Sars-CoV-2: Verwirrung in China - Erster Patient in Bayern entlassen

13.02.2020 20:47

Plötzlich werden deutlich mehr Fälle erfasst: In China sorgt die
Statistik zu Coronavirus-Infizierten für eine Überraschung. Aus
Deutschland gibt es eine gute Nachricht.

München/Peking (dpa) - Der erste von 16 Coronavirus-Patienten in
Deutschland ist aus einer bayerischen Klinik entlassen worden. Der
Mann sei wieder vollständig gesund und nicht mehr ansteckend, teilte
das bayerische Gesundheitsministerium am Donnerstag mit. In China
führt unterdessen ein neues Zählsystem zu einem sprunghaften Anstieg
der registrierten Infektionsfälle. Zudem mussten zwei hohe Politiker
in der schwer betroffenen Provinz Hubei den Hut nehmen. Das
Kreuzfahrtschiff «Aidavita» mit überwiegend deutschen Passagieren an

Bord konnte nicht wie geplant in Vietnam anlegen.

Nach der Entlassung des ersten Patienten werden in Bayern derzeit
noch 13 Infizierte behandelt, die allesamt in Zusammenhang mit dem
Autozulieferer Webasto stehen. Dort hatte eine chinesische
Mitarbeiterin das Virus eingeschleppt. Zwei infizierte
Wuhan-Rückkehrer sind zudem in der Frankfurter Uniklinik
untergebracht, sagte ein Kliniksprecher am Donnerstag.

Neben den Infizierten stehen in Deutschland noch weit mehr als 100
Menschen unter Quarantäne. Derzeit harren 122 Menschen in einer
Kaserne im pfälzischen Germersheim aus, die Anfang Februar aus der
schwer betroffenen chinesischen Stadt Wuhan geholt worden waren. Wann
die Quarantäne dort aufgehoben wird, sollte am Sonntag entschieden
werden. In Berlin sind rund 20 weitere Wuhan-Rückkehrer in
Quarantäne. Auch ein zweiter Test hatte bei ihnen keine Infektionen
gezeigt. In Bayern sollten sogenannte Kontaktpersonen der Infizierten
zu Hause bleiben.

Die weiteren Folgen des Covid-19-Ausbruchs für Deutschland sind
Experten zufolge schwer abzuschätzen. «Wir sind momentan nicht in der
Lage, die Dynamik des Ausbruchs zu prognostizieren», sagte der
Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am
Donnerstag in Berlin. Von einer Pandemie könne man noch nicht
sprechen und es bestehe auch die Chance, dass es keine werde. Der
Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sagte, der
Erreger Sars-CoV-2 vermehre sich wie das Grippevirus im Rachen, was
es ansteckender mache als anfangs vermutet. Wichtig sei, dass sich
jeder Wissen über die Erkrankung aneigne und sich zum Beispiel frage,
wie man Menschen mit Grunderkrankungen in der Familie schützen könne.

Bislang gibt es keine Medikamente, die sich gezielt gegen das Virus
richten. Allerdings können die Symptome von Patienten wie
beispielsweise Atemprobleme bekämpft werden. Vereinzelt werden auch
antivirale Medikamente getestet, etwa bei einem Patienten in Bayern.

Eine neue Zählweise der Ansteckungen in der schwer vom Coronavirus
Sars-CoV-2 betroffenen Provinz Hubei hat zu einem drastischen Anstieg
offiziell gemeldeter Fälle geführt. Die Zahl neuer Infektionen
versiebenfachte sich damit im Vergleich zu den Tagen davor: Mehr als
15 100 Fälle kamen in Festland-China hinzu. Landesweit stieg die Zahl
der Fälle damit auf insgesamt fast 60 000. Die Zahl der Todesfälle
stieg auf mehr als 1300. Generell vermuten Experten eine sehr hohe
Dunkelziffer im Land, unter anderem, weil die Möglichkeiten für
Labortests begrenzt sind.

