Gläubige Deutsche ließen Tochter sterben - Fünf Jahre Haft Von Fabian Nitschmann, dpa

12.02.2020 20:03

Ein streng gläubiges Ehepaar lässt seine schwer kranke Tochter
entscheiden, ob sie ins Krankenhaus möchte oder nicht. Die 13-Jährige
verneint - und stirbt. Das Gericht muss klären: Mordeten die beiden
Deutschen durch Unterlassung?

Krems an der Donau (dpa) - Es ist eine der entscheidenden Fragen der
Richterin: Sie will wissen, ob aus der Sicht des Angeklagten die
Menschen nicht in die Natur, in Gottes Pläne, eingreifen dürfen. Der
39 Jahre alte Mann vor ihr überlegt lange. Er ist in Österreich
angeklagt - wegen Mordes durch Unterlassung an seiner eigenen
Tochter, die unter schweren Schmerzen mit 13 Jahren starb. Der
Angeklagte ist streng gläubig, Mitglied einer Freikirche, er
bezeichnet sich als Missionar und Prediger.

Seine chronisch kranke Tochter brachte er auch am 17. September 2019,
ihrem Todestag, nicht in ein Krankenhaus. Stattdessen betete und
fastete er - und wartete auf eine wundersame Heilung. Vor Gericht
machte er deutlich, dass er sich wegen seines Glaubens streng zur
Wahrheit verpflichtet fühlt. Dann beantwortet er die Frage der
Richterin: «Ja.» Er habe bis zum Schluss auf Gott vertraut.

Der Deutsche, geboren in Usbekistan, musste sich am Mittwoch
gemeinsam mit seiner 35-jährigen, in Kasachstan geborenen Frau vor
dem Landesgericht in Krems verantworten. Beide gaben zu, dass sie ihr
Kind vernachlässigt und Hilfe unterlassen haben, ein Mord waren die
Geschehnisse vor fünf Monaten ihrer Meinung nach aber nicht. Das
Geschworenengericht folgte dieser Sicht und verurteilte beide
letztlich nicht wegen Mordes, aber wegen grober Vernachlässigung
einer unmündigen Person mit Todesfolge zu fünf Jahren Haft. In dieser
Beurteilung waren sich die acht Laienrichter einig.

Das Mädchen starb nur zehn Tage nach seinem 13. Geburtstag. Laut
Anklageschrift litt es an einer chronischen Entzündung der
Bauchspeicheldrüse. Ein Kinderarzt erklärte vor Gericht, dass das
Mädchen mit einer Infusionstherapie und mit Insulin hätte gerettet
werden können - auch noch kurz vor dem Tod. Die 13-Jährige hätte
demnach zwar nicht völlig von der Bauchspeicheldrüsenentzündung
geheilt werden können, aber die Erkrankung sei sehr gut behandelbar.
«Kinder können damit gut überleben», sagte der Arzt.

Im Sommer 2017 war das damals schwer kranke Kind in
lebensbedrohlichem Zustand auf Drängen des Jugendamtes im
Krankenhaus, dort wurde die Diagnose gestellt. Die Eltern gaben an,
in den Tagen danach Kontrolltermine bei Ärzten wahrgenommen zu haben
- danach sah das Kind keinen Mediziner mehr, soll den Eltern zufolge
aber auch keine weiteren Gesundheitsprobleme gehabt haben. Laut einem
Gutachter verläuft die diagnostizierte Krankheit «typischerweise
schubweise».

Als das Mädchen im September 2019 über Bauchschmerzen klagte,
brachten die Eltern das zunächst mit der ersten Periode des Mädchens
in Verbindung. Doch der Gesundheitszustand der Tochter
verschlechterte sich weiter - und das Ehepaar ließ das Kind
entscheiden, ob es ins Krankenhaus will oder nicht. «Das war falsch»,
bekennt der Angeklagte. Er sagt das sehr oft, es wirkt ein wenig
auswendig gelernt.

«Sind Sie überzeugt, dass Gott Kranke heilen kann?», will die
Staatsanwältin wissen. «Ja», sagt der Angeklagte, darauf habe er «b
is
zuletzt» gehofft und vertraut, seine Frau formuliert es fast
wortgleich. Bei der Aussage einer Ärztin, die einen Tag nach dem Tod
mit den Eltern sprach, klingt das drastischer: «Entweder er (Gott)
heilt sie oder nicht», zitiert sie den Vater. «Ich habe das Gefühl
gehabt, das war richtig so für sie.»

Zu Beginn des Prozesses wirken beide Eheleute mitgenommen, bei den
einleitenden Worten der Rechtsanwälte kommen auch dem 39-Jährigen die
Tränen. Der Anwalt seiner Frau betont, dass das Ehepaar voller Liebe
und Zuneigung zur Tochter gewesen sei - und damit ganz anders
empfunden habe als Mörder es für gewöhnlich für ihre Opfer tun. Auf

diesen Aspekt stellen die Anwälte ihre Verteidigung: Kann der Tod des
Kindes unter diesen Umständen ein Mord sein?

«Ich hab' mit ihr gesprochen, sie gestreichelt, ihr zu trinken
gegeben. Ich hab' geglaubt, dass Gott sie gesund macht», sagt die
35-Jährige, die bei ihrer Aussage immer wieder zu weinen beginnt,
über die Stunden am Sterbebett. Acht Kinder hat sie auf die Welt
gebracht, als die Tochter starb, war sie gerade im neunten Monat
schwanger. Die Kinder wurden zu Hause unterrichtet, deswegen war das
Ehepaar vor acht Jahren von Deutschland nach Österreich umgezogen. In
der Alpenrepublik gibt es keine Schul-, nur eine Bildungspflicht.

Die Mutter beschreibt ihre gestorbene Tochter als lebendiges Kind,
das gerne Detektivgeschichten gelesen und vieles hinterfragt habe.
Wie die Eltern habe auch die Tochter «alles mit Gott verbunden», um
ältere Menschen habe sie sich gerne gekümmert. «Sie hat jedes Tier
mit nach Hause gebracht und gepflegt. Sie war sehr hilfsbereit.»