Wegen Corona im Schlachthof doch keine Schule mehr im Kreis Gütersloh

18.06.2020 04:00

Während das Land auf Lockerungskurs ist, muss der Kreis Gütersloh die
Zügel bei der Corona-Eindämmung wieder anziehen: Beim Fleischriesen
Tönnies gibt es einen größeren Ausbruch. Damit der begrenzt bleibt,
sind nicht nur der Schlachthof, sondern auch Schulen und Kitas dicht.

Gütersloh/Rheda-Wiedenbrück (dpa/lnw) - Als Reaktion auf einen
Corona-Ausbruch mit mehr als 650 Infizierten beim Fleischunternehmen
Tönnies in Rheda-Wiedenbrück sind im Kreis Gütersloh ab diesem
Donnerstag die Schulen und Kitas geschlossen. Bis zu den Sommerferien
wird nur eine Notbetreuung angeboten. Auf diese Weise hoffen Kreis
und Landesregierung, die Gefahr einer Ausweitung des Virus
einzudämmen. Bislang gehen die Behörden von einem «lokalen Ereignis
»
aus, das sich auf die Mitarbeiter des Schlachtbetriebs am Tönnies
Hauptproduktionsstandort begrenzen lasse. Landrat Sven-Georg Adenauer
(CDU) sprach deshalb von einer «Vorsichtsmaßnahme». Einen allgemeinen

Lockdown wolle man nicht. Im ostwestfälischen Kreis Gütersloh leben
rund 362 000 Menschen.

Am Mittwoch hatte Deutschlands Marktführer bei der Schlachtung von
Schweinen einen deutlichen Anstieg von Infizierten-Zahlen unter den
Beschäftigten vermeldet. Bis zum Abend war die Zahl der positiv auf
das Corona-Virus getesteten Mitarbeiter auf 657 gestiegen, 326
negative Ergebnisse lagen ebenfalls vor. Ein Großteil der Ergebnisse
der vom Kreis veranlassten Testungen auf dem Gelände der Firma
Tönnies liege damit vor. Landrat Adenauer hat Quarantäne für rund
7000 Menschen verfügt. Dazu zählen nach seinen Angaben die
Beschäftigten auf dem Werksgelände, die Infizierten sowie ihre
unmittelbaren Kontaktpersonen.

Für NRW bedeuten die positiven Tests einen starken Anstieg der
Fallzahlen. In den vergangenen Tagen war die Zunahme von
nachgewiesenen Infektionen geringer geworden und hatte meist um die
Zahl 100 geschwankt.

Das Unternehmen Tönnies geht bislang davon aus, dass von
Heimaturlauben in Osteuropa zurückkehrende Beschäftigte das Virus
mitgebracht haben könnten. Ein weiterer Faktor für die Verbreitung
seien die kalten Temperaturen in den Zerlegebereichen.

Reaktionen von Kritikern der Fleischbranche kamen prompt: Der
Fraktionsvorsitzende der Grünen Anton Hofreiter nannte die Zustände
unhaltbar: «Die Gesundheit der Beschäftigten wird für die Profite der

Fleischbarone aufs Spiel gesetzt.» Auch für die SPD sei nach dem
massiven Ausbruch erneut in der Fleischindustrie klar, betonte die
Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Katja Mast:
«Geschäftsmodell und Infektionsgeschehen hängen zusammen», sagte si
e.
Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte den Zeitungen der
Funke Mediengruppe (Donnerstag): «Das Hygienekonzept muss komplett
versagt haben.»

Auch Greenpeace kritisierte, Branchengrößen wie Tönnies nähmen
massive Infektionsrisiken in Kauf und gefährdeten die ganze Region.
«Die Politik verkennt die Dimension des Problems. Die Produktion von
Billigfleisch funktioniert nur auf Kosten von Gesundheit, Tier und
Umwelt», teilte Stephanie Töwe von der Naturschutzorganisation mit.

Der Unions-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus, der für den
Wahlkreis Gütersloh I im Bundestag ist, sagte dem «Westfalen-Blatt»
(Donnerstag), dass die Ursachen für das Infektionsgeschehen
aufgeklärt werden müssten. «Ein «Weiter so» mit dem Versprechen,
«Wir
werden in Zukunft alles besser machen», kann es bei Tönnies im
Interesse der Beschäftigten, aber auch aller Menschen im Kreis
Gütersloh nicht geben», so der CDU-Politiker.

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann
(CDU) kündigte an, erneut landesweit alle Schlachthofbelegschaften
mit Werkvertragsarbeitern auf das Virus testen zu lassen, um
festzustellen, ob es sich bei dem Ausbruch um eine Ausnahme handele
oder nicht. In den vergangenen Wochen war es an mehreren Standorten
in Deutschland, darunter auch beim Tönnies-Konkurrent Westfleisch im
Kreis Coesfeld, zu Ausbrüchen des Coronavirus gekommen. Im Mai waren
auf Anordnung des Gesundheitsministers alle Beschäftigten in den
Schlachtbetrieben auf eine Corona-Infektion getestet worden.