Künstler in der Corona-Krise: «Es bleibt einem nur, kreativ zu sein» Von Cindy Riechau, dpa

Abgesagte Auftritte, gecancelte Buchmessen: Die Kulturbranche leidet
an den Folgen der Corona-Pandemie. So empfinden Musiker, Bildhauer,
Autoren und Tänzer die aktuelle Lage.

Berlin (dpa) - Selbstständige Künstler verdienen in Deutschland oft
nur wenig Geld - und nun kommt noch das Coronavirus hinzu. Die knapp
190 000 Versicherten der Künstlersozialkasse nahmen 2019 im Schnitt
rund 17 850 Euro ein - fürs ganze Jahr. Die Pandemie verschärft «die

ohnehin schwierige wirtschaftliche und soziale Lage selbstständiger
Künstlerinnen und Künstler extrem», wie der Geschäftsführer des
Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sagt. Immerhin: Die
Bundesregierung plant ein Hilfspaket von über 40 Milliarden Euro für
Solo-Selbstständige.

Wie geht es Musikern, Tänzern und Autoren gerade? Ein Überblick:

RICHARD SIEDHOFF, Stummfilmpianist

In Zeiten ohne Pandemie spielt der 33-jährige Richard Siedhoff in
Kinos, Cinematheken oder Museen Klavier zu alten Stummfilmen. Auch
auf der Berlinale ist Siedhoff aufgetreten. Bis Ostern wurden ihm 15
Auftritte abgesagt. «Es ist deprimierend», sagt Siedhoff. Er würde
sich wünschen, dass von der Corona-Krise betroffene Künstler,
Techniker und Caterer nun testweise ein bedingungsloses
Grundeinkommen oder zumindest finanzielle Unterstützung bekämen. Der
Musiker aus Weimar hat einen Puffer für Notzeiten - ein halbes Jahr
lang könnte er wahrscheinlich ohne Einkommen auskommen, wie er sagt.
Die gewonnene Zeit nutzt der Musiker dafür, Konzertaufnahmen zu
schneiden und zu komponieren. Er denkt auch darüber nach, Konzerte
online zu stellen. Die Gratis-Angebote bergen ihm zufolge aber auch
Gefahren. «Kultur muss ihren Wert haben - durch Onlinekonzerte kann
ich noch kein Einkommen generieren.» Einen positiven Aspekt der
Corona-Krise sieht er: «Das Klima kann sich jetzt mal ausruhen.»

ANIKA BENDEL, Tänzerin und choreografische Assistentin

Anika Bendel ist im Zwiespalt: Soll sie als Produktionsleiterin dafür
plädieren, ein Tanzprojekt abzusagen, um die teilnehmenden Tänzer vor
der Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen - und dafür auf
Einkommen für fast vier Monate verzichten? An der Aufführung sind
neben Kindern auch ältere Menschen beteiligt. «Wir haben da natürlich

Verantwortung», betont die 33-Jährige. Tanzen sei Partnerarbeit, wo
man sich gegenseitig anfasse. Aktuell sind die Proben ausgesetzt. Ob
sie demnächst wieder anlaufen und die Aufführungen wie geplant Ende
Mai stattfinden dürfen, ist ungewiss. Dann geht die Stuttgarterin
womöglich leer aus. «Ich bin traurig, dass nun als erstes an die
Wirtschaft und erst spät an Kulturschaffende gedacht wird», sagt die
Tänzerin. Unternehmen seien profitorientiert und hätten eher
Rücklagen. «Unsere Arbeit dagegen findet meistens in gemeinnützigen
Kontexten statt.»

LENA FALKENHAGEN, Buch- und Spieleautorin

Für die Buchbranche sei die Corona-Krise «katastrophal», betont die
Schriftstellerin Lena Falkenhagen. Verlage und Autoren könnten ihre
Neuheiten nicht präsentieren, lukrative Lesereisen würden abgesagt.
Auch Einkünfte durch Nebenjobs, etwa im Theater, fielen weg. Der
Großteil der Schriftsteller gehe einer weiteren Beschäftigung nach,
sagt die Bundesverbandsvorsitzende für Schriftsteller. «Viele wissen
nicht, wie sie im April, Mai ihre Miete zahlen sollen.» Die
46-Jährige unterricht Gamedevelopment und hat deshalb vorerst sichere
Einnahmen. «Ich erwarte keine kompromisslose Unterstützung» , betont

Falkenhagen. Aber die öffentliche Hand müsse etwas tun und Liquidität

herstellen. «Die Gesellschaft denkt Selbstständige nicht mit und ist
zu sehr auf Angestellte fokussiert.» Der einzige Vorteil in dieser
Zeit sei, dass Autoren nun frei von Termindruck schreiben könnten.

SIEROV MYKYTA, Musiker

Der Musiker Mykyta Sierov spielt Oboe, Klavier und Gitarre. Mit Bands
oder solo tourt der 33-Jährige viel im Ausland - in Indien oder
Mauretanien etwa. Aber daraus wird erstmal nichts, eine Tour in
Frankreich wurde gerade wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Der
freischaffende Musiker lebt hauptsächlich von Auftritten. «Die
Stimmung ist im Eimer», fasst er zusammen. Einen Monat lang käme er
mit den Einnahmen der letzten Konzerte aus. Wie es danach weitergeht?
Er weiß es nicht. «Freunde haben angeboten, mir Geld zu leihen. Aber
sonderlich wohl fühle ich mich damit nicht.» Anspruch auf
Sozialleistungen habe er als Ukrainer mit Aufenthaltsgenehmigung
nicht. «Es bleibt einem nur, kreativ zu sein», sagt Sierov. Er übe,
arrangiere Stücke. Denn: «Die Musik ist ja auch nicht nur fürs
Geldverdienen da», findet der Wahl-Weimarer. Aber auch psychologisch
müsse man mit der Isolation in Zeiten der Corona-Pandemie umgehen
lernen. «Musik ist auch sozial, verbindet einen mit Menschen.»

SUSAN DONATH, Bildhauerin

In Tschechien und Deutschland arbeitet und forscht die 41-jährige
Susan Donath zum Thema Trauer- und Sterbekultur. Sie hat zum Beispiel
das vernachlässigte Grab eines deutsch-tschechischen Ehepaars saniert
und dabei den Grabstein neu vergoldet. Nun kann die Dresdnerin wegen
der Grenzschließungen aber erstmal nicht über die Grenze fahren. «Da

bricht mir jetzt ein halber Markt weg», sagt die zweifache Mutter.
Auch Einnahmen aus Ausstellungen und Vorträgen, die sie hin und
wieder hält, fielen weg. Einen Honorarvertrag müsse sie verschieben
und stattdessen auf ihre Kinder aufpassen. «Ich habe keine
Rücklagen.» Die Bildhauerin glaubt aber, dass Künstler krisenfester
sind als Angestellte: «Wir müssen uns ständig auf sich ändernde
Situationen einstellen.» Sie hofft auf Notfallhilfe für die
Kreativwirtschaft. Auch wolle sie ihre Arbeiten online ausstellen.
«Es würde helfen, wenn die Leute jetzt mehr Kunst kaufen würden.»

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