Matthias Lilienthal und eine abgebrochene Liebesbeziehung Interview: Cordula Dieckmann, dpa
Zu Beginn seiner Intendanz an den Münchner Kammerspielen sorgte
Matthias Lilienthal für Wirbel. Zu wenig Sprechtheater, zu viel
Diskurs. Doch seitdem haben die Münchner seine Art des Theaters zu
schätzen gelernt. Eine späte Liebe, die nun abrupt endet.
München (dpa) - Für seine letzte Spielzeit an den Münchner
Kammerspielen hatte Intendant Matthias Lilienthal große Pläne.
Uraufführungen, Premieren, und zum Abschluss das Mammutprojekt
«Olympia 2666» nach dem Roman von Roberto Bolaño, eine 24-stündige
Bustour von Besuchern und Schauspielern durch die Stadt. Doch wegen
der Corona-Pandemie endete der Spielbetrieb abrupt Mitte März und
ruht womöglich bis zum Herbst. «Es wird ein Abschied ohne Abschied,
und abgebrochene Beziehungen sind für die Stadt nicht gut und für das
Team und mich auch nicht, insofern ist das eine beschissene
Situation», beschreibt es Lilienthal im Interview der Deutschen
Presse-Agentur in München.
Frage: Ihr Start in München war von Protesten begleitet, Ihre Art des
Theaters stieß auf Kritik, die Besucherzahlen gingen zurück. Doch
mittlerweile haben die Münchner ihren Frieden mit den Kammerspielen
geschlossen. Wie ist dieses abrupte Ende nun für Sie?
Antwort: Anfang des Jahres war das Haus knallvoll mit 85 Prozent
Platzausnutzung, man hatte so richtig das Gefühl, dass zwischen den
Kammerspielen und der Stadt der Knoten geplatzt war. Dass das durch
die Schließung des Theaters Mitte März unterbrochen wurde, das ist
natürlich schade. Ich würde gerne ein Abschiedsfest machen, wo ich
jeden Menschen in den Arm nehmen kann, das ist nicht möglich. Auf der
anderen Seite freue ich mich sehr, dass die Stadt München und unser
Team zu einer großen Liebesbeziehung gefunden haben. Diese Liebe kann
jetzt unendlich sein, denn sie wird nicht mehr von irgendwelchen
Realitäten getrübt.
Frage: Was wird aus Ihrem großen Projekt «Olympia 2666»?
Antwort: Das Bolaño-Projekt «Olympia 2666» müssen wir leider absage
n.
Eine Bustour, wo 200 Menschen 24 Stunden lang zusammen Bus fahren,
eng beieinander sitzen und permanent aus- und einsteigen, das wäre
der hygienische Supergau. Mir bricht es das Herz, das war das große
Wunschprojekt zum Abschluss.
Frage: Stattdessen sind die Kammerspiele sehr aktiv im Internet und
streamen unter anderem Theaterstücke, bei denen sich Schauspieler per
Videokonferenz zusammenschalten, etwa bei «Yung Faust» oder «No Sex
».
Sind das Erzählformate, die bleiben werden?
Antwort: Für mich ist diese ganze Pandemie-Zeit ein großer Workshop
im Umgang mit den Internetmöglichkeiten. Die digitale Versiertheit
der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Kammerspiele wird durch die
Krise deutlich zunehmen. Das wird auch nach der Krise bleiben, an
solchen Vorgängen sollte man dranbleiben. Wenn mich eine Stadt fragen
würde, worauf ich totale Lust habe, würde ich sagen: Gebt mir ein
Theater oder eine große, gut ausgestattete Halle, und ich bringe
Künstler und Künstlerinnen zusammen, um zwischen bildender Kunst,
Theater, Film und Internet eine Art von zukünftiger Kunst zu
entwickeln.
Frage: Haben Sie Hoffnung, dass vor Ihrem Abschied aus München noch
mal die Bühne öffnen wird?
Antwort: Ich habe mich sehr deutlich von der Vorstellung
verabschiedet, dass wir sechs oder zwölf Wochen leiden und dann
berappelt sich die Situation wieder. Es wird irgendwann wieder
losgehen, aber ich finde die ganzen Diskussionen über Postcorona
Quatsch. Es geht nicht mehr um die Frage, wie rettet man über die
nächsten fünf Wochen ein bestimmtes Leben und kehrt dann zur
Normalität zurück. Für mich geht es eher darum: Wie findet man ein
sinnvolles Leben für die nächsten 24 Monate mit Corona.
Frage: Wie geht es Ihnen mit diesen ganzen Beschränkungen?
Antwort: Ich wasche mir gerne und oft die Hände und fühle mich das
erste Mal in meinem Leben nicht von Frau Merkel unterdrückt. Aber ich
finde es schwierig, dass in den Reden von Söder und Merkel Kultur
keine Rolle spielt. Für mich sind Künstlerinnen und Künstler absolut
systemrelevant. Für die Entwicklung einer Coronagesellschaft sind
Theater und Kunst ein großes Labor.
Frage: Was wünschen Sie sich von der Politik?
Antwort: Mein erster Wunsch wäre, dass den Theatern wieder erlaubt
wird, Produktionen zu erarbeiten, auf welche Art und Weise auch immer
sie dann präsentiert werden. Und so wie nach der Krise hoffentlich
das Klima eine andere Rolle spielen wird, wünsche ich mir, dass
dieses Verabschieden von dem neoliberalen Sparregime nicht plötzlich
wieder ausagiert wird an der Kulturszene.
Frage: Wie beurteilen Sie die Situation vor allem der freien
Kulturschaffenden?
Antwort: Die Situation von freien Gruppen, Regisseuren, Schauspielern
ist beschissen. Ich finde, dass die Politik sehr deutlich Initiativen
unternehmen muss, damit diese Szene nicht vor die Hunde geht. Wenn
die Krise noch eine Weile dauert, haben wir sonst eine kunstfreie
Gesellschaft. Die Krise ist eine Gelegenheit, dass man sich von der
alleinigen Fixierung auf die Ökonomie verabschiedet.
ZUR PERSON: Matthias Lilienthal übernahm 2015 die Intendanz der
Münchner Kammerspiele. Die Stadt war anfangs kritisch, doch für die
Inszenierungen seines Theaters gab es viele Preise und Einladungen zu
Festivals. Im Sommer verabschiedet sich der 60-Jährige und geht nach
Berlin. Von 2003 bis 2012 war er dort bereits an der Bühne HAU als
künstlerischer Leiter und Geschäftsführer und zwischen 1992 und 1997
unter Frank Castorf Chefdramaturg an der Volksbühne am
Rosa-Luxemburg-Platz.
BKK firmus: Auch 2026 günstigste Krankenkasse
In drei Minuten in die BKK firmus wechseln: Nutzen Sie das Online-Beitrittsformular der BKK firmus. Wechseln Sie schnell, sicher und bequem online.
Online-Wechsel: In drei Minuten in die TK
Online wechseln: Sie möchten auf dem schnellsten Weg und in einem Schritt der Techniker Krankenkasse beitreten? Dann nutzen Sie den Online-Beitrittsantrag der TK. Arbeitnehmer, Studenten und Selbstständige, erhalten direkt online eine vorläufige Versicherungsbescheinigung. Die TK kündigt Ihre alte Krankenkasse.