Es wird wieder getanzt - Ballett nach dem Corona-Lockdown Von Andreas Hummel und Martin Schutt , dpa

17.06.2020 09:00

Der Corona-Lockdown hat das Tanztheater ins Herz getroffen. Für die
Tänzer war das tägliche Training wochenlang nur sehr eingeschränkt zu

Hause möglich. Nun wird vielerorts wieder in Gruppen aber mit Abstand
getanzt. Es entstehen neue Ballettkreationen.

Gera/Köln (dpa) - Nach wochenlanger Corona-Abstinenz sind die Tänzer

des Thüringer Staatsballetts auf die Bühne zurückgekehrt. Allerdings

nur für eine Stunde tägliches Training sowie erste kurze Proben. Und
schon das stellt die Compagnie vor immense Herausforderungen. Nur je
vier Tänzer können gleichzeitig auf einer der beiden Bühnen des
Geraer Theaters und im Ballettsaal für gut eine Stunde trainieren;
weiße Linien auf dem Boden weisen jedem strikt seine Fläche zu, um
genug Abstand zu wahren.

Ballettdirektorin Silvana Schröder und ihre Tänzer sind dennoch froh
über diesen Schritt zurück ans Theater. «Das bietet uns wieder ein
Stück Annäherung», betont sie. Wegen des Lockdowns hatte von Mitte
März bis Ende Mai nur jeder für sich daheim tanzen können. «Unsere

Ballettmeister haben ein tägliches Online-Training angeboten.»

Die Pandemie hat vielen Bereichen der Kunst arg zugesetzt - nicht nur
Chören und Orchestern. «Die darstellenden Künste sind durch Corona im

Herzen getroffen, weil künstlerische Produktion Nähe erfordert», sagt

der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Marc
Grandmontagne. Das betreffe besonders den Tanz, der «schwerst
gebeutelt» sei.

In der Zeit des Lockdowns haben viele Compagnien so wie in Gera
versucht, sich mit Online-Trainings zu behelfen. «Das ging wegen des
fehlenden Platzes zu Hause aber nur mit angezogener Handbremse»,
berichtet Tänzer Vinícius Leme. Er habe kurzerhand einen Stuhl zur
Ballettstange umfunktioniert, Sprünge und ausgreifende Drehungen
seien in seiner kleinen Wohnung kaum möglich gewesen, berichtet der
23-jährige Brasilianer, der seit 2016 zum Thüringer Ensemble gehört.


Nun kehren inzwischen immer mehr Compagnien in den Trainings- und
Probenbetrieb vor Ort zurück. Das Staatsballett Berlin etwa trainiert
wieder täglich in kleinen Gruppen von sechs bis neun Tänzern über den

Tag verteilt. In Hamburg gibt es seit Ende April täglich
Balletttrainings in Kleingruppen. Beim Tanztheater Wuppertal finden
die Einheiten dagegen weiter nur digital statt.

Denn der Aufwand zum Infektionsschutz ist immens. Fürs Ballett werden
vom Verein für Tanzmedizin teils Abstände von mindestens 6 Metern
empfohlen. «Training im Windschatten von Vorderfrau oder Vordermann
ist zu vermeiden.» Es soll zudem in festen Gruppen abhängig von der
Raumgröße stattfinden. Ballettstangen und Tanzböden müssen nach jed
em
Training gereinigt und die Räume regelmäßig gelüftet werden. «Auf

Pirouetten und raumgreifende Sprünge (allegro, grand allegro) soll
aufgrund der vermehrten Luftverwirbelung verzichtet werden.»

An ein normales Repertoire sei unter diesen Bedingungen im Ballett
nicht zu denken, räumt Grandmontagne ein. Und auch Ballettdirektorin
Schröder spricht von enormen Einschränkungen bei der Entwicklung
neuer Choreographien: «Gruppenszenen und Pas de deux können nicht
mehr stattfinden, außer die Tänzer sind ein Paar oder wohnen zusammen
in einer WG.»

Dennoch bereiten die Compagnien bereits neue Aufführungen und
Kleinformate unter Corona-Bedingungen vor - so auch in Thüringen.
John Neumeier hat für seine Compagnie in Hamburg eine Choreographie
unter dem Titel «Ghost Light» ersonnen. Es soll das Abstandsgebot
nicht nur respektieren, sondern zur Grundlage der Struktur machen,
heißt es. In Berlin ist das Projekt «LAB_WORKS COVID_19» entstanden
und setzt das Staatsballett auf Galaabende. Deren Programm soll aus
Soli oder Pas de deux von Wohngemeinschaften bestehen, erklärt eine
Sprecherin. Zu sehen werden die aber erst in der neuen Spielzeit Ende
August sein.