Erste Massenkundgebung Trumps seit Corona - Angriff auf Deutschland Von Can Merey, dpa

21.06.2020 20:26

Das ist ungewohnt für Donald Trump: Bei seiner ersten
Wahlkampfveranstaltung seit Monaten bleiben etliche Plätze leer. Gut
100 Minuten lang mäandert Trump zwischen «Kung Flu» und anderen
Themen. Bemerkenswert ist, dass ein Name in der Rede gar nicht fällt.

Washington (dpa) - Der Neustart seines Wahlkampfs ist für
US-Präsident Donald Trump bei der ersten Massenkundgebung seit Beginn
der Corona-Krise enttäuschend verlaufen. Bei der Veranstaltung in
einer Arena in Tulsa (Oklahoma) blieben am Samstagabend zahlreiche
der gut rund 19 200 Plätze leer. Vor Tausenden jubelnden
Unterstützern griff der Republikaner Deutschland, die US-Demokraten
und die Medien an. Ein Thema, dass die Amerikaner jüngst aufwühlte
wie kaum ein anderes, ließ Trump in seiner mehr als
eineinhalbstündigen Rede unerwähnt: den Tod des Afroamerikaners
George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz.

Trump hatte vor wenigen Tagen mitgeteilt, dass sich fast eine Million
Menschen um Tickets für die Veranstaltung in Tulsa beworben hätten.
Noch kurz vor seinem Abflug nach Tulsa sagte Trump: «Der Andrang ist
unglaublich.» Ein Feuerwehrsprecher in Tulsa sagte der Zeitung «The
Hill», weniger als 6200 Besucher seien bei der Veranstaltung gewesen
- die Zahl beziehe sich auf gescannte Tickets. Nicht darin enthalten
seien etwa Medienvertreter und Mitglieder des Wahlkampfteams. Ein
Vertreter des Wahlkampfteams sagte «The Hill», 12 000 Menschen seien
durch die Metalldetektoren an den Eingängen gegangen.

Ursprünglich sollte Trump sich auch an eine Menschenmenge vor der
Arena wenden. Dort waren eine Bühne und eine Videoleinwand aufgebaut
worden - in der Erwartung, dass die Arena überfüllt werden würde. Der

Platz vor der Halle blieb aber weitgehend leer, der Auftritt wurde
abgesagt.

Der Kommunikationsdirektor von Trumps Wahlkampfteam, Tim Murtaugh,
warf «radikalen Demonstranten» und Medien vor, Sympathisanten vom
Besuch der Kundgebung abgehalten zu haben. Immer noch seien die
Tausenden Unterstützer aber ein Kontrast zum «schläfrigen Wahlkampf
»
von Trumps designiertem Herausforderer bei der Wahl im November, Joe
Biden. Am Rande von Trumps Auftritt kam es zwar zu Demonstrationen
gegen Rassismus und Polizeigewalt. Die Proteste blieben aber
weitgehend friedlich, wie die Polizei in Tulsa berichtete.

In seiner Ansprache ging Trump nicht auf Floyd ein, der Ende Mai von
einem Polizisten in Minneapolis brutal getötet worden war. Auch
Rassismus oder Polizeigewalt thematisierte Trump nicht. Stattdessen
sagte der Republikaner mit Blick auf die Wahl im November unter
Applaus: «Wenn die Demokraten an die Macht kommen, dann werden die
Randalierer das Sagen haben und niemand wird mehr sicher sein.»

Trump sagte weiter: «Sie wollen unser Erbe zerstören, damit sie ihr
neues Unterdrückungsregime an seiner Stelle durchsetzen können.» Der

Präsident behauptete fälschlicherweise, die Demokraten wollten
Polizeibehörden die Finanzierung entziehen und diese auflösen. Biden
habe sich in seiner Partei «der radikalen Linken ergeben». Floyds Tod
hat zu landesweiten Protesten geführt, die anfangs teilweise in
Ausschreitungen und Plünderungen ausgeartet waren.

Trump erneuerte seine Kritik an Deutschland und bekräftigte seine
Pläne, fast 10 000 Soldaten aus Deutschland abzuziehen. Deutschland
schulde der Nato wegen unzureichender Verteidigungsausgaben in den
vergangenen 25 Jahren «eine Billion Dollar». Trump kritisierte zudem
erneut die im Bau befindliche Ostsee-Pipeline Nord-Stream 2, die Gas
von Russland nach Deutschland bringen soll.

