Erste Wochen mit der Corona-Ampel - Bewährung oder Verwirrung? Von Ulrike von Leszczynski und Gisela Gross, dpa

Reproduktionszahl, Neuinfektionen, Intensivbetten: Auf diese drei
Kriterien schaut die Berliner Politik seit Mitte Mai, um die aktuelle
Lage in der Pandemie zu bewerten. Bewährt sich das Instrument
Ampelsystem?

Berlin (dpa/bb) - Grün, gelb, rot: Vor rund vier Wochen hat der
Berliner Senat zur Bewertung der Corona-Lage ein Ampelsystem
beschlossen. Es soll dem Senat rechtzeitig ein Zeichen geben, wenn
sich die Lage in der Pandemie so verschlimmert, dass eingegriffen
werden muss. Zu ersten Erfahrungen mit dem Berliner Sonderweg hat dpa
Fragen und Antworten zusammengestellt.

WIE FUNKTIONIERT DIE AMPEL?

Der Senat nennt die Idee «Infektions-Ampel» oder «Corona-Ampel». Ma
n
muss sich darunter genau genommen drei Ampeln vorstellen: eine für
die Reproduktionszahl (kurz R-Wert, beschreibt die Dynamik des
Infektionsgeschehens), eine für Neuinfektionen im Verhältnis zur
Einwohnerzahl und eine für die Belegung von Intensivstationen mit
Covid-19-Patienten. Für jeden dieser drei Indikatoren wurden
Grenzwerte definiert: Werden sie überschritten, wechselt die
entsprechende Ampelfarbe auf Gelb oder Rot. Bei zwei gelben Ampeln,
so hat es der Senat angekündigt, solle die Problematik erörtert
werden, bei Doppel-Rot bestehe dringender Handlungsbedarf.

MACHEN DAS ANDERE BUNDESLÄNDER AUCH SO?

Soweit bekannt, nicht. Bund und Länder hatten sich vielmehr auf eine
Obergrenze bei den Infektionszahlen verständigt. Danach müssen
Landkreise oder kreisfreie Städte ein konsequentes
Beschränkungskonzept umsetzen, wenn mehr als 50 Neuinfektionen pro
100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gezählt werden. Aus
Sicht des Berliner Senats war das in einer Großstadt keine
praktikable Lösung, der Wert wurde als zu hoch angesehen.

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) zieht ein positives
Zwischenfazit: «Die Corona-Ampel bewährt sich.» Auch über Berlin
hinaus sei das System auf Interesse gestoßen, was etwa Anfragen von
Journalisten zeigten. Regierungschef Michael Müller (SPD) hatte das
Modell kürzlich per Videokonferenz auch Partnerstädten in aller Welt
vorgestellt, darunter London, Los Angeles und Moskau.

WIE SEHEN DIE ERFAHRUNGEN DER ERSTEN WOCHEN AUS?

Die Ampeln für Neuinfektionen und Krankenhausbetten waren bislang
durchgängig grün. Die R-Wert-Ampel aber schien phasenweise das
Stoppsignal zu geben: Sie sprang auf Rot, weil der Wert drei Tage in
Folge über die als kritisch definierte Schwelle rutschte: Zeitweise
steckte ein Infizierter laut der Schätzung im Schnitt mehr als 1,2
andere Menschen an. Um die Pandemie zu bremsen, werden jedoch Werte
unter 1 angestrebt. Die rote Ampel blieb jedoch dank Grünlicht bei
den anderen beiden Kriterien folgenlos - Medienberichte und Gespräche
im Senat ausgenommen.

WAS HALTEN PRAKTIKER WIE AMTSÄRZTE VON DER AMPEL?

Aus der Sicht von Reinickendorfs Amtsarzt Patrick Larscheid wirkt sie
plakativ - aber nutzlos. Der R-Wert komme auf komplizierte Art
zustande. «Man muss seine Limitierungen kennen. Wenn sich Infektionen
zum Beispiel innerhalb größerer Ausbruchsgeschehen abspielen, hat das
mit der Allgemeinbevölkerung nichts zu tun.» Solche Zahlen könnten
die Farbe der Ampel aber stark beeinflussen. Dabei hätten sie keine
Bedeutung für die ganze Stadt. «Die Koppelung der drei Werte ist
wahllos und ohne inneren Sinnzusammenhang», urteilt Larscheid.
«Dadurch wird die Ampel auch nach einem Monat nicht besser.»

