Antibiotika-Engpässe möglich - China ändert Coronavirus-Statistik

11.02.2020 15:52

Wie viele Menschen sich in China tatsächlich schon mit dem neuen
Coronavirus infiziert haben, ist kaum abschätzbar. Zu den Folgen
gehört, dass Engpässe bei Antibiotika drohen könnten. In Asien findet

zudem ein Kreuzfahrtschiff kein Land, in dem es anlegen darf.

Peking (dpa) - Produktionsausfälle in China wegen des neuen
Coronavirus könnten Pharmaexperten zufolge zu Antibiotika-Engpässen
in Deutschland führen. Da die Herstellung von Wirkstoffen in der
stark betroffenen Provinz Hubei stillstehe, schwänden die
Lagervorräte für die Weiterverarbeitung, sagte Morris Hosseini,
Pharmaexperte bei der Beratungsgesellschaft Roland Berger.
Erschwerend komme dazu, dass mit dem chinesischen Neujahrsfest die
Produktion ohnehin ruhte. Kurzfristig reichten die Bestände noch aus,
doch bei einem längerfristigen Stopp in den chinesischen Werken
drohten Lieferengpässe.

Weltweit sei die Pharmabranche in der Wirkstoff-Produktion abhängig
von China. «Wenn sich die Situation in den chinesischen
Produktionsstätten mittelfristig nicht entspannt, wird sich die Lage
in Europa zuspitzen», so Hosseini. Im Fall von Lieferengpässen
könnten zwar indische Produzenten einspringen - aber nicht
kurzfristig in der benötigten Größenordnung. Behörden sehen noch
keinen Grund zur Sorge. Es lägen «bislang keine Hinweise vor, dass es
aufgrund des Coronavirus zu kurzfristigen Liefer- oder
Versorgungsengpässen kommen wird», teilte das Bundesinstitut für
Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn mit.

Aus Sorge vor dem Coronavirus kann in Asien ein aus Hongkong
kommendes Kreuzfahrtschiff nicht andocken - obwohl keine Fälle an
Bord bekannt sind. Thailands Gesundheitsminister Anutin Charnvirakul
erklärte am Dienstag bei Facebook, er habe untersagen lassen, dass
das Schiff festmacht. Zuvor hatten dies schon Taiwan und Japan
verweigert, wie die Reederei Holland America Line schilderte. An Bord
sind demnach rund 1500 Gäste und 800 Besatzungsmitglieder.

Das neuartige Coronavirus hat in China inzwischen mehr als 1000
Menschen das Leben gekostet. 108 neue Todesfälle wurden erfasst - so
viele wie nie zuvor binnen eines Tages. Nachweislich infiziert haben
sich nach der offiziellen Statistik bisher gut 42 600 Menschen, knapp
2500 mehr als noch am Vortag.

Allerdings zählt die zuständige Gesundheitskommission Menschen, bei
denen das Virus mit einem Test nachgewiesen wurde, die aber keine
Symptome der Lungenkrankheit zeigen, schon seit einigen Tagen nicht
mehr mit - ein Vorgehen, dass klar der Definition der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) widerspricht. Die WHO betrachtet
jemanden als nachweislich infiziert, wenn eine 2019-nCoV-Infektion
durch ein Labor bestätigt wurde - «ungeachtet klinischer Zeichen oder
Symptome», wie es heißt. Ein Grund, warum die Statistik geändert
wurde, nannte die chinesische Kommission nicht.

In welchem Ausmaß Infektionen gar nicht erst erfasst werden, ist
vollkommen unklar. Mit dem Coronavirus infizierte Menschen können in
der Inkubationszeit schon selbst ansteckend sein - auch wenn sie
keine prägnanten Symptome zeigen. Experten gehen in der Regel von bis
zu 14 Tagen aus. Die WHO hatte zuletzt betont, dass rund 80 Prozent
der Infektionen einen milden Verlauf nähmen.

Generell dürfte die Dunkelziffer nicht erfasster Fälle in China
immens sein. «Wir sehen nicht den echten täglichen Anstieg, sondern
die tägliche Obergrenze in der Fähigkeit, neue Fälle zu
identifizieren», erklärte der Coronavirus-Experte Christian Drosten
von der Berliner Charité. Es könne sein, dass das Hindernis im
Meldesystem die Testung ist, es könne aber auch etwas anderes sein.
«Ich gebe inzwischen nichts mehr auf diese Zahlen.»

Vor dem Hintergrund von Vorwürfen über eine zu langsame Reaktion der
Behörden auf den Ausbruch, der im Dezember in Zentralchina begann,
gab es personelle Konsequenzen: Wie Chinas Staatsfernsehen
berichtete, wurden die Chefs der Gesundheitskommission in der
besonders schwer betroffenen Provinz Hubei entlassen. Von neuer
Offenheit im Umgang mit der Epidemie lässt sich aber weiter nicht
reden. So setzte die Polizei zwei chinesische «Bürgerjournalisten»
fest, die im Internet über die überfüllten Krankenhäuser in Wuhan,

der schwer vom Virus heimgesuchten Provinzhauptstadt von Hubei,
berichtet hatten.

Wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) unter
Verweis auf Familie und Freunde berichtete, hatten Polizisten den
Anwalt Chen Qiushi und den Blogger Fang Bin «unter dem Vorwand der
Quarantäne abgeholt». Seither seien beide nicht mehr über ihr Handy
erreichbar, was in Isolation möglich sein müsste. Die Videos von Fang
Bin, der auch Leichensäcke gefilmt hatte, waren um die Welt gegangen.
Chen Qiushi schilderte in einem Video: «Es gibt nicht genug
Gesichtsmasken, nicht genug Schutzanzüge, nicht genug Material und
was noch wichtiger ist, nicht genug Tests.»

Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief die Welt zu
Solidarität auf. «Es geht jetzt nicht um Publikationen, Patente und
Profite», sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus am Dienstag zum Auftakt
eines Expertengipfels in Genf. «Jetzt geht es darum, den Ausbruch zu
stoppen und Leben zu retten. Mit Ihrer Unterstützung können wir das
hinbekommen.» In Genf tagen bis Mittwoch Experten aus aller Welt, um
die Erforschung des Virus voranzubringen und möglichst die Grundlage
zur Entwicklung eines Impfstoffs zu legen.

Nach Ansicht des Fraktionsvorsitzenden der Europäischen Volkspartei
im Europaparlament, Manfred Weber, fehlt der EU ein gemeinsames
Vorgehen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Bisher habe es
lediglich nationale Reaktionen und keine koordinierte Antwort
gegeben, sagte Weber am Rande der EU-Parlamentswoche in Straßburg.
Die EU hat bei der Reaktion auf das Coronavirus generell nur wenig
Kompetenz, diese liegt primär bei den Mitgliedsstaaten selbst. Die
EU-Gesundheitsminister werden am Donnerstag zu einem Sondertreffen in
Brüssel erwartet, auch der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn
(CDU) will teilnehmen.