Grütters: Hilfe für Kulturszene nachjustieren - Kritik von Verbänden

18.04.2020 08:30

Mit der Corona-Krise ist das kulturelle Leben jenseits der Netzwelt
ausgebremst. Sofortpakete von Bund und Ländern sollen leidtragenden
Künstler helfen. Doch es gibt auch Lücken.

Berlin (dpa) - Nach Kritik an ersten Hilfspaketen in der Corona-Krise
will Kulturstaatsministerin Monika Grütters weiter an der
Unterstützung für die Kulturszene feilen. «Ich werde mich weiter mit

aller Kraft dafür einsetzen, die einzigartige Kulturlandschaft in
Deutschland in all ihrer Vielfalt zu erhalten», sagte die
CDU-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. «Dazu gehört
natürlich auch, dass wir als Bundesregierung die bestehenden
Hilfsmaßnahmen beständig überprüfen und gegebenenfalls auch
nachjustieren.»

Grütters verwies zugleich auf bestehende Programme. «Die
Bundesregierung hat milliardenschwere Hilfspakete geschnürt, die auch
und ganz gezielt notleidenden Kreativen gelten.» Not und Verzweiflung
von Künstlern und Kreativen in der aktuellen Krise seien groß. Zudem
gebe es Vorbehalte, die Angebote des Sozialschutz-Pakets zu nutzen.
«Umso mehr appelliere ich vor allem an die solo-selbstständigen
Künstler und Kreativen, jetzt die niedrigschwellige Unterstützung
auch in Anspruch zu nehmen.» Grütters verwies etwa auf die Übernahme

der Wohn- und Heizkosten.

Die unterschiedlichen Hilfsprogramme in den Ländern hat der Deutsche
Kulturrat als ungerecht kritisiert. «Für diesen Förderflickenteppich

gibt es keinen nachvollziehbaren Grund», hieß es dort.

Ein Beispiel nennt die Vorsitzende des Bundesverbands Bildender
Künstlerinnen und Künstler (BBK), Dagmar Schmidt. «Außer in
Baden-Württemberg können Selbstständige keine Eigenmittel, also kein

eigenes Einkommen geltend machen», sagte Schmidt der dpa. Dies sei
dort in einer Höhe von 1180 Euro möglich. Das sei sinnvoll, «weil man

ja von seiner Unternehmung leben muss». Der BBK fordere deswegen eine
entsprechende Regelung bundesweit. Schmidt wies zudem darauf hin,
dass die Hilfsprogramme nur auf drei Monate beschränkt seien. «Wir
befürchten, dass die Auswirkungen noch länger andauern», sagte die
BBK-Vorsitzende mit Blick auf die Corona-Krise.

Heinrich Schafmeister, Vorstandsmitglied im Bundesverband Schauspiel
BFFS, hat «größten Respekt» angesichts schneller Hilfspakete, sieht

allerdings auch Lücken. «Es ist unsere Grunderfahrung, dass wir
Schauspieler zwischen alle Stühle fallen», sagte Schafmeister der
dpa. Viele Schauspieler seien keine Selbstständigen. Selbst wenn,
gebe es kaum Betriebskosten anzurechnen. Grundsicherung wie Heizung
und Miete komme Schauspielern aber sehr entgegen. «Wir müssen
meistens in größeren Städten leben und die Mieten sind sehr hoch.»


Ein großes Problem sei die in Anträgen genannte Grenze bei
«erheblichen Vermögen» von 60 000 Euro. Schauspieler haben laut
Schafmeister eine schlechte gesetzliche Altersversorgung und sind
nicht über die Künstlersozialkasse abgesichert. «Jeder ist also gut
beraten, sich seine Rücklagen zu schaffen.» Dies sei bei den
aktuellen Hilfen nun ein Problem. Schafmeister hofft auf flexible
Lösungen und betont, Forderungen bezögen sich auf den Zeitraum der
Krise.

Der Landesmusikrat Berlin hat in der Musikszene rumgefragt: Fast 60
Prozent der Teilnehmer haben Soforthilfeprogramme in Anspruch
genommen, knapp zwei Drittel empfanden die Hilfen als ausreichend.
Sollte es bei den Einschränkungen bleiben, wären neun von zehn
Musikern weiter auf Hilfsprogramme angewiesen.

Auch deswegen will Grütters nach vorn schauen und spricht von einer
«Exit-Strategie für den Kulturbereich». Die anstehende Öffnung von

Buchläden, Bibliotheken und Archiven wertet sie als «ersten
Lichtblick». Als nächsten Schritt strebe sie die Öffnung der Museen
unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln an. «Durch
Online-Tickets und Zeitfenster werden sich sicher auch hier gute
Lösungen finden lassen», sagte Grütters. Auch aus Sicht des Deutschen

Museumsbundes könnten Museen da beispielhaft vorangehen. «Die Museen
können bei dieser schrittweisen Wiederöffnung der Kultureinrichtungen
eine Vorreiterrolle einnehmen.»

Der Kulturrat fürchtet, dass die Hilfspakete nicht ausreichen, «um
den Kulturbereich über die Krise zu bringen». Dort wird deswegen
weiter ein nationaler Fond zur Förderung der Kulturinfrastruktur
gefordert. «Wir brauchen eine funktionierende kulturelle
Infrastruktur, damit auch in der Zukunft Aufträge an Künstler
vergeben werden können und Kulturorte erhalten bleiben.»