«Im Sturzflug»: Industrie und Handwerk fordern mehr Konjunkturimpulse

17.06.2020 16:12

Die Lage ist dramatisch. Die Corona-Pandemie hat in der
Wirtschaftsregion um Halle, Dessau und Leipzig bereits deutliche
Spuren hinterlassen. Das dürfe nicht so weitergehen - fordern die
Kammern.

Halle/Leipzig (dpa) - Vertreter von Industrie und Handwerk aus der
Region Halle-Dessau-Leipzig haben vom Bund und den Ländern in der
Corona-Krise mehr Konjunkturimpulse gefordert. Um aus der Krise
herauszukommen, seien bisherige Programme des Bundes und der Länder
Ansätze, reichten aber nicht aus, erklärten Sprecher der Industrie-
und Handelskammern (IHK) und des Handwerks am Mittwoch in Halle.
Nötig seien auf lange Sicht weniger Steuern, Abgaben und Bürokratie.

In vielen Branchen sei die Lage der Unternehmen in der Region
existenzbedrohend. Vier Kammern haben den Angaben zufolge rund 1600
Firmen von Ende März bis Anfang Mai befragt. Die Geschäftslage der
Unternehmen habe sich deutlich verschlechtert. Insgesamt beurteilten
zum Zeitpunkt der Befragung nur noch 36 Prozent der
Unternehmen ihre Geschäftslage als gut und 27 Prozent als schlecht.

«Im Sturzflug ist die Stimmung der regionalen Unternehmen sogar unter
den Tiefststand der Wirtschafts- und Finanzkrise von vor elf Jahren
zurück gefallen», sagte Kristian Kirpal, Präsident der IHK zu
Leipzig. «Der über Jahre hinweg anhaltende Wachstumsprozess des
mitteldeutschen Wirtschaftsraumes hat nunmehr ein abruptes Ende
gefunden», sagte er. Eine schwere Rezession scheine unausweichlich zu
sein.

Um mehr öffentliche Investitionen zu ermöglichen, müssten zum
Beispiel Kommunen als Auftraggeber mit mehr Geld ausgestattet werden,
forderte der Leipziger IHK-Präsident. Privatleute sollten geplante
Vorhaben wegen der Corona-Krise nicht auf die lange Bank schieben,
mahnte Thomas Keindorf, Präsident der Handwerkskammer Halle. Zudem
müsse es gelingen, die Ausbildung junger Menschen zu sichern. «Es
darf nicht passieren, dass Fachkräfte abwandern in Regionen, die sich
schneller von der Corona-Krise erholen», sagte Keindorf. «Wir
brauchen sie für den Aufschwung», sagte er.

Die Industrieproduktion sei wegen der Pandemie eingebrochen, Aufträge
wurden storniert, Importe und Exporte unterbrochen, der Betrieb
branchenübergreifend teilweise über längere Zeit eingestellt worden.

Trotz der vielfachen Nutzung von Kurzarbeitergeld durch die
Firmen sei ein Personalabbau nicht in allen Betrieben zu verhindern.
So plant laut der Umfrage jedes vierte Unternehmen mit weniger
Personal als bisher.

Die Wirtschaftsregion mit rund 2,2 Millionen Einwohnern ist geprägt
von mittelständischen Unternehmen, der Chemie- und Automobilbranche
und der Braunkohleförderung. Die Corona-Krise habe
Handwerksunternehmen regelrecht «vor die Wand gefahren», sagte der
Präsident der Handwerkskammer Halle. Zum Beispiel Friseure, die wegen
der Corona-Pandemie wochenlang schließen und damit Umsatzverluste
erleiden mussten. Ausgenommen der Baubranche seien die Auftragsbücher
der Handwerksunternehmen weitgehend leer.