Corona-Übertragung: Wie gefährlich sind öffentliche Toiletten? Von Alice Lanzke, dpa

17.06.2020 06:00

Mehrfach schon wurde bei Corona-Studien Virenmaterial in menschlichen
Ausscheidungen gefunden. Macht das Toiletten beim Spülen zu
Virenschleudern? Ein bestimmtes Detail könnte dafür entscheidend
sein.

Yangzhou/Seattle (dpa) - Wenn es um Risikoorte für eine
Corona-Ansteckung geht, könnten öffentliche Toiletten eine Rolle
spielen. Das legt zumindest eine Studie chinesischer Wissenschaftler
nahe, deren Ergebnisse im Fachblatt «Physics of Fluids»
veröffentlicht wurde. Die Forscher untersuchten, wie sich kleine
Schwebeteilchen beim Spülen einer Toilette in der Luft verteilen. Es
sei möglich, dass Virus-belastete Aerosol-Wolken von anderen Menschen
eingeatmet werden könnten, schließen sie. Studien zuvor hatten
bereits gezeigt, dass der Stuhl von Infizierten Coronavirus-Material
enthalten kann.

Die Physiker der Universität von Yangzhou nutzten detaillierte
Computermodelle, um die Wasser- und Luftströmungen nachzuzeichnen,
die beim Spülen mit verschiedenen Toilettentypen entstehen. Demnach
werden in der Toilette Wirbel erzeugt, die sich in Form von
Aerosol-Wolken über der Schüssel fortsetzen - bis auf eine Höhe von
knapp einem Meter, wo sie eingeatmet werden oder sich auf Oberflächen
absetzen könnten. Aerosole sind ein Gemisch aus festen oder flüssigen
Schwebeteilchen in der Luft. Die wenige Mikrometer kleinen Tröpfchen
können über eine Minute in der Luft schweben, wie die Forscher
erläutern. Bei Toilettentypen mit zwei Wassereinflüssen flogen die
Aerosole noch schneller nach oben.

«Man kann davon ausgehen, dass diese Geschwindigkeit noch höher ist,
wenn eine Toilette häufig benutzt wird, so etwa bei einer
Familientoilette oder einer öffentlichen Toilette in einem dicht
besiedelten Raum», erklärt Ko-Autor Ji-Xiang Wang. Die Lösung sei
indes einfach: Klodeckel vor dem Spülen schließen. Allerdings hätten

viele Toiletten im öffentlichen Raum vor allem in den USA keinen
Deckel - eine Tatsache, auf die auch Clemens Wendtner von der München
Klinik Schwabing in einem unabhängigen Kommentar hinweist.

Der Infektiologe erinnert in diesem Zusammenhang an Diskussionen über
die Verbreitung des Virus auf Kreuzfahrtschiffen. «Ein derartiges
Spreading halte ich nicht für ausgeschlossen.» Zudem gebe es mehr und
mehr Studien zur Virenlast im Stuhl von Covid-19-Patienten.

Wendtner selbst hatte zusammen mit dem Virologen Christian Drosten
von der Berliner Charité eine Analyse im Fachblatt «Nature»
veröffentlicht, in der der Infektionsverlauf von neun deutschen
Patienten rekonstruiert wurde. Dabei wurde gezeigt, dass sich
Sars-CoV-2 vermutlich auch im Magen-Darm-Trakt vermehrte. Im Stuhl
der Patienten ließen sich indes keine infektiösen Viren
dokumentieren. «Das ist allerdings bei Stuhlproben immer schwer, weil
E.-coli-Bakterien immer alles andere überwuchern», merkt Wendtner an.
«Wir konnten aber keine replikationsfähigen Viren nachweisen.»

Nichtsdestotrotz kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass auch
von fäkalen Ausscheidungen ein Infektionsrisiko ausgeht. Das ist
zumindest die Warnung von Forschern des US-amerikanischen Swedish
Medical Centers, die in einer Metaanalyse 29 Studien zu
gastrointestinalen Folgen einer Covid-19-Erkrankung mit 4805
Patienten ausgewertet haben. Wie sie im Fachblatt «JAMA Network Open»
berichten, gehörten bei mehr als zehn Prozent aller Infizierten
Durchfall, Übelkeit oder Erbrechen zu den Symptomen.

Unabhängig davon zeigte sich bei 40 Prozent der Erkrankten das Virus
im Stuhl. «In unserer Analyse einiger Studien, in denen
Sars-CoV-2-RNA aus dem Stuhl isoliert wurde, könnte der fäkal-orale
Übertragungsweg eine zusätzliche potenzielle Quelle für die
Ausbreitung von Infektionen sein», fassen die Mediziner zusammen. Ein
womöglich entscheidendes Detail dabei: Nur eine Studie habe von
lebensfähigen Viren im Stuhl berichtet und das auch nur in zwei von
153 Stuhlproben. Über totes Virenmaterial aber ist keine Ansteckung
möglich.

Für die Wissenschaftler sind die Magen-Darm-Probleme daher vor allem
weitere Symptome, auf die Ärzte im Zuge einer Corona-Infektion achten
sollten; und das vor allem auch mit Blick auf entsprechende Tests.
Auch Clemens Wendtner merkt an, dass Stuhlproben gerade bei Kindern
ein diagnostisches Mittel sein könnten. Mit Blick auf das
Ansteckungsrisiko stelle die Toilettenproblematik eher einen
Nebenschauplatz dar.

«Es ist ein interessanter Aspekt, wenn es um Toiletten in engen
Räumen wie auf Kreuzfahrtschiffen, in Zügen, Flugzeugen,
Sammelunterkünften oder Asylheimen geht», so der Chefarzt.
Entsprechend solle man sich im öffentlichen Raum nicht auf
Toilettenbrillen setzen und gängige Hygieneempfehlungen beachten. Er
betont aber auch: «Nachdem die Infektionskette über die Lunge läuft,

ist es bestimmt relevanter, Abstandsregeln im öffentlichen Raum
einzuhalten und Massenveranstaltungen zu vermeiden.»