Corona und Mittsommer - Wenn ein Virus das große Fest stoppt Von Steffen Trumpf, Lennart Simonsson und Hannu Aaltonen, dpa

18.06.2020 08:00

Die Feiern zur Sommersonnenwende sind für viele Skandinavier der
Höhepunkt des Jahres. Wegen der Pandemie werden die Feste in diesem
Jahr anders sein und vielerorts coronabedingt ausfallen - auch im
vermeintlich so freizügigen Schweden.

Stockholm (dpa) - Mittsommer ist für viele Skandinavier in etwa das,
was für manche Deutsche Karneval ist: ein allumfassendes Fest, an dem
die Arbeit liegen gelassen, das Glas gehoben und alles andere für ein
paar Tage einfach vergessen wird. Für die Schweden ist es gewöhnlich
eine Zeit mit Lachs, Schnaps und Tanz um die Mittsommerstange, für
die Finnen oft ein Tag mit guter Musik und nicht selten dem
Startschuss in die Sommerferien. Vieles, was für den Mittsommerabend
am Freitag (19.6.) und den Mittsommertag am Samstag (20.6.) geplant
war, muss wegen der Coronavirus-Pandemie nun ausfallen oder in
kleinerem Maße stattfinden.

Dabei fällt der Mittsommerabend für die Schweden in diesem Jahr mit
dem zehnten Hochzeitstag von Kronprinzessin Victoria und Prinz Daniel
zusammen (19.6.). Eine große Doppelparty also in einem Land, das
bekanntermaßen etwas lockerer mit dem Coronavirus umgeht als andere?
Fehlanzeige! Auch in Schweden hat die Pandemie das öffentliche Leben
fest im Griff, selbst wenn die dortigen Maßnahmen weniger strikt sind
als etwa in Deutschland oder dem Rest Skandinaviens. Ein Verbot für
öffentliche Versammlungen mit mehr als 50 Teilnehmern gilt trotzdem.

Die für gewöhnlich größte Mittsommersause Stockholms im
Freilichtmuseum Skansen wird deshalb diesmal etwas kleiner ausfallen.
Das Museum mit seinen Rentieren, alten Häuschen und einer
überragenden Aussicht wird zwar auch an diesem Wochenende geöffnet
sein, allerdings wird nur eine begrenzte Anzahl an Tickets verkauft,
um ein Mittsommer-Gedränge zu vermeiden. «Skansen wird für Mittsommer

dekoriert, aber der Tanz um die Mittsommerstange bleibt aus», teilte
das Museum vorab mit. Aber: «Es wird trotz allem stimmungsvoll.»

Auch in der Region Dalarna, wo normalerweise in traditionellen
Trachten gefeiert wird und Zehntausende Besucher extra dafür in die
schwedische Provinz kommen, wurden viele Feste coronabedingt
abgesagt, darunter die besonders beliebten in den Gemeinden Leksand
und Rättvik. Göteborgs großer Freizeitpark Liseberg hat geschlossen
und wird deshalb ebenfalls leider kein Mittsommer feiern, wie ein
Sprecher vorab der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Viele Schweden werden dennoch das ein oder andere Glas heben - im
Privaten und wenn möglich fernab des Stadttrubels. Schließlich zählt

Mittsommer für sie zu den größten Tagen des Jahres, manche halten ihn

gar für den einzig wahren Nationalfeiertag. Besonders der
Mittsommerabend gilt in Schweden als heilig. Dann tanzen unzählige
von ihnen im ganzen Land - viele mit Blumenkränzen im Haar - fröhlich

um die festlich verzierte Mittsommerstange.

Wichtige Zutaten für ein perfektes schwedisches Mittsommer sind zudem
jede Menge Bier, Schnaps nebst den passenden Trinkliedern und gutes
Essen wie Lachs, unzählige Variationen von Hering und Erdbeeren mit
Sahne. Tagsüber wird Wikinger-Schach (Kubb) gespielt, abends nicht
selten ein vorzugsweise nackter Sprung in den nächsten See gewagt.

Um den Festtag trotz Corona in möglichst viele Haushalte zu bringen,
liefert die schwedische Tourismusbehörde Visit Sweden am Freitag
einen 13-stündigen Livestream von den Feiern von Lappland im hohen
Norden bis Skåne an der südlichen Grenze zu Dänemark. Und wem das
noch nicht genug Dauerbeschallung ist, für den leitet das schwedische
Radio am Samstag ein populäres Sommerprogramm mit einer Reihe von
prominenten Rednern ein, denen die Schweden lauschen können. Erste
Rednerin ist keine geringere als Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Auch die Finnen zieht es zu Mittsommer raus aufs Land. Bei ihnen ist
der Mittsommerabend ebenfalls der Höhepunkt der Feierlichkeiten: Das
typische finnische Mittsommer-Idyll besteht dann aus dem Sommerhaus,
einer heißen Sauna und einem ebenso heißen Mittsommer-Feuer. Die
finnische Regierung warnt vor einer steigenden Waldbrandgefahr durch
die Lagerfeuer, wenn das Wetter in Finnland Ende Juni für einige
Wochen ausnahmsweise einmal gut ist.

Die Corona-Beschränkungen haben auf diese Traditionen dagegen so gut
wie keinen Einfluss. Anders sieht es da für die Musikfreunde unter
den Finnen aus: Traditionell feiern sie Mittsommer auf einem der
zahlreichen Rock-Festivals im Land - doch die sind wegen der Pandemie
und damit verbundenen Teilnehmerbeschränkungen für Veranstaltungen
allesamt abgesagt worden. Auch das größte Festival, Raumanmeren
Juhannus in der westfinnischen Kleinstadt Rauma, ist Corona zum Opfer
gefallen - normalerweise wären hier Tausende Finnen zusammengekommen.

Während die Schweden und Finnen damit trotz allem ihre fünfte
Jahreszeit einläuten, bleibt es bei den Dänen und Norwegern (noch)
ruhig. Für sie steht traditionell der Feiertag Sankt Hans am 23. Juni
im Vordergrund ihrer Feste zur Sommersonnenwende. Entlang der
norwegischen Küsten und in vielen Städten Dänemarks werden dann
ebenfalls Lagerfeuer angezündet, die Dänen verbrennen dabei gerne
hexenähnliche Wesen aus Pappe. Größere Versammlungen im Stadtkern von

Kopenhagen oder an diversen Orten Norwegens sind diesmal wegen Corona
aber auch hier tabu.