Experten hoffen auf Eindämmung von Covid-19 - Vorhersagen schwierig

14.02.2020 03:55

Mehr als 60 000 Fälle von Sars-CoV-2 sind in China erfasst worden.
Die Aussagekraft dieser Zahlen ist deutschen Experten zufolge aber
sehr beschränkt. Sie haben sich jetzt zum Wissensstand über die
neuartige Lungenkrankheit geäußert.

Berlin (dpa) - Nach dem schweren Ausbruch der Lungenkrankeit Covid-19
in China hoffen deutsche Experten auf eine erfolgreiche Eindämmung in
den anderen Ländern. Man verwende darauf sehr viel Kraft und habe die
Hoffnung, dass langanhaltende Infektionsketten verhindert werden
könnten, sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar
Wieler, am Donnerstag in Berlin. Er verwies bei einer Veranstaltung
von Science Media Center und Nationaler Akademie der Wissenschaften
Leopoldina mit mehreren Experten aber auch darauf, dass man derzeit
die Dynamik des Ausbruchs nicht vorhersagen könne. Ein Überblick:

AUSBREITUNG: Bisherige Daten deuten laut Wieler darauf hin, dass die
neue Lungenerkrankung Covid-19 in China ähnlich verläuft wie eine
schwere Grippewelle. China unternehme drastische Maßnahmen, so dass
sich das Virus bislang nicht größer außerhalb des Landes verbreitet
habe. Wichtig sei, dass es bislang bei den Ansteckungsketten
außerhalb Chinas immer einen Zusammenhang mit China gegeben habe.
«Das ist eine wichtige Aussage, weil man damit belegen kann, dass
sich das Virus noch nicht weit in der Welt verbreitet hat.»

VIRUS: Wie der Virologe Christian Drosten (Charité Berlin) erklärte,

vermehrt sich Sars-CoV-2 wie das Influenzavirus im Rachen, was es
ansteckender mache als anfangs vermutet. Der Ursprung des Virus werde
vielleicht nie gefunden, sagte Drosten. Berichte, Schuppentiere seien
die Quelle, halte er für wenig sinnvoll, da diese keine Fledermäuse
fräßen. Fledermäuse gelten als Virus-Reservoir. Möglicherweise habe

sich das Virus irgendwo in China Menschen angenähert, bevor es auf
dem Markt in Wuhan eingeschleppt wurde, von wo die ersten Fälle
gemeldet wurden. Es scheine so, als sei das Virus gut an den Menschen
angepasst.

STRATEGIE: Die bisherigen Bemühungen um Eindämmung in Ländern
außerhalb Chinas wertete Wieler als «sehr, sehr erfolgreich». Ziel in

Deutschland ist es nach RKI-Angaben, eine Erkrankungswelle
hinauszuzögern. Möglichst vermieden werden soll demnach, dass eine
Covid-19- und die derzeit auch in Deutschland laufende Grippewelle
zusammenfallen. Drosten wies jedoch auf perspektivisch begrenzte
Möglichkeiten der Eindämmung hin: «Irgendwann wird es wahrscheinlich

dazu kommen, dass unbemerkte Infektionen plötzlich bemerkt werden.»

AB WANN IST ES EINE PANDEMIE? Von einer Pandemie könne man noch nicht
sprechen und es bestehe auch die Chance, dass es keine werde, sagte
Wieler. «Das entscheidende Merkmal ist, dass es sich auf mehrere
Kontinente verbreitet. Das ist zurzeit schon der Fall.» Aber das
wichtigste - und bisher nicht erfüllte - Kriterium seien
Infektionsketten in der Bevölkerung, die sich nicht mehr
nachvollziehen lassen.

ZÄHLWEISE: Die derzeit aus China bekannten Zahlen seien mit Vorsicht
zu genießen, betonten die Experten. «Es sind Trends», so Wieler. Laut

Drosten spiegeln die Werte eher Kapazitäten des Meldesystems wieder.

WER STIRBT? In China liege die aus der Statistik abzulesende
Sterberate bei etwa zwei Prozent, außerhalb davon bei 0,2 Prozent,
sagte Wieler. Drosten betonte, Covid-19 trete für die meisten als
Erkältungskrankheit in Erscheinung. Besondere Risikogruppe seien
ältere Patienten. Selbst Menschen, die wenig oder keine Symptome
verspüren, können den Fachleuten zufolge andere anstecken.

WAS WÄRE WENN? Im Fall einer Infektionswelle hierzulande würde das
unter anderem volle Wartebereiche und Arztpraxen, belegte
Intensivbetten und vollkommen überlastete Gesundheitsämter
bedeuteten, sagte Drosten. Es sei aber unklar, wann die Welle komme
und wie groß sie werde. Der Vorstandschef der Charité, Heyo Kroemer
betonte, man bereite sich intensiv vor. Das Krankenhaussystem fahre
im Winter generell unter Volllast - im Fall von Infektionen
hierzulande hätten die Einrichtungen aber Spielräume, zum Beispiel
durch das Verschieben nicht dringender Operationen.

WER IST SCHULD? Drosten betonte, es handle sich um ein Naturphänomen
- mit dem Finger auf andere zu zeigen, sei unangebracht. Wichtig sei
vielmehr, dass sich jetzt jeder in Deutschland Wissen über die
Erkrankung aneigne und sich zum Beispiel frage, wie man Menschen mit
Grunderkrankungen in der Familie schützen könne. Generell sei zum
Beispiel gründliches Händewaschen zur Vorsorge für die Bevölkerung

geeignet, das Tragen von Mundschutz hingegen nicht, machten die
Experten deutlich.

OFFENE FRAGEN: Unklar seien unter anderem die
Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus und die Frage, wie viele
Menschen ein Infizierter anstecken kann, sagte Wieler. Drosten
zufolge wären damit bessere Voraussagen zur weiteren Entwicklung
möglich, etwa ob ein schleichender Prozess oder mehrere
Infektionswellen bevorstünden.