Antibiotika-Engpässe möglich - Coronavirus bekommt eigenen Namen

11.02.2020 18:33

Wie viele Menschen sich in China tatsächlich schon mit dem neuen
Coronavirus infiziert haben, ist kaum abschätzbar. Zu den Folgen
gehört, dass Engpässe bei Antibiotika drohen könnten. In Asien findet

zudem ein Kreuzfahrtschiff kein Land, in dem es anlegen darf.

Peking (dpa) - Produktionsausfälle in China wegen des neuen
Coronavirus könnten Pharmaexperten zufolge zu Antibiotika-Engpässen
in Deutschland führen. Da die Herstellung von Wirkstoffen in der
stark betroffenen Provinz Hubei stillstehe, schwänden die
Lagervorräte für die Weiterverarbeitung, sagte Morris Hosseini,
Pharmaexperte bei der Beratungsgesellschaft Roland Berger.
Erschwerend komme dazu, dass mit dem chinesischen Neujahrsfest die
Produktion ohnehin ruhte. Kurzfristig reichten die Bestände noch aus,
doch bei einem längerfristigen Stopp in den chinesischen Werken
drohten Lieferengpässe. Am Abend gab es widersprüchliche
Informationen zur Zählweise der Infektionen in China.

Weltweit sei die Pharmabranche in der Wirkstoff-Produktion abhängig
von China, sagte Hosseini. «Wenn sich die Situation in den
chinesischen Produktionsstätten mittelfristig nicht entspannt, wird
sich die Lage in Europa zuspitzen.» Im Fall von Lieferengpässen
könnten zwar indische Produzenten einspringen - aber nicht
kurzfristig in der benötigten Größenordnung. Behörden sehen noch
keinen Grund zur Sorge. Es lägen «bislang keine Hinweise vor, dass es
aufgrund des Coronavirus zu kurzfristigen Liefer- oder
Versorgungsengpässen kommen wird», teilte das Bundesinstitut für
Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn mit.

Die neue Lungenerkrankung bekam am Dienstag einen eigenen Namen. Sie
werde nun Covid-19 genannt, sagte der Chef der
Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus. Covid
steht für «COrona VIrus Disease». Zugleich erhielt auch das zunächs
t
vorläufig 2019-nCoV genannte neue Coronavirus eine eigene
Bezeichnung: Sars-CoV-2. Der Namensgeber des Erregers, die
Coronavirus-Studiengruppe des Internationalen Komitees zur Taxonomie
von Viren bezieht sich mit dem Namen Sars-CoV-2 auf die sehr enge
Verwandtschaft zum Sars-Virus (wissenschaftlich: Sars-CoV), an dem
2002/2003 Hunderte Menschen gestorben waren. Die Viren sind Experten
zufolge Varianten ein und derselben Virusart.

Aus Sorge vor dem Coronavirus kann in Asien ein aus Hongkong
kommendes Kreuzfahrtschiff nicht andocken - obwohl keine Fälle an
Bord bekannt sind. Thailands Gesundheitsminister Anutin Charnvirakul
erklärte am Dienstag bei Facebook, er habe untersagen lassen, dass
die «Westerdam» festmacht. Zuvor hatten dies schon Taiwan und Japan
verweigert, wie die Reederei Holland America Line schilderte. An Bord
sind demnach rund 1500 Gäste und 800 Besatzungsmitglieder. Darunter
seien einige Deutsche, hieß es am Dienstagabend aus dem Auswärtigen
Amt.

Das neuartige Coronavirus hat in China inzwischen mehr als 1000
Menschen das Leben gekostet. 108 neue Todesfälle wurden erfasst - so
viele wie nie zuvor binnen eines Tages. Nachweislich infiziert haben
sich nach der offiziellen Statistik bisher gut 42 600 Menschen, knapp
2500 mehr als noch am Vortag.

