Kampf gegen Lagerkoller: Alltag in Quarantäne für China-Rückkehrer Von Wolfgang Jung, dpa

07.02.2020 10:38

Rund 120 China-Rückkehrer harren seit Tagen in einer Kaserne in der
Pfalz aus. Frühestens in einer Woche wissen sie zuverlässiger, ob sie
mit dem Coronavirus infiziert sind. Nun könnten weitere Deutsche aus
China ausgeflogen werden und in Quarantäne kommen.

Germersheim (dpa) - Erst gab es Pichelsteiner Eintopf, dann kam die
erfreuliche Nachricht. Bei keinem der rund 120 China-Rückkehrer in
Quarantäne im pfälzischen Germersheim lässt sich derzeit das
Coronavirus nachweisen, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt. Aber
den abgeschirmten Block 4 in der Bundeswehrkaserne dürfen die Männer,
Frauen und Kinder trotzdem vorerst nicht verlassen. Rund 14 Tage
dauert ihre Isolation, fast die Hälfte ist jetzt wohl vorbei.

Am Wochenende könnten noch mehr Rückkehrer aus China in Quarantäne
kommen: Die Bundesregierung will nach Angaben des Auswärtigen Amts
weitere deutsche Staatsbürger und ihre Angehörigen aus Wuhan
zurückholen. Es gebe in Wuhan «einzelne Personen», die sich erst nach

dem Rückholflug am vergangenen Samstag gemeldet oder es nicht
rechtzeitig zum Flughafen geschafft hätten, bestätigte das Auswärtige

Amt der Deutschen Presse-Agentur. «Wir bemühen uns intensiv darum,
auch diesen Personen eine Ausreise zu ermöglichen.» Möglicherweise
können sie mit einer größeren Gruppe von Briten ausfliegen. Sie
sollen laut «Spiegel» in einer Klinik in Berlin-Köpenick in
Quarantäne kommen.

In der Kaserne von Germersheim richten sich die Menschen unterdessen
ein, so gut es geht. «Die Stimmung unter den Rückkehrern ist
insgesamt gut», sagt der Germersheimer Landrat Fritz Brechtel (CDU).
Den Rückkehrern stehen 128 Zimmer in dem noch recht neuen Block zur
Verfügung. Es sind eher kleine Räume mit Tisch und Etagenbett sowie
Kühlschrank, Fernseher und Badezimmer. Wer rauchen oder sich die
Beine vertreten möchte, kann dies auf einem umzäunten Areal rund um
den Block tun. Allein sind die Rückkehrer nicht: Rund 20 Betreuer vom
Deutschen Roten Kreuz (DRK) sind freiwillig mit in Quarantäne
gegangen.

In dem Gebäude mit der aufgemalten Zahl 4 gelten klare Regeln.
Zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens herrscht Nachtruhe, und
mindestens dreimal täglich soll der Mundschutz gewechselt werden,
heißt es in einem Aushang. Händeschütteln ist grundsätzlich
untersagt. An vielen Stellen hängen Handdesinfektionsspender. Täglich
wird Fieber gemessen, und ein Arzt erkundigt sich regelmäßig nach dem
Wohlbefinden der Rückkehrer. Sie waren am Samstag an Bord einer
Sondermaschine in Frankfurt gelandet. Bei zwei Passagieren wurde das
Coronavirus nachgewiesen, sie kamen in das Uniklinikum Frankfurt.

Einer, der weiß, wie sich Reizarmut und Zeitüberfluss in Quarantäne
überstehen lassen, ist Oliver Knickel. 2009 simulierte der damalige
Bundeswehrsoldat 105 Tage lang zusammen mit fünf Männern einen Flug
zum Mars. «Am meisten vermisst man die kleinen Dinge des Alltags,
etwa gute Gespräche, Freunde oder Hobbys», sagt er. Über die
Situation zu jammern, helfe aber nicht weiter. «Man sollte sich jeden
Tag selbst einige Aufgaben stellen und Ziele setzen und auch ohne
äußere Zwänge einen geregelten Tagesablauf etablieren», rät Knick
el.
«Und man sollte überlegen, was man macht, wenn die Zeit vorbei ist.
Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.»

In der Germersheimer Kaserne gibt ein Kiosk im Quarantäne-Block
Getränke und kleine Snacks aus. Aus Gründen der Hygiene sollen die
Rückkehrer in ihren Zimmern essen. Zwei Wochen in einem Gebäude auf
einem eingezäunten Areal: Besteht da nicht die Gefahr von
Lagerkoller? «Wir versuchen alles, damit es nicht dazu kommt», sagt
Kai Kranich vom DRK. So gebe es unter anderem eine psychologische
Betreuung. Damit es nicht langweilig wird, werden den Rückkehrern
auch Bücher angeboten.