Rollentausch und Erschöpfung: Mütter in der Corona-Krise Von Ira Schaible, dpa

08.05.2020 05:00

Statt Blumen oder Schokolade zum Muttertag wünschen sich viele Frauen
mehr Unterstützung im Haushalt und bei der Kindererziehung. Und das
schon seit Jahrzehnten. Bringt die Corona-Krise den Rollentausch -
oder ein Rollback?

Mainz (dpa) - Obwohl es viele Paare anders machen wollen, entscheiden
sich viele nach der Familiengründung dann doch für die klassische
Arbeitsteilung: Frauen sind primär für Haushalt und Kinder zuständig,

Männer für's Geldverdienen: «Wir kommen bei der traditionellen
Rollenteilung nur in Minischritten voran, vor allem wenn Kinder da
sind», sagt Christina Boll vom Deutschen Jugendinstitut. Das
Verhalten der Geschlechter gleiche sich nur ganz langsam etwas an,
stellt auch Florian Schulz vom Staatsinstitut für Familienforschung
der Universität Bamberg fest.

«Frauen übernehmen seit 20, 30 Jahren etwa zwei Drittel der
Hausarbeit und Männer ein Drittel der unbezahlten Arbeit», sagt der
Soziologe. Diese Tendenzen gebe es auch schon bei Kindern, wie seine
neue Studie zeige. «Mädchen machen mehr Hausarbeit als Jungen und
auch dabei gibt es eine Verteilung von etwa zwei Drittel zu einem
Drittel.» Bringt nun das Familienleben in der Corona-Krise mit
Homeoffice, Kurzarbeit und Homeschooling den Wandel?

«Viele Mütter tragen die Hauptlast der Corona-Maßnahmen», sagt der

Präsident der evangelischen arbeitsgemeinschaft familie (eaf), Martin
Bujard. Er verweist auf die repräsentative Mannheimer Corona-Studie,
die Paare 2018 und Mitte April 2020 befragt hat. Sie zeige, dass bei
den Müttern von Kindern unter 16 Jahren die Arbeitszeit nur in der
Familie - Haushalt und Betreuung - von durchschnittlich 6,9 auf 8,2
Stunden am Tag gestiegen ist.

Ihre gesamte Arbeitszeit - nahm danach statistisch von 13,5 auf 13,6
Stunden pro Tag zu. Darin seien aber auch die Mütter mit erfasst, die
coronabedingt in Kurzarbeit oder erwerbslos sind. Die anderen dürften
somit pro Tag um die 14 Stunden für Familie und Beruf arbeiten, was
rund 70 Wochenstunden entspreche, wie Wissenschaftler Bujard sagt.

Paare, bei denen in der Corona-Krise beide versuchten ihre
Berufstätigkeit und die Kindererziehung samt Homeschooling unter
einen Hut zu bekommen, gingen oft an und über ihre Belastungsgrenze.
Damit nicht ein großer Teil dieser Elternpaare in einen Burnout
hineinlaufe, fordern Bujard und die eaf die Einführung einer
Corona-Familienarbeitszeit.

Sowohl Mütter als auch Väter sollen bei ihren Arbeitgebern eine
Reduzierung der Wochenarbeitszeit beantragen und dafür teilweisen
finanziellen Ausgleich bekommen, vor allem Arbeitnehmer mit niedrigem
Einkommen. «Diese Paare, die Überstunden, Urlaub schon genommen haben
und auf dem Zahnfleisch gehen, brauchen den Rechtsanspruch auf eine
solche Familienarbeitszeit», betont Bujard. Sie könnten etwa für ein

paar Monate um jeweils zehn Wochenstunden reduzieren.

Bujard sieht aber auch noch andere Gruppen: Familien, in denen die
Erwerbsarbeit der Väter hoch bleibt oder gar zunimmt, etwa, weil
diese in Krisenstäben vertreten sind. «In diesen Familien droht eine
Retraditionalisierung der Arbeitsverteilung.» Väter, die dagegen
nicht erwerbstätig und vollständig zu Hause sind, weil sie etwa in
der Gastronomie arbeiten oder in Kurzarbeit sind, seien dagegen nun
«ungeplant in einer aktiveren Vaterrolle».

Nach Einschätzung von Manuela Bari?ic von der Bertelsmann Stiftung
«deutet vieles darauf hin, dass sich die Ungleichheitsdynamiken
zwischen Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt verschärfen werden».

Dazu komme, «dass Frauen und Mütter in der aktuellen Krise auch einen
Großteil der zusätzlichen Last zu Hause tragen, da Schulen und
Kinderbetreuungseinrichtungen geschlossen sind». Die Folge: eine
Verstärkung geschlechtsspezifischer Ungleichheiten in der
«Care-Arbeit». Besonders schwierig sei diese Situation für
Alleinerziehende - meist Mütter.

Die Wissenschaftlerin sieht aber auch eine Chance: «Da zurzeit auch
viele Männer und Väter von zu Hause arbeiten und sehen, was Frauen
und Mütter an Care-Arbeit leisten, könnte dies zu einer wichtigen
Erfahrung werden und einen kulturellen Wandel einläuten.» Um
langfristig nachhaltige Veränderungen zu erzielen, müsse dieser
allerdings durch eine Reihe institutioneller Rahmenbedingungen
flankiert werden - vom Ausbau qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung
bis zu Anreizen im Steuersystem.

Das Zusammenleben zu Hause unter den Einschränkungen der
Corona-Pandemie bietet auch nach Einschätzung des Soziologen Schulz
die Chance für wachsendes Verständnis der Abläufe und neue
Abmachungen. Es könne aber auch Stress entstehen, weil klare
Absprachen und Regelungen viele Diskussionen und Verhandlungen
erforderten. Oder etwa wenn die Frau, die normalerweise die
Spülmaschine einräumt, nicht zufrieden damit sei, wie ihr Mann sie
einräume.

Boll, Abteilungsleiterin Familie und Familienpolitik beim Deutschen
Jugendinstitut, geht davon aus, «dass sich durch Corona etwas ändern
wird»». Viele Väter müssten jetzt zu Hause bleiben. In Kombination

mit den Müttern, die in den sogenannten systemrelevanten Berufen
arbeiteten - wie etwa im Krankenhaus, Einzelhandel oder Pflege -
ergebe sich zwangsläufig ein Rollentausch.

Der «externe Schock Corona» bringe die Paare in die Bredouille, das
irgendwie regeln zu müssen, sagt Boll. Und die Großeltern dürften
wegen des Kontaktverbots nicht eingreifen. Wie nachhaltig der
«Corana-Effekt wirke, hänge aber von der Dauer der Krise ab, sagt
auch Boll.

Allerdings werde die Welt nach Corona - auch wegen des
Digitalisierungsschubs - nicht mehr dieselbe sein wie vor Corona.
Viele Skeptiker des Homeoffices seien zwangsweise überzeugt worden.