Nach Auskunft der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beziehen sich
mehr als 13 000 der am Donnerstag neu von China gemeldeten Fälle auf
Patienten aus den vergangenen Wochen. Bei ihnen sei das Virus zudem
nicht mit Labortests nachgewiesen worden, sie hätten sich aber nach
Überzeugung der Ärzte mit dem neuen Coronavirus infiziert, erläuterte

der Nothilfedirektor der WHO, Michael Ryan in Genf. So seien bei
ihnen Lungenentzündung, Fieber, Atemprobleme und andere typische
Covid-19-Symptome festgestellt worden. «Diese Fälle gehen Wochen
zurück, teils bis zum Anfang des Ausbruchs», betonte Ryan.

Nach Angaben von Ryan meldete China am Donnerstag somit 1820 neue vom
Labor bestätigte Infektionen und 13 330 nur klinisch diagnostizierte
Fälle, die zudem Wochen zurückgehen. Die Diagnosen aufgrund von
Symptomen wurden laut WHO nur in der stark betroffenen Provinz Hubei
in die Statistik aufgenommen. Überall sonst werden nur Fälle gezählt,

die durch Labortests bestätigt wurden. Die WHO begrüßte das. Das
erlaube es, Betroffene in Hubei schneller zu isolieren und zu
behandeln und Kontaktpersonen früher unter Beobachtung zu stellen.

Rund zwei Monate nach dem Ausbruch der Epidemie gab es in China
weitere personelle Konsequenzen: Die Parteichefs sowohl der Provinz
als auch der Metropole Wuhan wurden abgelöst, wie das Staatsfernsehen
berichtete. Zuletzt war die Kritik an der Untätigkeit oder langsamen
Reaktion der Behörden auf den Ausbruch immer lauter geworden.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) befürchtet wegen der
Covid-19-Epidemie neue Arzneimittel-Engpässe in Europa. Hintergrund
sei der Produktionsstopp in China bei wichtigen Wirkstoffen, der in
einigen Wochen zu Knappheit in Europa führen könne.

An Bord des unter Quarantäne gestellten Kreuzfahrtschiffes im
japanischen Yokohama stieg die Zahl der nachgewiesenen Infektionen um
44 auf 218. Die Betroffenen wurden in örtliche Krankenhäuser
gebracht. Zudem starb in Japan erstmals ein mit Sars-CoV-2
infizierter Mensch. Wie das Gesundheitsministerium bekanntgab,
handelt es sich um eine Frau in ihren 80ern in der Tokioter
Nachbarprovinz Kanagawa. Nach Erkenntnissen der Behörden war die Frau
in letzter Zeit nicht ins Ausland gereist.

Das Kreuzfahrtschiff «Westerdam» konnte indessen nach tagelanger
Odyssee durch asiatische Gewässer in Sihanoukville in Kambodscha
anlegen. Das Schiff mit 2300 Menschen an Bord durfte zuvor wegen der
Sorge vor einer Einschleppung von Covid-19 mehrere Häfen nicht
anlaufen. Unter den Passagieren waren nach Angaben der Reederei
Holland America Line auch 57 Deutsche. Von Freitagmorgen (Ortszeit)
an sollen die Passagiere von Bord gehen können.

Unterdessen könnte sich bereits die nächste Odyssee eines
Kreuzfahrtschiffes anbahnen: Die «Aidavita» der Rostocker Reederei
Aida Cruises konnte die vietnamesische Hafenstadt Cai Lan in der
Halong Bucht nicht anlaufen. Die örtliche Tourismusbehörde habe
Passagieren und Besatzung untersagt, an Land zu gehen, teilte ein
Mitarbeiter der Behörde mit. Auf der «Aidavita» befinden sich nach
Angaben der Reederei rund 1100 zumeist aus Deutschland kommende
Passagiere und 400 Crew-Mitglieder. Das Schiff sei zuletzt von den
Philippinen gekommen und habe zuvor keinen chinesischen Hafen
angesteuert, sagte ein Sprecher von Aida Cruises. An Bord gebe es
weder Verdachtsfälle noch bestätigte Coronavirus-Erkrankungen.