KANN MAN MIT DER AMPEL EINEN ÜBERBLICK BEHALTEN?

Bürgern die Ampel-Systematik zu vermitteln sei schwierig - und das in
einer Phase, in der es gelte, das Vertrauen der Menschen nicht zu
verspielen, sagt der Stadtrat für Gesundheit und Soziales im Bezirk
Charlottenburg-Wilmersdorf, Detlef Wagner (CDU). «Dass wir jetzt
zweimal über mehrere Tage eine rote Ampel hatten, war ja die Falle
der kleinen Zahlen.» Wagner meint damit, dass der R-Wert bei sehr
niedrigen, täglich gemeldeten Neuinfektionen starken Schwankungen
unterliegen kann - darauf hatte auch das Robert Koch-Institut (RKI)
zur Entwicklung bundesweit immer wieder hingewiesen. Die Anfälligkeit
für Ausreißer ist der Grund, aus dem das RKI inzwischen zusätzlich
einen geglätteten R-Wert ausweist. Dieser wird in den täglichen
Ampel-Updates zwar von der Gesundheitsverwaltung genannt, für die
Ampelfarbe spielt er aber keine Rolle.

WIE DENKEN EXPERTEN AUßERHALB BERLINS DARÜBER?

Der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für
Infektionsforschung in Braunschweig begrüßt auf dpa-Anfrage, dass bei
der Berliner Ampel verschiedene Aspekte und nicht nur eine Kennzahl
berücksichtigt würden. Auch die Motivation, den Menschen etwas
intuitiv Verständliches anbieten zu wollen, wertet er als sinnvoll.
Gleichzeitig bringe die Kommunikation der Systematik, bei der die
Indikatoren in einer Und-/Oder-Abhängigkeit zueinander stehen,
Schwierigkeiten mit sich.

Für die Grobeinschätzung der Lage hält Krause das Instrument für
geeignet, aber die Politik müsse sich auch Spielräume erhalten,
Maßnahmen nicht strikt von den Indikatoren abhängig zu machen,
ergänzte er. Etwa wenn sich ein Wert in einer nicht vorhersehbaren
Situation als ungeeignet herausstelle. Krause hat noch einen
Kritikpunkt: Über die Frage, wo die Grenzwerte, etwa für den R-Wert,
angelegt werden, könne man streiten. «Manche Experten würden sagen,
dass nur ein R-Wert unter 1 für eine grüne Ampel stehen dürfte.» Di
es
sei diskussionswürdig.

WAS BEDEUTET DIE AMPEL FÜR DIE TÄGLICHE ARBEIT DER GESUNDHEITSÄMTER?


Die Bezirke konzentrierten sich auf die Nachverfolgung der
Kontaktpersonen von Infizierten, schildert Stadtrat Wagner aus
Charlottenburg-Wilmersdorf. «Das System ist nicht das Optimum. Aber
solange wir in Ruhe arbeiten können, stört uns das Flackern einer der
Ampeln nicht. Uns interessiert erst Doppel-Rot.» Also eine Schaltung,
die tatsächlich Konsequenzen hätte. Welche, das habe der Senat aber
nicht genau definiert, moniert Wagner. Deshalb sei der Blick auf die
Ampel durchaus mit Respekt verbunden. Wagner verweist außerdem auf
die Gefahr, dass der R-Wert und die Zahl der Neuinfektionen auch
kurzzeitig nach oben gehen könnten, etwa durch Ausweitung der Tests
und Aufspüren asymptomatischer Patienten: «Sollten wir dann aus
diesem Grund Lockerungen wieder zurücknehmen?»

WELCHE ERGÄNZUNGEN ODER ALTERNATIVEN WÄREN MÖGLICH?

Amtsarzt Larscheid wünscht sich, dass die Erkenntnisse, die
Wissenschaft und Gesundheitsämter bislang in der Pandemie gewonnen
haben, von der Politik konsequenter kommuniziert werden. So habe die
Notbetreuung gezeigt, dass Kitas und Schulen vergleichsweise sichere
Orte seien. Kinder steckten sich nach den bisherigen Erfahrungen des
öffentlichen Gesundheitsdienstes vorwiegend bei ihren eigenen Eltern
an. Diese Information hält Larscheid für Hunderttausende Berliner für

sehr wichtig. Ebenso sinnvoll sei es, gefährdete Gruppen klar zu
benennen.

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