Spanien nach dem Corona-Notstand: Lädiert und doch lebensfroh Von Jan-Uwe Ronneburger, dpa

20.06.2020 10:54

Die Spanier haben schwer gelitten. Mindestens 28 000 Corona-Tote, ein
brutaler Wirtschaftseinbruch und eine strikte Ausgangssperre. Aber
jetzt soll es wieder aufwärts gehen.

Madrid (dpa) - Für Millionen Spanier beginnt am Sonntag die große
Freiheit: Endlich dürfen sie sich im eigenen Land wieder frei
bewegen. Wenn der seit dem 14. März bestehende Notstand um
Mitternacht endet, können alle wieder reisen, wohin sie wollen, von
Madrid endlich wieder an die Strände, aus Barcelona in die Pyrenäen
oder von Málaga ins Baskenland.

Die Corona-Krise hat das Land mit einer Wucht getroffen, wie das aus
deutscher Sicht nur schwer nachzuvollziehen ist. Wer mit den Menschen
in wiedereröffneten Cafés und auf geschäftigen Märkten spricht, h
ört
von Ängsten - und auch von Zorn. Zorn auf ihren Staat, der sich so
viel schwerer tat als andere mit der Bekämpfung der Krise.

«Warum hat man uns wochenlang eingesperrt, während in Deutschland
alle noch spazieren gehen und sich in die Parks setzen durften?»,
fragt eine Katalanin erbost. 68 Prozent aller bei einer Umfrage von
Eurobarometer befragten Spanier sind mit der Krisenpolitik ihrer
Regierung unzufrieden, der höchste Wert noch vor Polen und
Frankreich.

Dennoch hielt sich die große Mehrheit sehr diszipliniert an die
drastischen Maßnahmen gegen Covid-19. Und nun herrscht überall im
Land Aufbruchstimmung. Touristen sollen ab Sonntag wieder kommen, und
die Spanier machen sich mit Maske, Desinfektionsgel und hinter
Plexiglas auf in die «neue Normalität».

Die Pandemie hat das Land wie so viele andere kalt erwischt. Noch am
4. März, als es nur einige wenige erkannte Covid-19-Fälle gab, sich
das Virus im Land aber vermutlich gerade schon rasend schnell
verbreitete, kam der Nationale Sicherheitsrat unter Leitung von König
Felipe VI. und Regierungschef Pedro Sánchez zur Einschätzung, dass
Spanien sich über eine Pandemie keine Sorgen zu machen brauche.

Tatsächlich wurde bei der Sitzung eine in den Monaten zuvor
erarbeitete Risikoanalyse diskutiert. Von Covid-19 war nur ganz am
Rande die Rede. Nur zehn Tage später brachten die Verantwortlichen,
geschockt durch rasant steigende Corona-Zahlen, das Land mit einer
Vollbremsung zum Stillstand. Diese Sitzung des Sicherheitsrats ist
für die Zeitung «El País» ein Beispiel für die Unfähigkeit des

Staatsapparats, flexibel auf eine neue Lage zu reagieren.

Was dann folgte, waren schreckliche Wochen. Die weitaus meisten
Corona-Fälle gab es in Madrid und Barcelona, vor allem in
Altenheimen. Bis zu 1000 Tote pro Tag, völlig überforderte
Institutionen, mit dem Tod ringende Patienten auf den Fluren der
Krankenhäuser, ein Wintersportpalast umgewandelt in eine riesige
Leichenhalle, Beerdigungen, bei denen die Angehörigen nur online
dabei sein durften, ausgestorbene Metropolen - viele werden diese
Bilder ein Leben lang nicht mehr vergessen.

«Wir hatten zeitweise echt Panik, nur kurz zum Einkaufen aus dem
Haus, danach alle Einkäufe desinfizieren und dann unter die Dusche,
die Kleidung in die Waschmaschine» erzählt Carina, die während des
Lockdowns mit ihrer kleinen Tochter in Madrid war. Das Mädchen durfte
wie alle Kinder sechs Wochen lang nicht ein einziges Mal auch nur
einen Fuß über die Schwelle der Wohnungstür setzen. Als das endlich
wieder erlaubt war, war sie ängstlich, wagte es kaum.

Aber es gab auch viele rührende Augenblicke. «Einmal kamen Polizisten
und sangen auf der Straße unter unserem Fenster ein Geburtstagslied»,
erzählt die Frau. Nachbarn halfen einander, machten Besorgungen für
Ältere, spendeten für Bedürftige, Hunderttausende klatschten jeden
Abend an Fenstern und Balkonen Beifall für das Gesundheitspersonal.

Die Politik trug nicht immer dazu bei, die Krise erträglicher zu
machen. Anders als in Deutschland gab es keinen Schulterschluss
angesichts der Gefahr. Die rechte Opposition lief Sturm gegen die
linke Regierung von Sánchez und warf ihr völliges Versagen vor.

So meldete sich der frühere Regierungschef von der konservativen
Partido Popular (PP), José María Aznar, angesichts vieler nach
Hilfspaketen mit Lebensmitteln anstehenden Menschen mit dem nicht
gerade beruhigenden Vorwurf zu Wort: «Sie haben uns in das Spanien
zurückgeworfen, in dem die Hungernden Schlange stehen». PP-Chef Pablo
Casado bezichtigte die Regierung der Lüge, in Wirklichkeit gebe es
viel mehr Tote als offiziell vermeldet. PP und die
rechtspopulistische Vox wetteiferten darum, wer am schärfsten verbal
gegen die Regierung austeilt.

Inzwischen hat sich das Land aus der Krise herausgekämpft. Es gibt
nur noch wenige Neu-Infektionen und kaum noch Corona-Tote. Was auch
nach dem Ende des Notstands bleibt, sind eine weitgehende
Maskenpflicht im öffentlichen Raum und viele Einschränkungen bei
Restaurants, Museen, Kinos und Nachtclubs. Und riesige Löcher in den
öffentlichen und privaten Kassen. Für die Spanier geht es jetzt
darum, die schlimmsten wirtschaftlichen Folgen der Krise zu meistern.