Allerdings zählt die zuständige chinesische Gesundheitskommission
Menschen, bei denen das Virus mit einem Test nachgewiesen wurde, die
aber keine Symptome der Lungenkrankheit zeigen, schon seit einigen
Tagen nicht mehr mit - ein Vorgehen, dass klar der Definition der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) widerspricht. Die WHO betrachtet
jemanden als nachweislich infiziert, wenn eine 2019-nCoV-Infektion
durch ein Labor bestätigt wurde - «ungeachtet klinischer Zeichen oder
Symptome», wie es heißt. Die WHO in Genf hatte zunächst keine
Kenntnis von einer derartigen Änderung der Statistik. Vielmehr sei
die Definition, welche Fälle gezählt werden, nach ihren Informationen
erweitert worden, sagte WHO-Expertin Sylvie Briand am Dienstagabend
in Genf.

Generell dürfte die Dunkelziffer nicht erfasster Fälle in China
immens sein. «Wir sehen nicht den echten täglichen Anstieg, sondern
die tägliche Obergrenze in der Fähigkeit, neue Fälle zu
identifizieren», erklärte der Coronavirus-Experte Christian Drosten
von der Berliner Charité. Es könne sein, dass das Hindernis im
Meldesystem die Testung ist, es könne aber auch etwas anderes sein.
«Ich gebe inzwischen nichts mehr auf diese Zahlen.»

Vor dem Hintergrund von Vorwürfen über eine zu langsame Reaktion der
Behörden auf den Ausbruch, der im Dezember in Zentralchina begann,
gab es personelle Konsequenzen: Wie Chinas Staatsfernsehen
berichtete, wurden die Chefs der Gesundheitskommission in der
besonders schwer betroffenen Provinz Hubei entlassen. Von neuer
Offenheit im Umgang mit der Epidemie lässt sich aber weiter nicht
reden. So setzte die Polizei zwei chinesische «Bürgerjournalisten»
fest, die im Internet über die überfüllten Krankenhäuser in Wuhan,

der schwer vom Virus heimgesuchten Provinzhauptstadt von Hubei,
berichtet hatten.

Wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) unter
Verweis auf Familie und Freunde berichtete, hatten Polizisten den
Anwalt Chen Qiushi und den Blogger Fang Bin «unter dem Vorwand der
Quarantäne abgeholt». Seither seien beide nicht mehr über ihr Handy
erreichbar, was in Isolation möglich sein müsste. Die Videos von Fang
Bin, der auch Leichensäcke gefilmt hatte, waren um die Welt gegangen.
Chen Qiushi schilderte in einem Video: «Es gibt nicht genug
Gesichtsmasken, nicht genug Schutzanzüge, nicht genug Material und
was noch wichtiger ist, nicht genug Tests.»

Der Chef der WHO rief die Welt zu Solidarität auf. «Es geht jetzt
nicht um Publikationen, Patente und Profite», sagte Tedros Adhanom
Ghebreyesus am Dienstag zum Auftakt eines Expertengipfels in Genf.
«Jetzt geht es darum, den Ausbruch zu stoppen und Leben zu retten.
Mit Ihrer Unterstützung können wir das hinbekommen.» In Genf tagen
bis Mittwoch Experten aus aller Welt, um die Erforschung des Virus
voranzubringen und möglichst die Grundlage zur Entwicklung eines
Impfstoffs zu legen.

Nach Ansicht des Fraktionsvorsitzenden der Europäischen Volkspartei
im Europaparlament, Manfred Weber, fehlt der EU ein gemeinsames
Vorgehen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Bisher habe es
lediglich nationale Reaktionen und keine koordinierte Antwort
gegeben, sagte Weber am Rande der EU-Parlamentswoche in Straßburg.
Die EU hat bei der Reaktion auf das Coronavirus generell nur wenig
Kompetenz, diese liegt primär bei den Mitgliedsstaaten selbst. Die
EU-Gesundheitsminister werden am Donnerstag zu einem Sondertreffen in
Brüssel erwartet, auch der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn
(CDU) will teilnehmen.