Kein Versorgungsengpass durch Schlachtstopp - Billigfleisch in Kritik

19.06.2020 08:47

Nach einem Corona-Ausbruch bei Tönnies steht der größte deutsche
Schlachtbetrieb für Schweine still. Für die Verbraucher hat das
zunächst keine Folgen, sagt ein Experte. Billigfleisch und die
Arbeitsbedingungen in der Branche geraten aber in den Fokus.

Düsseldorf/Gütersloh (dpa) - Die vorübergehende Schließung des
größten deutschen Schlachtbetriebs von Tönnies in Rheda-Wiedenbrü
ck
nach einem Corona-Ausbruch mit aktuell 730 Infizierten wird nach
Experten-Einschätzung nicht zu Versorgungsengpässen führen. «Fleisc
h
wird in Deutschland nicht knapp, auch nicht Schweinefleisch», sagte
Tim Koch von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft in Bonn.

Zugleich geraten aber die Fleischproduktion und ihre
Arbeitsbedingungen zunehmend kritisch in den Fokus. «Es gibt
haarsträubende Sonderaktionen, bei denen Fleisch deutlich unter
seinem Wert verkauft wird. Das müssen wir stoppen. Denn grundsätzlich
ist der Verkauf unter Einstandspreis ja bereits untersagt», sagte die
NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) der
«Rheinischen Post». Dazu arbeite NRW an einer Bundesratsinitiative.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) nannte die Nachrichten aus
Rheda-Wiedenbrück am Donnerstag «schockierend». Dort sei zu erleben,

was passiere, «wenn mit Arbeitnehmern aus Mittel- und Osteuropa bei
uns nicht fair umgegangen wird». Er fühle sich bestätigt, den Kurs,
in der Fleischindustrie aufzuräumen, konsequent umzusetzen, sagte
Heil in Berlin. Im Sommer wolle er ein Gesetz vorlegen, das eine
digitale Erfassung der Arbeitszeit in der Fleischindustrie
vorschreibt. Zudem sollen Werkverträge in der Branche untersagt
werden.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) kündigte an, die
Branche wissenschaftlich untersuchen lassen. «Wir müssen untersuchen,
wie die Corona-Ausbrüche in der Fleischindustrie entstehen», erklärte

Laumann am Freitag. «Mein Ministerium wird eine wissenschaftliche
Expertise auf den Weg bringen, die den Ursachen des Ausbruchs in
Gütersloh epidemiologisch auf den Grund geht.»

Die Fleischfabrik ist derzeit geschlossen - genau wie Kindergärten
und Schulen im Kreis Gütersloh. Ausgewertet wurden nach Informationen
vom Donnerstagabend bisher 1106 Ergebnisse eines von den Behörden
angeordneten Reihentests. Im Tönnies-Stammwerk müssen in den nächsten

Tagen noch rund 5300 Mitarbeiter getestet werden.

Der Chef der SPD-Landtagsfraktion in NRW, Thomas Kutschaty, forderte
in der «Rheinischen Post» kostenlose Corona-Tests im Kreis. «Ich
erwarte jetzt, dass im Kreis umfangreich und engmaschig getestet wird
- und zwar kostenlos für jeden, der auch nur im entferntesten Kontakt
hatte. Da geht es um Stunden.» Kutschaty forderte zudem weitere
Maßnahmen für den Fall, dass die Zahl der Infizierten deutlich
steige: «Sollte der Wert von 50 Neuinfizierten innerhalb von einer
Woche pro 100 000 Einwohner überschritten werden, muss Herr Laschet
mir erklären, warum es keinen Lockdown gibt.»

In Rheda-Wiedenbrück werden nach Angaben von Tönnies pro Tag 20 000
Schweine geschlachtet und zerlegt. Die Branche habe eine Reihe
von Stellschrauben, um die bei Tönnies ausfallenden
Schlachtkapazitäten zumindest teilweise auszugleichen, sagte
Agrarfachmann Koch. Tönnies wolle die Zahl der Schlachtungen an
anderen Standorten erhöhen, auch andere Unternehmen hätten diese
Möglichkeit.

Probleme kann der Stillstand bei den Schlachtungen in
Rheda-Wiedenbrück den Schweinemästern bereiten. Wenn ein Mäster
innerhalb von ein bis zwei Wochen seine Tiere nicht vermarkten könne,
könnte es bereits Schwierigkeiten geben, sagte Miriam Goldschalt,
Fachreferentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen
Tierschutzbund.

«Das ist alles sehr streng getaktet», sagte Goldschalt. Es drohten in
den Stallungen Platzprobleme, weil neue Jungtiere angeliefert würden
und nicht klar sei, wohin mit den älteren Tieren. «Das Schwein
verliert ab einem gewissen Punkt mit zunehmendem Gewicht an Wert»,
sagt Goldschalt. Ein Grund sei die Vorliebe der Deutschen für mageres
Fleisch.

Auch ein Sprecher des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes
meinte: «Ein, zwei Wochen können die Bauern die Situation
vergleichsweise verlustarm überbrücken. Dauert die Schließung länge
r,
kommen auf die Schweinemastbetriebe Probleme zu.» Würden die auf ein
bestimmtes Zielgewicht hin gemästeten Schweine zu fett, drohten
Verluste durch Preisabzüge.

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden im vergangenen Jahr
55,1 Millionen Schweine in Deutschland geschlachtet, 3,0 Prozent
weniger als 2018. Davon wurden rund 3,3 Millionen Schlachtschweine
aus dem Ausland importiert.