 4479 Personalstellen, deutlich mehr als
noch vor einigen Jahren. Fast 97 Prozent der Einsatzkräfte sind
Männer. Zwar werbe man aktiv um Frauen, aber die Voraussetzungen -
vor allem bei der reinen Körperkraft - seien in den Testsituationen
nicht einfach zu bewältigen, sagte Innensenator Geisel. So müsse etwa
eine 80 Kilogramm schwere Person durch ein Treppenhaus transportiert
werden.

Ansonsten bemüht sich die Feuerwehr auch im Bereich Umweltschutz um
Modernisierung. In den nächsten Monaten erhalte man das bereits
bestellte erste vollelektrische Einsatzfahrzeug, kündigte
Feuerwehrchef Homrighausen an.