Mehr Lebensmittel-Allergien - weil wir uns falsch ernähren Von Irena Güttel, dpa

19.06.2020 07:00

Kuhmilch, Weizen oder Nüsse - darauf reagieren manche Menschen
heftig. Ausschlag, Atemnot und sogar lebensbedrohliche Folgen können
Lebensmittel-Allergien haben. Wie diese entstehen, ist noch nicht
vollständig erforscht.

Erlangen (dpa) - Einmal war es eine halbes haselnussgefülltes
Kaubonbon, ein anderes Mal der Biss in einen Lebkuchen. Danach ging
es Benjamin plötzlich richtig schlecht. «Er ist kreidebleich
geworden, war total schlapp und hatte rote Flecken am Körper»,
erzählt seine Mutter. Als es das dritte Mal passierte, ging sie mit
dem Kleinkind zum Kinderarzt. Eine Blutuntersuchung brachte
Gewissheit: Benjamin hat eine Haselnuss-Allergie.

Wie dem Dreijährigen aus Nürnberg geht es vielen Menschen. Denn
Allergien gegen Lebensmittel werden häufiger. «Das ist inzwischen
recht gut belegt», sagt Katja Nemat vom Ärzteverband Deutscher
Allergologen. «Die Nahrungsmittel-Allergien haben seit Anfang der
2000er-Jahre zugenommen.» Etwa drei Prozent der Erwachsenen und vier
bis sechs Prozent der Kinder sind nach Schätzungen von Experten in
Deutschland betroffen. Nicht immer sind die Beschwerden dabei so
eindeutig wie bei Benjamin.

Die Ernährungsmedizinerin Yurdagül Zopf behandelt am Erlanger
Universitätsklinikum regelmäßig Patientinnen und Patienten aus ganz
Deutschland und dem Ausland, bei denen die herkömmlichen
Allergietests unauffällig sind. Das liege zum einen daran, dass die
Tests nicht zu 100 Prozent zuverlässig seien. Zum anderen gebe es
Nahrungsmittel-Allergien, die nicht immer durch serologische Tests -
also den Nachweis von Antikörpern im Blut - oder auf der Haut
feststellbar seien. «Die diagnostischen Möglichkeiten sind häufig
noch nicht ausreichend, um alle Nahrungsmittelallergien
nachzuweisen.»

Ein Beispiel ist der Darm. «Der Darm ist ein riesiges Immunorgan»,
sagt Zopf. «Da müssen wir noch verstehen, welche Bedeutung er bei der
Entstehung von Allergien und den allergischen Reaktionen hat.» Dass
er eine wichtige Rolle spiele, sei erst in den letzten Jahren in den
Fokus gerückt. Das Universitätsklinikum nutzt ein noch wenig
verbreitetes Verfahren, um dies genauer zu untersuchen. Bei der
speziellen Darmspiegelung können die Mediziner die Essenz von Nüssen,
Soja oder anderen Allergenen auf die Darmschleimhaut sprühen und
beobachten, wie diese darauf reagiert.

Doch wie entstehen Allergien auf Lebensmittel wie Nüsse, Getreide,
Kuhmilch, Hühnerei oder Fisch überhaupt? Vollständig erforscht ist
das noch nicht. «Was bestimmt eine Rolle spielt, ist die Art und
Weise, wie wir uns ernähren», sagt die Dresdner Allergologin Nemat.
So stünden stark industriell verarbeitete Lebensmittel im Verdacht,
Allergien auszulösen. «Das ist aber sicherlich nicht der einzige
Faktor. Es ist ein Zusammenspiel von Ursachen.»

Medikamente können nach Angaben von Zopf die Entstehung von
allergischen Reaktionen begünstigen. Säurehemmende Magenmedikamente
können zum Beispiel dazu führen, dass Proteine nicht vollständig
verdaut werden und größere Eiweißfragmente in den Darm gelangen. «D
as
kann bei Überempfindlichkeiten oder genetischer Disposition zu
Unverträglichkeitsreaktionen führen», sagt sie.

Fest steht: «Niemand kommt mit einer Allergie auf die Welt», sagt
Nemat. Bei einer Allergie identifiziert das Immunsystem die Proteine
von beispielsweise Lebensmitteln als Feind und reagiert heftig auf
diese. Dafür reichen auch schon kleinste Mengen. Dass manche Eltern
ihren Babys ganz bewusst keine Lebensmittel wie Nüsse, Ei oder Milch
geben, die Allergene enthalten, hält Nemat für keine gute Idee. «Das

hat leider den gegenteiligen Effekt. Das Immunsystem muss gerade im
Babyalter Toleranz erlernen.»

Bei vielen Kindern verschwindet die Lebensmittel-Allergie mit der
Zeit. «Das verwächst sich, weil das Immunsystem ausgereift ist und
gelernt hat, damit umzugehen», sagt Zopf. Eine Kuhmilch-Allergie geht
nach Angaben von Nemat bei allen Kindern zurück. Bei Hühnereiweiß
reagiere die überwiegende Mehrheit nicht mehr allergisch, bei
Erdnüssen sei es immerhin jedes fünfte Kind. Erwachsene haben dagegen
schlechte Karten: Bei ihnen ist es eher unwahrscheinlich, dass eine
Lebensmittel-Allergie wieder weggeht.

Auch die Eltern von Benjamin hoffen, dass er Haselnüsse in Zukunft
wieder verträgt. «Er macht es eigentlich ganz toll», sagt seine
Mutter. «Er ist wahnsinnig vorsichtig. Wenn jemand ihm etwas zu Essen
anbietet, fragt er mich immer erst, ob er das darf.» Vor ein paar
Monaten ist es im Kindergarten dann doch passiert: Benjamin hatte
sich bei der Adventsfeier einen Zimtstern vom Plätzchenteller
geangelt. Danach übergab er sich und bekam Ausschlag. Es ging ihm
erst besser, nachdem er Cortison bekommen hatte.

Die Lebensmittel meiden, auf die man allergisch reagiert und im
Notfall die Symptome mit Medikamenten behandeln - mehr können
Betroffene zurzeit nicht tun. Eine Immuntherapie, also eine
Hyposensibilisierung wie bei Heuschnupfen, gibt es für
Lebensmittel-Allergien in Deutschland bisher nicht. In den USA ist
nach Angaben von Nemat seit vergangenem Herbst eine orale
Immuntherapie zugelassen, bei der Allergiker Erdnussprotein-Pulver
schlucken. In den nächsten Monaten werde dort voraussichtlich auch
ein Pflaster getestet, das kleinste Mengen Erdnussprotein an die Haut
abgibt.