«Wir sollen Deutschland vor Russland beschützen», sagte Trump unter
Applaus. «Aber Deutschland zahlt Russland Milliarden Dollar für
Energie, die aus einer Pipeline kommt, einer brandneuen Pipeline.»
Trump kritisiert seit langem, dass Deutschland das selbstgesteckte
Ziel der Nato für Verteidigungsausgaben nicht erfülle.

Es war Trumps erste Kundgebung seit Beginn der Corona-Krise in den
USA Anfang März. Teilnehmer mussten sich bei der Registrierung damit
einverstanden erklären, dass die Organisatoren nicht für eine
Covid-19-Erkrankung und mögliche Folgen haftbar gemacht werden. Vor
der Kundgebung wurden sechs Mitarbeiter des Wahlkampfteams positiv
auf das Coronavirus getestet, wie Kommunikationsdirektor Murtaugh
mitteilte. Trump selber trug wie üblich keine Maske bei seinem
Auftritt. Biden warf Trump vor, Menschen zu gefährden, um seinen
Wahlkampf wieder aufzunehmen.

Tulsa verzeichnete am Tag vor der Kundgebung die meisten Infektionen
seit Beginn der Corona-Pandemie: 136 neue Fälle wurden registriert,
wie die örtliche Gesundheitsbehörde mitteilte. Im Bundesstaat
Oklahoma insgesamt sieht es ähnlich aus: Nach der Statistik der
Johns-Hopkins-Universität sind auch dort die Neuinfektionen in den
vergangenen Tagen deutlich gestiegen. Mehr als 20 weitere
US-Bundesstaaten verzeichnen eine Zunahme.

Unter dem Applaus seiner Anhänger sagte Trump, er habe seine
Mitarbeiter dazu aufgerufen, Coronavirus-Tests einzuschränken, damit
die Infektionszahlen in den USA nicht steigen. Die inzwischen
ausgeweiteten Tests seien «ein zweischneidiges Schwert». Er fügte
hinzu: «Wenn man in diesem Ausmaß testet, wird man mehr Menschen
finden, man wird mehr Fälle finden, also habe ich meinen Leuten
gesagt: «Verlangsamt bitte die Tests».» Aus dem Weißen Haus hieß
es
auf dpa-Anfrage, Trump habe «offensichtlich gescherzt».

Trump verglich das Coronavirus erneut mit einer Grippe - auf englisch
«Flu». Der Präsident sagte, er kenne für das «chinesische Virus
»
verschiedene Namen, darunter «Kung Flu». In den USA wurden seit
Beginn der Pandemie nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität mehr
als 2,25 Millionen Coronavirus-Infektionen registriert. Rund 120 000
Menschen kamen demnach ums Leben.

Trump rechtfertigte sich über Minuten hinweg dafür, dass er bei einem
Auftritt in der Militärakademie West Point am vorvergangenen Samstag
unsicher wirkte, als er eine Rampe herunterging. Die Rampe sei aus
Stahl und ohne Geländer gewesen, er habe rutschige Schuhe mit
Ledersohlen angehabt, sagte der 74-Jährige. Dass er in Westpoint sein
Wasserglas mit beiden Händen zum Mund führte, habe daran gelegen,
dass er seine Seidenkrawatte nicht bekleckern habe wollen. In Tulsa
trank er demonstrativ mit einer Hand.

Umfragen sehen Trump deutlich hinter Biden. Am Samstag musste Trump
dann noch eine juristische Niederlage einstecken: Nach der
Entscheidung eines Bundesgerichts kann sein früherer
Sicherheitsberater John Bolton dessen Buch mit explosiven Vorwürfen
gegen Trump wie geplant veröffentlichen. Das Buch «The Room Where It
Happened» (etwa: Der Raum, in dem es geschah) soll an diesem Dienstag
erscheinen. In vorab bekannt gewordenen Passagen beschreibt Bolton
Trump als einen Politiker, der seine eigenen Interessen über die des
Landes stellt. Trump drohte Bolton: «Dafür muss er einen sehr hohen
Preis bezahlen.»

Trump sieht sich zudem Vorwürfen der Demokraten ausgesetzt,
Ermittlungen gegen sein Umfeld verhindern zu wollen. Nach einem
Machtkampf mit der Regierung legte am Samstagabend der prominente New
Yorker Staatsanwalt Geoffrey Berman sein Amt nieder. Berman hatte
auch gegen Mitarbeiter Trumps ermittelt. Justizminister William Barr
hatte am Freitag ohne Angabe von Gründen mitgeteilt, Berman trete
zurück. Der Staatsanwalt hatte das aber verweigert. Daraufhin entließ
Trump Berman nach Barrs Angaben.